Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein: Volker "Knusper" Frühschütz pflanzt in seinem Kleingarten nicht nur Gemüse und Salat an. Er hat auch 93 Weinstöcke gesetzt und avanciert zum Hobbywinzer.
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Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein: Volker »Knusper« Frühschütz pflanzt in seinem Kleingarten nicht nur Gemüse und Salat an. Er hat auch 93 Weinstöcke gesetzt und avanciert zum Hobbywinzer.

Kleingarten-Boom in Zeiten der Pandemie

Friedberg: Besuch in der »Corona-Oase« wo Wein und Rettich wachsen

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Corona macht viele Urlaubspläne zunichte. Deshalb boomen Kleingärten. Die WZ hat einen Kleingärtner besucht. Und siehe da: Eine Stunde rumsitzen ist viel schöner als jede Form von Arbeit.

Ruhe. Das ist es, was man im Kleingarten verspürt. Obwohl es recht laut ist: Dort pfeift eine Amsel, da gurrt eine Taube, und hinter einem Busch raschelt es verdächtig. Ein Eichhörnchen? Neulich, erzählt Volker »Knusper« Frühschütz, habe er beobachtet, wie ein Eichhörnchen in einer Birke ein Vogelnest ausrauben wollte. Zwei Eichelhäher kamen herangeschossen und verjagten den dreisten Dieb. Als es vor Tagen regnete und Frühschütz in seiner Hütte saß, bekam er Besuch von einem Rotschwänzchen. Die kleinen Sperlinge mit dem grauen Gefieder und dem rot leuchtenden Schwanz sind eigentlich nicht für ihre Zutraulichkeit bekannt. »Das kam bis zu mir in die Hütte gehüpft«, erzählt Frühschütz. »Da hat man Ehrfurcht vor der Natur.«

Friedberg: Als der kleine Volker Zwiebeln pflanzte

Frühschütz, von Hause aus Elektroinstallateur, bei der Stadt Friedberg als Hausmeister beschäftigt und als Karnevalist in seiner Paraderolle als »Theo« eine Dorheimer Legende, hat den 40 mal 20 Meter großen Garten von seinem Vater geerbt. Als Kind habe er sich nicht vorstellen können, später mal Salat, Rettich, Äpfel, Quitten und Erdbeeren aus dem eigenen Garten zu ernten. »Meine Oma hatte nicht weit von hier einen Garten. Ich musste zum Fußballtraining, sollte vorher aber noch Zwiebeln stecken.« »Auf, auf!«, kommandierte die Oma, die im Garten mit Zollstock und Schnur arbeitete. Die Zwiebeln sollten peinlichst genau in einer geraden Reihe stehen. Es war dann eher eine Zickzack-Linie, der Bub hatte ja keine Zeit, musste ins Training: »Das Beet hat ausgesehen, als hätte der Gärtner drei Bier bei der Arbeit getrunken.«

Die Begeisterung für Kleingärten sei eine Frage des Alters, sagt Frühschütz (55). »Die Atmosphäre hier ist herrlich. Das brauche ich.« Der Garten sei sein Fluchtpunkt. »Man kann sich wunderbar vom Geschwätz des Tages erholen.« Außerdem haben Kleingärten einen weiteren Vorteil: »Meine Frau hat dort hinten ihren eigenen Garten. Wenn bei uns Zirkus ist, geht sie in ihren und ich in meinen«, sagt Frühschütz und grinst.

Das war natürlich nur Spaß. Das Miteinander der Kleingärtner sei ein weiteres Plus dieses Hobbys, sagt Frühschütz. »Meine Frau pflanzt Himbeeren an und tauscht sie gegen Eier von ihrem Nachbarn.« Solche Tauschgeschäfte seien hier noch ganz normal. »So wie früher im Dorf, als jeder jeden kannte und alle zusammengehalten haben.« Insofern sind Kleingärten so etwas wie aus der Zeit gefallene Dörfer.

Die 93 Rebstöcke in Frühschütz’ Garten stehen übrigens perfekt in drei Reihen, hier hat der Kleingärtner bzw. Neuwinzer inzwischen dazugelernt. Aber Weinreben in Dorheim? Ein Spleen, ein Versuch und auch eine Erinnerung an alte Zeiten, als am Dorheimer Wingert (ein altes deutsches Wort für Weinberg) noch Weintrauben wuchsen.

Frühschütz hat sich bei den Weinfreunden in Bad Nauheim informiert, Kontakt zum Weinbauamt Eltville aufgenommen und knapp hundert Weinreben der Sorte »Muscaris Binova« gesetzt. Den Weißwein will er zu Hause im Edelstahlfass lagern. Noch ist offen, ob eine Einladung zur Weinprobe auf dem Weingut Frühschütz eine nette Geste ist oder eher eine Drohung.

Kommen Spaziergänger vorbei, reiben sie sich verwundert die Augen. »Da hängen ja schon Trauben«, rufen manche aus. Frühschütz deutet auf einen Rebstock, an dem tatsächlich dicke Trauben hängen. »Plastik. Hab’ ich im Baumarkt gekauft.«

Wetterau: Ab und zu steht ein Garten zum Verkauf

Im Moment gäbe es einen Run auf Kleingärten, hat Frühschütz beobachtet. Selbst in Dorheim, wo die meisten Gärten Privateigentum sind. Es gebe einige Interessenten, vor allem Familien. Einige Gartenbesitzer wollten verkaufen. »Das spricht sich rum. Wer Interesse hat, sollte einfach mal rumfragen.« Den eigenen Garten zu verkaufen, käme für Frühschütz nicht in Frage. Er ist sein Ein und Alles, seine grüne Oase, sein Rückzugsgebiet. Und er bleibt bestimmt in der Familie. »Mein Sohn Moritz hat sich um die Bewässerung der Weinstöcke gekümmert.« Das ist ein Anfang. Frühschütz selbst hat zwei Meter neben seiner Gartenhütte Erde ausgehoben. »Das wird das Fundament für die Weinlaube.« Logo: Wer Wein kultiviert, braucht unbedingt eine Weinlaube, ohne geht es ja gar nicht. »So hat man immer was zu tun«, sagt Frühschütz und lehnt sich zurück. »Diese Ruhe hier, herrlich.«

»Grüne Lunge« Friedberg: Neue Kleingärten entstehen

Das Kleingartengelände »Grüne Lunge« am Fuße des Adolfsturms hält, was es verspricht. Man atmet durch, wenn man es betritt. Es grünt in allen Ecken. Die von Außen einsehbaren Kleingärten sind ordentlich gepflegt, überall wachsen Blumen, Bäume, Büsche, stehen kleine Gewächshäuser, in denen Gemüse herangezogen wird. Auch in der »Grünen Lunge« sind Kleingärten sehr begehrt, und das nicht nur in Corona-Zeiten. »Wir haben 102 Gärten, die alle vergeben sind«, sagt »Grüne Lunge«-Vorsitzender Norbert Simmer, der dieses Amt mit einer kurzen Unterbrechung seit fast 30 Jahren inne hat. »Wir hatten bis vor kurzem 17 Leute auf der Warteliste für einen Kleingarten. Durch Corona kamen noch einmal zwölf hinzu.« Demnächst sollen zehn neue Gärten entstehen. Ein privater Landbesitzer will dem Verein eine entsprechende Fläche verpachten. »So ein Nutzerwechsel kann dauern, es kann aber auch sehr schnell gehen.« Die Gärten werden von Privat an Privat abgegeben, der Verein hat aber ein Wörtchen mitzureden. »Wir bevorzugen Familien und auch solche Leute, die sich einen Kleingarten eigentlich nicht leisten können«, sagt Simmer. In den letzten Jahren habe das Vereinsleben etwas nachgelassen. Jeder kümmerte sich um den eigenen Garten. Das soll wieder anders werden. Der Kleingartenverein wurde Ende 1979 gegründet, in diesem Sommer sollte das 40-jährige Bestehen gefeiert werden. Corona machte dem einen Strich durch die Rechnung. Jetzt wird das Jubiläum 2021 nachgeholt. Sich einen Kleingarten zuzulegen, kann Simmer nur jedem empfehlen. »Die Leute sind froh, wenn sie mal aus den eigenen vier Wänden rauskommen. Hier abends auszuspannen, das ist schon viel Wert.«

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