+
Die Kelterei Heil in Ossenheim wird bei der Bombardierung am 11. September 1944 völlig zerstört.

Vor 75 Jahren

82 Bomben treffen ins Herz von Ossenheim

  • schließen

Die US-Jagdbomber kamen zur Mittagszeit. 82 Bomben warfen sie vor 75 Jahren, am 11. September 1944, über Ossenheim ab. Zeitzeuge Horst Walther erinnert sich.

Sechs Menschen starben bei dem Bombenabwurf in Ossenheim sofort, vier wurden schwer verletzt. Der damals zwölfjährige Horst Walther war Augen- und Ohrenzeuge des Angriffs: "Es gab einen großen Knall, die Dachziegel flogen durch die Luft. Dann war alles voller Staub." Die Szene ist nicht die einzige, die sich dem 87-Jährigen vom Ende des Krieges ins Gedächtnis eingebrannt hat.

Beim Aufräumen des Bauschutts kam Helmut Gübler in den Besitz eines Bombensplitters, den er bis heute aufgehoben hat. Der Splitter wiegt 3,2 Kilogramm und ist rund 70 Zentimeter lang.

Die Sirenen heulten an jenem 11. September vor 75 Jahren. Aber die meisten Ossenheimer, so wird es erzählt, kümmerten sich nicht groß darum. Zu oft hatte es schon Alarm gegeben, stets waren die Jagdbomber über den kleinen Ort östlich von Friedberg hinweggeflogen. Mehrere Bauern hatten unter ihren Scheunen Tunnel gegraben und Luftschutzbunker angelegt. Sie blieben meist ungenutzt. Als die Flieger wieder verschwunden waren, kam Horst Walther aus dem Keller des heimischen Bauernhofs. An der Ortsdurchfahrt traf er einen Wachmann der polnischen Arbeiter, die überall auf den Feldern halfen. Der Wachmann habe sich mit ihm unterhalten, erzählt Walther.

Die Mutter ruft ihn zurück

Plötzlich habe er am Himmel eine Fliegerstaffel entdeckt. Ein gutes Dutzend Jagdbomber, die aus Richtung Bauernheim kamen. "Ich hatte keine Angst. Die großen Verbände waren ja schon weg." Was sollten da die vielleicht zwölf Maschinen, die immer näher kamen, schon anrichten? Seine Mutter habe ihn über die Straße hinweg gerufen, erzählt Walther. "Sie rief, ich solle ihr bei irgendwas helfen." Heute weiß Walther, dass das nur vorgeschoben war, dass die Mutter ihn in Sicherheit wissen wollte. "Als ich im Hof war, flogen die Dachziegel. Es war nichts mehr zu sehen, alles war plötzlich voller Staub." Als sich der Staub gelegt hatte, zählten die Ossenheimer neben Toten und Verletzten auch fast 80 Bombentrichter im Dorf. "Einer direkt im Garten nebenan."

Horst Walther, Erich Wagner und Norbert Glitzenhirn (v. l.) erinnern an das furchtbare Kapitel der Dorfgeschichte.

Der 11. September 1944 traf Ossenheim in seinem Mark. Eine in Frankfurt ausgebombte Frau wurde auf der (dann total zerstörten) Wetterbrücke "in Stücke gerissen", wie es in der Ortschronik heißt. Horst Walther erinnert sich an ein polnisches Mädchen namens Johanna, das sich im Keller eines von einer Bombe getroffenen Hauses aufgehalten hatte. Der Körper des Mädchens habe außerhalb des Explosionsherdes gelegen.

Warum gerade Ossenheim?

"Ich sehe das genau vor mir. Es war ein wunderschöner Sonnentag", sagt Walther. Danach war nichts mehr schön, und die Angst, die der Zwölfjährige beim Anblick der nahenden Flugzeuge gerade nicht gespürt hatte, war nun ganz real und blieb dem Jungen erhalten. Die Erinnerungen wiegen schwer, sie sind nicht mehr zu vertreiben.

Der Ossenheimer SPD-Stadtverordnete Erich Wagner und Norbert Glitzenhirn konnten Walther überreden, die schrecklichen Erlebnisse noch einmal zu rekapitulieren. "Als ich Ortsvorsteher war und beim Volkstrauertag Ansprachen hielt, habe ich auch diesen Tag angesprochen, der für Ossenheim ein Tag des Schreckens war", sagt Wagner. Die Einwohner seien damals an die Überflüge gewöhnt gewesen, deshalb hätten viele die Keller nicht aufgesucht. "Was sollten wir in unserem Dörfchen auch schon zu befürchten haben?"

Aber warum gerade Ossenheim? Glaubten die US-Militärs, dass in der Schudtschen Mühle, einem stattlichen Gebäude am Ortsrand, kriegswichtige Dinge produziert wurden? Oder verhielt es sich so, wie Glitzenhirn annimmt: Die Jagdbomber konnten mit ihren Bomben nicht landen, mussten vorher ihre Tod-bringende Fracht abladen. Dann wäre dies ein "Notabwurf" gewesen.

Die Erinnerungen lassen ihn nicht los

Manche Erinnerungen lassen einen nie mehr los. Walther erzählt vom Absturz eines deutschen Jagdbombers an der Wetterbrücke. Der Stumpf einer Weide, die bei dem Absturz beschädigt wurde, stehe heute noch am Ufer. "Das hatte ich fast vergessen", ruft Walther aus, als Wagner den "Scheinflughafen" in den Markwiesen Richtung Bauernheim erwähnt: Mit Pappmodellen von Flugzeugen sollten feindliche Bomber getäuscht werden. Walther: "Das war abgesperrt, da durfte man nicht hin. Aber vom Friedhof aus konnte man hinüberschauen."

Von der Anhöhe oberhalb des Dorfs sah der Bub das brennende Frankfurt. "Das sind Bilder, die kann sich keiner vorstellen, der das nicht selbst gesehen hat", sagt Walther. Er dürfte der letzte Ossenheimer sein, der sich noch an die Bombardierung vom 11. September 1944 erinnern kann. "Ich denke immer noch daran." Er höre noch heute das Geräusch der viermotorigen Maschinen, spüre noch, wie der Boden zitterte und die Kühe im Stall leise brummten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare