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Bewegte Bilder mit Jonglage

  • VonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Mit dem Kino-Varieté-Programm am Samstagabend im großen Saal des Alten Hallenbads ist den Veranstaltern ein besonderer Coup gelungen:

Im Lauf von gut zwei Stunden bekam das zahlreich im Großen Saal erschienene Publikum gleich vier Stummfilme - »gewürzt« mit Livemusik und -Gesang - zu sehen. Gekrönt wurde diese Präsentation durch atemraubende Kunststücke des Gentleman-Jongleurs »Monsieur Jeton« alias Jens Thorwächter-Jeton aus Hattersheim, der als Conférencier durchs Programm führte.

Lutz Schneider, Leiter des Stadtarchivs Friedberg, hatte aus seinem Fundus einen achtminütigen Werbefilm für Friedberg aus dem Jahr 1927 mitgebracht. Die bewegten Bilder vermitteln einen plastischen Eindruck vom Leben in der Kreisstadt vor fast 100 Jahren.

Kaiserstraße ohne Fahrspuren

Zigarrenrauchende Männer mit Hüten plaudern vor dem Burgtor. Eine Familie ergeht sich im Burggarten. Am »Politechnikum« (heutige THM) flanieren Korpsstudenten mit ihren charakteristischen Mützen. Kaum glaublich: Eine Kaiserstraße ohne jegliche Fahrspuren, auf der außer Pferdefuhrwerken und einer handvoll »Automobilen« nur Fußgänger unterwegs sind. Ein kurzer Streifen aus den 1960ern zeigte danach lustig planschende Schulkinder im Hallenbad, das 1982 geschlossen wurde.

Ein schon durch sein Entstehungsjahr kostbares Juwel ist der 60-minütige Werbefilm »Hopfen & Malz« für die Frankfurter Binding-Brauerei aus dem Jahr 1913. Von Sudhaus und Gärkeller bis zur Beladung der Pferdefuhrwerke mit riesigen Fässern und Flaschen wird hier ein eindrucksvolles Bild vermittelt.

Fliegende Untertassen

Jazz-Preisträger Uwe Oberg aus Wiesbaden begleitete die Filmvorführung mit viel Fantasie und Empathie. Eine tolle Vorstellung lieferte Sängerin und Stimmkünstlerin Silvia Sauer. Neben dem Vortrag von zwei 20er-Jahre-Schlagern (»Bei mir biste schejn« und »Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche«) verstand sie es, vor allem den Spielfilm nach der Pause mit einer originellen »Geräuschkulisse« zu grundieren.

Absolute Highlights des Abends waren zwei Jonglage-Nummern von Monsieur Jeton zwischen den Filmen. Vor einem Spiegel stehend, gelang es ihm, auf einen auf seinem Kopf liegenden Billardqueue einen weiteren zu stellen.

Was hier etwas unbeholfen klingt, verlangt ein außergewöhnliches Talent, über das der im Jahr 2013 mit dem »Excellence Award« der »International Jugglers’ Association« ausgezeichnete Monsieur Jeton zweifellos verfügt.

Das bewies er auch mit seiner zweiten, noch schwierigeren Nummer. Hier werden auf der Fußspitze des Artisten stehende Tassen und Untertassen in Richtung Kopf gewirbelt, auf dem sie dann sicher zum Stehen kommen.

Das Kunststück wird zweimal fortgesetzt, bis schließlich drei Tassen plus zugehörige Untertassen wie ein Turm auf dem Haupt des Artisten stehen.

Als »Sahnehäubchen« befördert Mr. Jeton zum guten Schluß noch ein Zuckerstück plus Löffel in die oberste Tasse. Nach atemloser Stille brandet nun enthusiastischer Beifall für dieses Bravourstück auf.

Im zweiten Teil des Programms stand die 70-minütige Stummfilmkomödie »Eine tolle Nacht« von Richard Oswald aus dem Jahr 1926 auf dem Programm. Wie bei vielen anderen Spielfilmen der Zwanzigerjahre auch, weiß der von den bewegten Bildern überforderte Zuschauer spätestens nach einer Viertelstunde nicht mehr so genau, worum es eigentlich geht. Doch dank der originellen lautmalerischen Begleitung durch Oberg und Sauer geriet auch dieser Film zum Erlebnis.

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