Bill Ramsey beim Jubiläum der Marvin-Dorfler-Big-Band

Friedberg (har). Seit 20 Jahren gibt es die Marvin-Dorfler-Big-Band, am Samstag wurde Jubiläum gefeiert. 500 Zuhörer und jede Menge Stars der Jazzszene waren gekommen, darunter auch der 81-jährige Sänger Bill Ramsey, der mit Standing Ovations gefeiert wurde.

Der Auftritt eines "Titanen" war umjubelter Höhepunkt des Jubiläumskonzerts der Marvin-Dorfler-Big-Band, das die 20 Musiker um Bandleader Hans Eckhardt am Sonntagabend vor 500 Zuhörern in der Stadthalle gaben. "Ich habe Titan in der Schulter und seit letztem Jahr auch im Knie, also bin ich ein Titan", grinste Sänger Bill Ramsey, nachdem er, immerhin 81 Jahre alt, doch recht mühsam und, wie er selbst meinte, "wie Quasimodo" die Bühne erklommen hatte. Am Ende erntete er Standing Ovations, aber auch die übrigen Akteure, darunter internationale Stars der Jazzszene, wurden vom Publikum frenetisch gefeiert. Es war ein Abend voller magischer Momente mit hochkarätiger Big-Band-Musik, wie man sie nicht alle Tage zu hören bekommt.

Bill Ramsey habe zwar ein hohes Alter erreicht, "aber er singt wie ein junger Gott", meinte Hans Eckhardt, und er hatte nicht übertrieben. Ramsey faszinierte mit seiner unverändert intensiven Stimme, seiner Ausstrahlung und ungebrochenem Humor. "Ich singe von der A 66, die noch gar nicht gebaut war, als dieses Lied entstand", meinte Ramsey und stimmte den Swing-Klassiker "Route 66" an.

Es folgten "Sittin’ on the Dock of the Bay", "Georgia" sowie "What a wonderful World" von Louis Armstrong. Ramsey, mit dem die Marvin-Dorfler-Big-Band vor einigen Jahren einen Workshop absolvierte, rollte mit den Augen, suchte den Kontakt zum Publikum und riss die Zuhörer mit seinem rauchigen Timbre mit.

Ramsey war der bekannteste, aber nicht der einzige hochkarätige Gast aus der Swing- und Big-Band-Szene. Gleich vier Posaunisten der Spitzenklasse waren gekommen: Georg Maus (SWR-Big-Band), Jiggs Whigham (Leiter der BBC-Big-Band London), Joe Gallardo (ehemals NDR-Big-Band) und Andreas Jamin (Captain Overdrive). Sie glänzten mit mal warmen, weichen Tönen, dann wieder mit biegsamer Phrasierungskunst oder mit Triolen in Überschallgeschwindigkeit.

Solistische Akzente der Spitzenklasse setzte auch Wilson de Oliviera, der über 30 Jahre Saxofonist in der HR-Big-Band war und seit 1987 die Frankfurt Jazz Big Band leitet. Mit den Profis hatte die Band – die selbst über hervorragende Solisten verfügt – in den letzten Jahren mehrfach zusammengearbeitet, für das Jubiläumskonzert nahmen sie zum Teil weite Wege in Kauf.

So kam Whigham direkt von einem Konzert in London und flog gestern weiter zu einem Auftritt nach Denver. "Diese Band ist einfach Klasse", sagte Wigham und lobte die Arbeit von Hans Eckhardt: "Er investiert seit 20 Jahren sein ganzes Leben in die Band."

Einer der vielen Höhepunkte war das Stück "Veneros", das Joe Gallardo geschrieben hat. Der 73-jährige Wahl-Hamburger glänzte dabei an der Seite von Jamin und De Olivera nicht nur als Solist, sondern dirigierte die stark aufspielende Rhythmus-Sektion und demonstrierte dabei, welche Spielfreude auf der Bühne herrschte.

Vom Marathon ins Konzert

Zu dem halben Dutzend Profis, die gekommen waren, zählte auch der Bad Nauheimer Joachim Kunze. Beim Trompetensolo zu "MacArthur Park" erklomm er derart schwindelerregende Höhen, dass die Mitspieler nur staunen konnten. Weitere Wetterauer Musiker und ehemalige Bandmitglieder ließen sich die Feier nicht entgehen. Am Flügel wechselten sich Robby Hildmann und Gerry Reutzel mit dem ehemaligen Bandmitglied Robin Bös und Thomas Humm ab, dem Keyboarder des Landespolizeiorchesters Rheinland-Pfalz.

Philipp Harbach, bis letztes Jahr Schlagzeuger der Band, war am Morgen noch den Frankfurt-Marathon gelaufen, saß am Abend aber entspannt hinter seiner "Schießbude". "So verrückt sind Musiker", meinte Eckhardt. Für ein besonderes Highlight sorgte Knut Wagner, der erste Schlagzeuger der Marvin-Dorfler-Big-Band, der Bill Ramsey bei "Georgia" traumwandlerisch schön auf dem Vibraphon begleitete.

Saxofonist Daniel Imbescheid, Gitarrist Jens Urban und Trompeter Thomas Gondolf spielten ebenfalls noch einmal mit, die wunderbare Rima Savazian sang ein funkig-entrücktes "I wish" von Stevie Wonder und Claudia Martenczuk, ebenfalls früher Sängerin der Band, begeisterte mit der Tina-Turner-Version des CCR-Hits "Proud Mary" – was für eine Röhre! Die aktuelle Sängerin Sandra Ivicak wollte unbedingt den Titelsong des James-Bond-Films "Licence to Kill" von Gladys Night singen. Allerdings gibt es davon kein Big-Band-Arrangement. Ober besser gesagt, es gab keines. Eckhardt schrieb es daher selbst: druckvoll, packend, mitreißend. Die Bläsersektion zeigte dabei ein exaktes Timing.

Für einen weiteren Höhepunkt sorgten Sänger Eric Borner und dessen neunjähriger Sohn Luca. Die beiden sangen "Me and my shadow" von Frank Sinatra und Sammy Davis jr., ein Gänsehaut-Moment, der zeigte, dass man sich keine Sorgen um den Jazz-Nachwuchs zu machen braucht. Mit einem funkigen Arrangement von "Heartland" gedachten die Musiker dem vor zwei Jahren verstorbenen Kölner Bandleader Peter Herbolzheimer. Ihn hatte die Friedberger Big-Band vor zehn Jahren zu einem "für uns sehr wichtigen Workshop" (Hans Eckhardt) eingeladen. Nach drei Stunden endete das Konzert mit der John-Miles-Hymne "Music", bei der Band und Sänger noch einmal "ganz großes Kino" auf der Bühne der Stadthalle zeigten. Wer dabei war, wird dieses Jubiläumskonzert so schnell nicht vergessen.

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