Von oben betrachtet sind die 2018 im Bingenheimer Ried angelegten Inseln am besten zu sehen. Es sind die relativ kleinen, dunklen Flächen auf dem Wasser. Nach und nach kommen sie bei sinkendem Wasserstand zum Vorschein.
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Von oben betrachtet sind die 2018 im Bingenheimer Ried angelegten Inseln am besten zu sehen. Es sind die relativ kleinen, dunklen Flächen auf dem Wasser. Nach und nach kommen sie bei sinkendem Wasserstand zum Vorschein.

Naturschutz im Ried

Bingenheimer Ried: Diese Maßnahmen sollen bedrohten Vogelarten helfen

  • Anna-Luisa Hortien
    vonAnna-Luisa Hortien
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Das Bingenheimer Ried zwischen Echzell und Reichelsheim bietet vielen seltenen und vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten ein Zuhause. Damit das so bleibt, werden immer wieder neue Maßnahmen zum Naturschutz getroffen.

Die Sonne scheint. Ein lauer Wind bewegt das Gras. Aus den überfluteten Wiesen kommt lautes Quaken, Zierpen, Zwitschern und Schnattern. Ein Zeichen für die Vielfalt im Bingenheimer Ried. Die lässt sich am besten mit dem Fernglas erkunden. Wer Glück hat, entdeckt aktuell ein kleines Kiebitz-Küken auf einer Insel im Wasser. Die bedrohten Vögel finden in den Auen der Wetterau viele Brutplätze.

Um die Bedingungen für bedrohte Arten wie den Kiebitz im Bingenheimer Ried zu verbessern, sind dort Ende 2018 rund 15 kleine Inseln mit Erde aufgeschüttet worden. Die kam aus einem Graben, der zuvor vertieft worden war. Sie sind von Wasser umgeben und sollen Fressfeinde von den Vögeln fern halten.

»Aktuell sind vier Inseln von Kiebitz-Paaren besetzt«, sagt Udo Seum, Leiter des Arbeitskreises Wetterau der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). Die Bedingungen für die schwarzweißen Bodenbrüter hätten sich verbessert, aber noch immer würden zu viele Jungvögel sterben. »Wir mussten feststellen, dass sich der Fuchs durch das Wasser nicht unbedingt abhalten lässt«, sagt Stefan Stübing (HGON). »Aber auch Waschbär und Mink werden eine immer größere Bedrohung.«

Bingenheimer Ried: Inseln kommen erst nach und ch zum Vorschein

Besser läuft es für die Kiebitze auf einer Wiese zwischen Florstadt und Reichelsheim. Seit 2018 schützt ein zwei Meter hoher Elektrozaun die Fläche. Darin sind Kiebitze und ihr Nachwuchs sicher vor Räubern wie Füchsen oder Waschbären. Dort brüten in diesem Jahr rund 70 Paare. »Das ist ein Viertel der gesamten Population in Hessen«, sagt Seum, der die Tiere seit Jahren genauestens beobachtet. Im vergangenen Jahr waren es 49 Paare, die rund 80 Junge großgezogen haben. Zum Vergleich: In ganz Hessen gibt es rund 250 Kiebitz-Paare. Die Populationen gehen weltweit zurück, die Art ist auf der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands als stark gefährdet eingestuft.

Im vergangenen Jahr wurden von 49 Kiebitz-Paaren rund 80 Junge großgezogen.

Aktuell ragen im Ried alle Inseln aus dem Wasser heraus. Das ist aber nicht immer so. Manch ein Besucher mag sich im Winter und Frühjahr gefragt haben, wo die Inseln sind. »Wir versuchen, den natürlichen Rhythmus der Auen mit Überschwemmung und Austrocknen zu simulieren und aufrechtzuerhalten«, sagt Stübing. Deshalb kommen die überfluteten Inseln erst nach und nach zum Vorschein. »Der Kiebitz zum Beispiel sucht offene, unbewachsene Flächen.«

Bingenheimer Ried: Viele Arten machen auf dem Durchflug Rast 

Allerdings könne man die Natur nur bedingt beeinflussen. »Wenn es besonders viel regnet, wie zu Beginn diesen Jahres, dann werden mitunter Inseln überschwemmt, auf denen schon Vögel gebrütet haben, und die Brut geht verloren«, sagt Walter Schmidt, zuständig für Naturschutz beim Forstamt Nidda. Auch bei extremer Trockenheit könne man nur wenig tun. Kiebitze könnten aber Nachgelege produzieren, also neue Eier ausbrüten.

Die Inseln sind nicht nur für Kiebitze angelegt worden. »Viele Arten, die auf dem Durchflug sind, haben sie für die Rast genutzt«, sagt Seum. »Rund 180 Kampfläufer haben auf den Inseln gebalzt und ihr buntes Federkleid gezeigt. Das ist Landesrekord.« Auch die Amphibien, zum Beispiel die besonders seltene Knoblauchkröte, finden im Ried immer bessere Lebensbedingungen. »Die Inseln entwickeln sich wie erwartet«, sagt Stübing. »Und sie haben das Gebiet insgesamt aufgewertet«, ergänzt Seum.

Bingenheimer Ried: Interesse über Wetterau hinaus

Die Inseln sind nur eine von vielen Maßnahmen in Naturschutzgebieten. »Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten viel ausprobiert und dazugelernt«, sagt Schmidt. Es sind zum Beispiel Fallen aufgestellt worden, um Beutegreifer wie Füchse oder Waschbären zu fangen (siehe Artikel unten). Zudem wurden Kameras installiert, um mehr über die Fressfeinde herauszufinden. Sie seien aber leider häufig gestohlen worden, sagt Stübing.

»Für den Kiebitz ist ein Zaun wie bei Reichelsheim am effektivsten«, sagt der Biologe weiter. Zukünftig sollen weitere Flächen in der Wetterau und auch Teile des Rieds mit einem solchen Zaun versehen werden. Aus ganz Deutschland kämen Fachleute, um sich darüber zu informieren.

Einige Kiebitzjungen sind schon geschlüpft, andere Eier werden noch ausgebrütet. Wer durchkommt, wird sich in den nächsten Monate zeigen - unter genauer Beobachtung der Naturschützer. Im Herbst fliegen die Vögel gen Süden. Vielleicht kommen einige von ihnen im nächsten Jahr zurück in die Wetterau und gründen im Ried ihre eigene Familie.

Bingenheimer Ried: Neuer Parkplatz ausgewiesen

Die Kiebitze sind nicht die einzige Seltenheit, die es im Ried zu entdecken gibt. Tagsüber kann man Grünfrösche hören, die ebenfalls als bedrohte Art auf der Roten Liste stehen. Abends sind es die kleinen Laubfrösche oder das Trillern der Wechselkröte. Auch seltene Stelzenläufer, Blauflügelenten oder Seidenreiher sind zu sehen. Wer einen Spaziergang rund um das Bingenheimer Ried machen will, kann zum Beispiel am Friedhof in Gettenau parken. Neu ausgewiesen ist ein Parkplatz am Sportplatz in Bingenheim. Im Ried gelten einige Regeln: Spaziergänger sollten sich möglichst ruhig verhalten, um die Tiere nicht zu stören, und unbedingt auf ausgewiesenen Wegen bleiben. Hunde müssen an die Leine. Die drei Beobachtungsstände sind wieder geöffnet

Bingenheimer Ried: Fallen für Fuchs, Waschbär und Co.

Der Zaun bei Reichelsheim und die Inseln im Bingenheimer Ried sind nur zwei Maßnahmen, die in den Naturschutzgebieten der Wetterau eingesetzt werden. In den beiden vergangenen Jahren sind außerdem sogenannt Prädatorenfallen aufgestellt worden. Auch sie sollen helfen, dass sich bedrohte Tier- und Vogelarten wieder vermehren können.

Bei den Wiesenvögeln gibt es laut Guido Martin, Pressereferent beim Regierungspräsidium Darmstadt (RP), die größten Bestandsrückgänge in Hessen. Aber auch bei anderen Arten werde die Population kleiner. »Betroffen sind zum Beispiel der Große Brachvogel, die Uferschnepfe. die Bekassine oder der Kiebitz.«

Schuld daran seien unter anderem der Verlust von Lebensraum und die Prädation, also die Bedrohung durch Räuber, die in der Nahrungskette auf einer höheren Stufe stehen.

Wetterauer Naturschutzgebiete: Zaun bringt gute Erfolge bei Kiebitzen

In den letzten Jahren habe das RP vor allem in der Auenlandschaft der Wetterau Maßnahmen zur Biotopverbesserung, also dem Lebensraum, vorangetrieben. »So wurden in den beiden vergangenen Jahren rund zwei Millionen Euro in die Renaturierung von Fließgewässern und in Pflegemaßnahmen in Schutzgebieten investiert«, sagt Martin.

Trotz der verbesserten Lebensräume seien die Bruterfolge bei Kiebitz, Uferschnepfe und Großem Brachvogel nur sehr gering und für den Fortbestand der Arten nicht ausreichend gewesen. »In vielen Fällen war das auf die Prädation durch den Rotfuchs und den Waschbären zurückzuführen.«

Deswegen habe man ab 2010 bekannte Brutstandorte der gefährdeten Wiesenvögel mit mobilen Stromzäunen geschützt. Das sei erfolgreich, aber zu teuer und sehr aufwendig gewesen. Deshalb habe man den Zaun bei Reichelsheim fest installiert. Mit Erfolg: »Die Anlage wurde gezielt von Brutvögeln angenommen, die außerhalb des Zauns ihre erste Brut durch Prädatoren verloren hatten«, sagt Martin. Auch bei gefährdeten Entenarten habe es Erfolge gegeben.

Wetterauer Naturschutzgebiete: Maßnahmen funktionieren auch für Hasen und Rebhühner

»Da sich nicht alle Habitate oder Arten einzäunen lassen und dies natürlich auch nicht Ziel des Naturschutzes sein kann, wurden außerhalb der Schutzgebiete ein Prädatorenmanagementprojekt gestartet.« Dabei werden die Beutetiere in Lebendfallen gefangen. Nicht jagdbare Tiere oder Prädatoren, die außerhalb der individuellen Jagdzeit gefangen werden, werden freigelassen. Das Projekt wird aus Mitteln des Landes finanziert. Wildkameras, die 2018 zusätzlich aufgestellt worden seien, zeigten Rotfüchse und Waschbären, aber auch Steinmarder, Dachse und den aus Nordamerika stammenden Mink in den Vogelschutzgebieten. Die Kameras würden aber oft gestohlen.

Alle diese Maßnahmen hätten erfreulicherweise auch bei reproduktionsstarken Arten Erfolg gezeigt, zum Beispiel bei Hasen und Rebhühnern, Innerhalb eines Jahres habe sich die Zahl der Hasen auf einer Referenzfläche mehr als verdreifacht. Ähnliche Erfolge hätten sich beim Rebhuhn gezeigt, das in diesem Fall stellvertretend für die Offenlandvogelarten stehe.

»Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich trotz intensiver Bemühungen und Maßnahmen zur Verbesserung des Lebensraums erst durch ein Prädatorenmanagement eine deutliche Erhöhung der Reproduktion von Wiesen- und Offenlandarten feststellen lässt«, sagt Martin. Die Kosten einschließlich der Videoüberwachung betragen laut Martin rund zwei Prozent - das entspreche circa 150 000 Euro - der Gesamtinvestitionen, die der Naturschutz aufbringe. »Sie weisen aber den größten Erfolg der letzten Jahrzehnte bei gefährdeten Offenlandarten auf.«

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