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Bewegendes Benefizkonzert

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Von: Gerhard Kollmer

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Großartige Gemeinschaftsleistung: Die Dekanatskantorei unter Leitung von Ulrich Seeger (l.) sowie viele andere kreative und musikalisch Engagierte haben das Benefizkonzert gestaltet. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Heinrich Schütz gilt als der »Urvater« der deutschen protestantischen Kirchenmusik. Kantor Ulrich Seeger stellte Schütz und dessen »Musikalische Exequien« in den Fokus des Benefizkonzertes für die Ukraine in der Stadtkirche. Schütz’ 350. Todestag gedenkt man in diesem Jahr mit vielen Veranstaltungen.

Schütz vollendete dieses großartige Chorwerk im Januar 1636 - mitten im Dreißigjährigen Krieg. Anlass war der bevorstehende Tod von Heinrich Reuss, Fürst von Gera, Schleiz und Lobenstein. Der Landesherr beauftragte den »musicus poeticus« mit der Vertonung von 22 Bibelversen und Liedtexten, die er in die Innenwand seines (erhalten gebliebenen) Zinnsarges hatte gravieren lassen.

Es stellt, so die einhellige Meinung von Musikwissenschaftlern, eine Meisterleistung dar, dieses umfangreiche Textcorpus in eine schlüssige theologisch-liturgische Form zu bringen.

Die »Exequien« (eine barocke Begräbnismusik) gliedern sich in einen langen ersten Teil als »Concert in Form einer Missa teutsch« mit Kyrie und Gloria. Der zweite Teil ist als doppelchörige Motette angelegt - auf einen Text aus Psalm 73, Vers 25 f. (»Herr, wenn ich nur dich habe«). Der abschließende Teil 3 ist das »Canticum Simeonis« nach Lukas 2, Vers 29ff. (»Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren«).

Eindrucksvolle Hommage

Umrahmt wurden die Exequien in der Stadtkirche von jeweils zwei Werken aus Schütz’ »Symphoniae sacrae« und seiner im Friedensjahr 1648 vollendeten »Geistlichen Chormusik«. Die eindrucksvolle Hommage an Schütz in der Stadtkirche klang aus mit dem Lied »Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten«. Zur gelungenen Aufführung der »Exequien« (sie wurden noch im Begräbnisjahr 1636 in Druck gegeben) in der Friedberger Stadtkirche trugen bei: die Dekanatskantorei Friedberg; das fünfköpfige Barockensemble »Cantate Domino« unter Leitung von Andrea Seeger; Thomas Wilhelm am Orgelpositiv; die Sopranistin Jutta Hahn sowie die Tenöre Martin Steffan und Ulrich Seeger, der einige Male in die Rolle des zweiten Tenors schlüpfte. Ohne sein souveränes, bedächtiges, präzises Dirigat wäre diese anderthalbstündige großartige Gemeinnschaftsleistung nicht denkbar gewesen.

Bereits in der »Intonatio« am Beginn des ersten Teils der »Exequien« (»Nacket bin ich vom Mutterleibe kommen«) beeindruckte Martin Steffan mit seiner kraftvollen, empathischen Interpretation des Textes aus dem 1. Buch Hiob.

Dies gilt ebenso für seine weiteren Soli wie »Also hat Gott die Welt geliebet«, »Herr, wenn ich nur dich habe«, »Ich weiß, dass mein Erlöser lebt« (Hiob 19).

Professionelle Darbietungen

Ulrich Seeger als zweiter Tenor stellte mit seiner weichen, prononcierten Stimme die ideale Ergänzung zu Martin Steffan dar - zum Beispiel in dem Duett »Der Herr ist mein Licht und mein Heil« (SWV 359). Das fünfköpfige Ensemble »Cantate Domino« grundierte dieses wunderbare Lied wie auch das gesamte Konzert so dezent wie professionell. Sopranistin Jutta Hahn agierte sowohl in Solopartien wie »Gehe hin, mein Volk« als auch gemeinsam mit Martin Steffan und Ulrich Seeger (»Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben«) auf Augenhöhe mit den Tenören.

Die »cappella«, das heißt, der Chor begeisterte immer wieder durch machtvoll-pathetische Auftritte mit und ohne Solisten (»Er ist das Heil und selig Licht«; »Weil du vom Tod erstanden bist«). Dass vergleichsweise wenig Sängerinnen und Sänger diesen wunderbaren Raumklang schaffen können - für diese Leistung gebührt der »cappella« höchstes Lob. Erfüllt von diesem eindrucksvollen Zeugnis barocker Trauerkultur verließ das Auditorium nach langem Applaus den Kirchenraum.

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Lydia Blum hat einfühlsam Cello gespielt. © Gerhard Kollmer

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