Höhepunkt in Werner Zülchs Schwitters-Hommage ist seine Rezitation des Gedichts, in dem ein Stotterer von einem Fischgerippe erzählt, das er auf einem Felsen fand. FOTO: GK
+
Höhepunkt in Werner Zülchs Schwitters-Hommage ist seine Rezitation des Gedichts, in dem ein Stotterer von einem Fischgerippe erzählt, das er auf einem Felsen fand. FOTO: GK

"Blau ist die Farbe deines gelben Haares"

  • vonGerhard Kollmer
    schließen

Friedberg(gk). Ein besseres Ambiente als den großen Saal des Theaters Altes Hallenbad hätte es für die kurze, aber dafür umso intensivere Performance, mit der Werner Zülch vom Aktionstheater Kassel am letzten Samstagabend die leider nur wenigen Zuschauer elektrisierte, wohl kaum geben können.

Die ehemalige Schwimmhalle mit umlaufender Balustrade versprüht - ungeachtet der aufwendigen Umbauten seit der Wiedererweckung des Bades aus dreißigjährigem Dornröschenschlaf vor gut zehn Jahren - noch immer den Charme der Dekadenz und ist idealer Ort für Veranstaltungen, die aus dem Rahmen des Üblichen fallen.

Chaotische Welt der Dinge

Ein Herr im eleganten Zweireiher schreitet von der Balustrade herab, dabei ein Gedicht des 1887 in Hannover geborenen und 1948 vereinsamt im englischen Exil gestorbenen Gesamtkünstlers Kurt Schwitters rezitierend: "Oh lieber Onkel Heini, wie krumm sind deine Beini". Auf dem Boden, wo sonst das Publikum sitzt, das diesmal auf der und um die Bühne herum platziert ist (ein guter Einfall!), befinden sich zahlreiche Gegenstände - unter anderem eine Nähmaschine, Dia- und Overheadprojektor mit dazugehöriger Leinwand, drei Notenständer, ein Stuhl, ein Dutzend miteinander verkabelte Glühbirnen.

Diese Ansammlung von "objets trouvées" ist die perfekte Nachbildung der sogenannten "Merz"-Bühne (nach dem Wort "Kommerz") im gutbürgerlichen Elternhaus des Typografen, Malers und Literaten Schwitters, der sich nach dem Ersten Weltkrieg der DADA-Bewegung anschließt - dabei aber immer seine eigenen Wege gehend.

Werner Zülch alias Kurt Schwitters wandelt, beziehungsweise stolziert bedächtig durch diese scheinbar chaotische Welt der Dinge und rezitiert lyrische wie Prosatexte aus dem reichhaltigen, heute weitgehend vergessenen Œuvre dieses singulären Künstlers; zum Beispiel dessen seinerzeit berühmtes "Anna Blume"-Gedicht:

Mit einem Diaprojektor

"O, du Geliebte meiner 27 Sinne. Du deiner dich dir, ich dir, du mir. Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die Hände. Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt. Blau ist die Farbe deines gelben Haares. Rot ist das Girren deines grünen Vogels": In köstlichen Poemen wie diesem wird einerseits hohl gewordenes traditionelles Kunstpathos parodiert, andererseits lustvoll mit Sprache gespielt.

Unbestrittener Höhepunkt in Werner Zülchs einstündiger Schwitters-Hommage ist seine Rezitation des Gedichts, in dem ein Stotterer von einem Fischgerippe erzählt, das er auf einem Felsen fand - ein Musterbeispiel dadaistischer Lautpoesie. Er trägt es auf einem zum Ruderboot "umfunktionierten" Stuhl stehend vor. "Mit welch hinreißendem Schwung sang, trillerte, flüsterte, schnarrte, jubelte Schwitters seine ›Ursonate‹, bis die Zuhörer aus ihrer grauen Haut fuhren. Es gelangen ihm übermenschliche, verführerische, sirenenhafte Klänge": Dieses enthusiastische Lob stammt aus der Feder des dadaistischen Malers und Literaten Jean Arp.

Overhead- und Diaprojektor dienen Zülch dazu, biografische Informationen über Schwitters in sein Rezitationsprogramm einzustreuen. Bis zu seinem 50. Lebensjahr wohnt er im Elternhaus, um dann 1938 als von den braunen Machthabern als "entarteter Künstler" Diffamierter erst nach Norwegen und 1940 nach England zu fliehen.

"Ich bin elektrisch, ich habe Kontakt": Zülch verabschiedet sich im Alten Hallenbad mit diesen Worten vom heftig applaudierenden Publikum - "gewandet" in die Lichterkette der zwölf Glühbirnen. Ein wunderbarer, poetischer Abend!

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare