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Wohnquartier »Zuckerfabrik« in Friedberg

Biologe: Plastik im Bahndamm zersetzt sich nicht

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Die Plastikfolie im Bahndamm hinter dem Wohnquartier »Zuckerfabrik« in Friedberg werde sich zersetzen, sagt der Bauträger. Der Biologe Dr. Stefan Nawrath widerspricht.

Anwohner hatten im Ortsbeirat der Kernstadt von der Plastikfolie im Hang berichtet. An vielen Stellen rage sie aus dem Boden. Laut Bauträger wurde sie in den Hang eingearbeitet, damit die Anpflanzungen bei starken Regenfällen nicht weggeschwemmt werden. Die Folie dämme das Wachstum von Unkraut und stärke die Wurzeln der Pflanzen. Die Anwohner indes sagen, das Pflanzenwachstum am Bahndamm lasse sehr zu wünschen übrig; es gebe viele kahle Stellen. Und schön ist eine schwarze Plastikfolie, die aus der Erde hervorschaut, auch nicht.

Aber hier geht es nicht um ästhetisches Empfinden, es geht um die Belastung der Natur mit chemischen Stoffen, wie Dr. Stefan Nawrath, der für die Grünen im Ortsbeirat Ossenheim sitzt, erläutert

»Die Plastikfolie auf der Zuckerfabrik-Böschung beschäftigt mich schon seit 2017«, sagt der Biologe. »Das ist ein Lehrstück für Politikversagen und Ignoranz gegenüber den Naturschutzbelangen und den Festsetzungen in B-Plänen. Und zugleich ein Lehrstück, warum die Natur immer weiter den Bach runtergeht.«

Seit 2017 seien die Stadtverwaltung Friedberg, die Bürgermeister und das Bauamt, ferner »Stadtparlament und Ausschuss, Kreisbauamt, Naturschutzbeirat, UNB und Anwohner« mit der Plastikfolie beschäftigt. Verschiedenste Personen hätten sich bereits für die Einhaltung der Festsetzungen im Bebauungsplan engagiert. »Ich könnte eine 50-seitige Dokumentation über alle Aktivitäten und Schriftwechsel, Fotodokumentation etc. erstellen. Bis heute ist die Folie immer noch da, und die B-Plan-Auflagen sind immer noch nicht umgesetzt.«

Die Festsetzungen im B-Plan, die Nawrath anspricht, sind folgende: Die im Plan ausgewiesenen »Flächen zum Anpflanzen von Bäumen und Sträuchern« sind mit standortgerechten Gehölzen der Pflanzliste zu bepflanzen; je zwei Quadratmeter dieser Fläche ist mindestens ein Strauch zu pflanzen; je 400 Quadratmeter Fläche ist mindestens ein Laubbaum zu pflanzen; die gehölzfreien Bereiche sind mit einer Gräser-Kräuter-Mischung einzusähen.

Bepflanzung ist gebietsfremd

Dies, sagt Nawrath, sei nicht erfolgt. »Es fing damit an, dass die Firma Bücher die Böschung 2017 komplett in Plastikfolie eingepackt hat und vollständig mit nur einer einzigen Art, dem gebietsfremden Bodendecker-Strauch Cotoneaster, bepflanzt hat.«

Um welche Folie es sich genau handelt, will das Stadtbauamt nun in Erfahrung bringen. Nawrath tippt auf eine sogenannte Mulchmatte, bestehend aus einer Kokosfaserlage, die mit einer zweilagigen, geschlitzten PE-Folie über ein PP-Netzgewebe versteppt ist.

PE (Polyetylen) zeichne sich durch eine hohe Witterungsbeständigkeit aus. »Die Matte löst sich nicht selber auf. Über die Jahre zerfällt sie vielmehr zu terrestrischem Mikroplastik, kontaminiert den Boden und belastet das Ökosystem.« Böschungsstabilität und Erosionssschutz hätte man ebenso (»oder besser und vor allem naturnäher«) mit einer Kräuter-Einsaat unter Hinzugabe eines Schnellbegrüners erzielen können, sagt der Biologe.

Die Anpflanzungen am Bahndamm seien »naturfern«: »Es wurden zunächst alleinig standort- bzw. gebietsfremde Gehölze einer einzigen Art gepflanzt (Cotoneaster). Es wurde im Folgejahr nachgepflanzt, aber ebenfalls wieder vorwiegend mit standortfremden Gehölzen, was teilweise gegen den B-Plan verstoße. Statt einer Einsaat mit einer Gräser-Kräuter-Mischung, wie im B-Plan vorgegeben, sei der Hang dann in eine Plastikfolie eingepackt worden. »Diese macht eine Einsaat oder auch die spontane Etablierung einer Gräser-Kräuter-Vegetation auf den Freiflächen unmöglich.« Auch dies ein Verstoß gegen die B-Plan-Festsetzungen.

Keine Chance für Regenwurm und Co.

Die Folie habe verheerende Auswirkungen auf das Ökosystem, solange sie intakt sei. Nawrath: »Sie trennt den Boden von der Humusschicht ab, die durch herabfallende Blätter etc. entsteht. Die Bodenfruchtbarkeit nimmt dadurch ab. Regenwürmer und andere Bodentiere können das organische Material nicht in den Boden einarbeiten. Das Bodenleben ist erheblich beeinträchtigt. Viele Tiere wie Amseln oder Igel finden nur noch wenig Nahrung.« Wenn die Folie zerfalle, entwickele sich die Mikroplastik-Problematik.

Laut Nawrath gibt es nur eine Lösung für die Umsetzung der B-Plan-Festsetzungen: »Die Folie muss entfernt werden, ebenso die gebietsfremden Gehölze.« Wer Grünflächen auf diese naturferne Weise anlege, leiste dem Artensterben Vorschub. Nawrath: »Zudem besteht offensichtlich keine Bereitschaft, sich an die Festsetzungen der B-Pläne zu halten, zum Schaden der Natur.«

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