Das Bücherregal als letzte Ruhestätte? In einigen Ländern ist das schon möglich. In der Wetterau hätte diese Form der Bestattung aber weitreichende Konsequenzen.
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Das Bücherregal als letzte Ruhestätte? In einigen Ländern ist das schon möglich. In der Wetterau hätte diese Form der Bestattung aber weitreichende Konsequenzen.

Bestattungswesen im Umbruch: Letzte Ruhe im Regal

Wetteraukreis (chh). Man kennt es aus Hollywoodfilmen: Nach dem Tod der geliebten Oma wird die Leiche eingeäschert, in eine Urne gefüllt und mit nach Hause genommen. Letzte Ruhestätte Bücherregal? In Deutschland undenkbar – bis jetzt. Bremen erlaubt als erstes Bundesland, die Asche von Angehörigen im Garten zu verstreuen. Der nächste Schritt, die Urne auf dem Kaminsims, scheint nicht weit. Auch ein Modell für die Wetterau?

Zu Hause sterben. Bei der Familie sein, wenn das Leben endet. Für viele Sterbenden der letzte große Wunsch. Und dann? Sarg oder Urne auf dem Friedhof, Seebestattung, Friedwald, selbst im Weltall kann man heutzutage die letzte Ruhe finden. Nur zu Hause geht das nicht. In Deutschland herrscht Friedhofszwang, wie es wörtlich im Friedhofs- und Bestattungsgesetz heißt. In den vergangenen Jahren hat sich das Bestattungswesen zwar schon geöffnet, den größten Schritt macht jetzt aber ausgerechnet das kleinstes Bundesland. Die Bremer Bürgerschaft hat beschlossen, dass ab 2015 die Asche von Angehörigen im heimischen Garten verstreut werden darf. Mit der Urne auf dem Kaminsims sind die Befürworter jedoch gescheitert – zumindest vorerst.

Die letzte Ruhe auf dem eigenen Grundstück: Auch ein Modell für die Wetterau? Der katholische Dekan und Pfarrer der Gemeinde Mariä Himmelfahrt in Friedberg, Stefan Wanske, kann sich mit dem Bremer Weg nicht anfreunden. »Ich persönlich hänge sehr an den traditionellen Formen des christlichen Bestattungswesens.

« Er wisse zwar, dass es durch die modernen Mobilitätsanforderungen oft schwierig sei, ein ortsgebundenes Gedenken zu pflegen, etwa wenn Angehörige weit entfernt lebten. »In solchen Fällen dürfte eine anonyme Beisetzung, zum Beispiel auf einer Urnenwiese eines Friedhofs, auch ohne individuelle Grabgestaltung, ein guter Ausweg sein«, sagt der Pfarrer. Bei einem bloßen Verstreuen der Asche würde ihm etwas fehlen. »Ich tue mich eher schwer, dies noch als Bestattung zu bezeichnen.«

»Goldene Zeiten sind vorbei«

Über die Aufbewahrung von Urnen in privaten Wohnungen habe er sich bisher kaum Gedanken gemacht, räumt Wanske ein. Spontan kämen ihm aber einige Probleme in den Sinn. »Was geschieht, wenn zum Beispiel Haushalte alleinstehender Verstorbener von Amts wegen aufgelöst und deren Wohnungen geräumt werden, aber keine weiteren Angehörigen mehr vorhanden sind? Was tun dann die von den Behörden oder Vermietern bestellten Räumungsunternehmen, wenn sie im Haus unbestattete Urnen vorfinden? Ich kann nur hoffen, dass diese wenigstens dann in irgendeiner Weise an einem geeigneten Ort beigesetzt und nicht mit Möbeln und Hausrat anderweitig verwertet oder entsorgt würden.«

Der Friedberger Pfarrer spricht an, was viele Kritiker bemängeln. Was ist, wenn zum Beispiel durch Familienstreitigkeiten der Grundstückseigentümer den anderen Angehörigen den Zutritt verweigert? Was passiert, wenn der Garten, auf dem die Asche des Verstorbenen verstreut wurde, samt Haus verkauft wird? Fragen, auf die die Bremer Politiker noch keine Antworten haben.

Nichtsdestotrotz dürften viele Menschen den Wegfall des Friedhofszwangs begrüßen. Laut einer Emnid-Umfrage bevorzugt inzwischen jeder zehnte Deutsche das eigene Zuhause als letzte Ruhestätte. 15 Prozent der Befragten wünschen sich eine Beisetzung außerhalb eines Friedhofs, zum Beispiel in Friedwäldern. Das klassische Grab mit Sarg auf dem Friedhof können sich nur noch 29 Prozent vorstellen. Vor zehn Jahren waren es noch 39 Prozent.

Eine Entwicklung, die auch Friedbergs Bürgermeister Michael Keller registriert hat. »Die Friedhofskultur steckt in einem großen Wandel. Darauf müssen die Städte reagieren.« Friedberg will das tun, indem auf dem städtischen Friedhof einen Hain angelegt wird, ähnlich eines Friedwalds. Keller macht keinen Hehl daraus, dass Sterben ein Geschäft ist. »Wir stecken in einer Marktsituation. Es gibt viel Konkurrenz.« Der Hang zu günstigen Urnengräbern oder Baumbestattungen macht sich in der Stadtkasse bemerkbar. Die Konsequenz: Vor zwei Jahren hat das Parlament die Erhöhung der Friedhofsgebühren beschlossen. Kein Einzelfall in der Wetterau: Die Überschrift »Sterben wird teurer« ist häufig in der WZ zu lesen.

Sollten Menschen künftig entscheiden können, zu Hause bestattet zu werden, würde der Stadt noch mehr Geld fehlen. Keller verteufelt das aber nicht. Im Gegenteil: »Früher haben sich die Nachfolgegenerationen um die Grabpflege gekümmert. Wegen der beruflichen Situation oder Umzügen geht das heute an vielen Stellen einfach nicht mehr. Die Welt verändert sich eben.«

Das bekommen auch Bestatter, Blumenhändler oder Steinmetze zu spüren. »Die goldenen Zeiten sind vorbei«, sagt zum Beispiel Martin Alles. 2008 hat er das Traditionsunternehmen Frank Natursteine übernommen, das seit über 100 Jahren direkt am Bad Nauheimer Friedhof beheimatet ist. Klar: In Zeiten, in denen sich Menschen mehr und mehr in Friedwäldern beerdigen lassen, haben es Verkäufer von Grabsteinen schwer. »Vor 20 Jahren hatten die Betriebe noch drei, vier Angestellte und 50, 60 Doppelgräber pro Jahr. Heute gibt es das nicht mehr.« Aktuell seien vor allem Urnengräber nachgefragt. Dabei kämen die Steinmetze in der Wetterau noch relativ gut weg. Hier gebe es hauptsächlich Urnengräber, auf denen ebenfalls Grabsteine stünden. In Regionen, wo Urnen ohne Grabsteine auf Wiesen bestattet werden, sei die Lage dramatisch. »Da machen reihenweise Betriebe zu.«

QR-Codes auf Grabsteinen

Wenn in Zukunft Verstorbene zu Hause bestattet werden können und somit kein Grabstein mehr benötigt wird, wäre das für Alles ein großes Problem. »Da gibt es dann nichts mehr zu holen.« Die Veränderungen im Bestattungswesen haben zur Folge, dass sich der Geschäftsmann umorientieren muss. Sein Unternehmen konzentriert sich mehr und mehr auf den Wohnbereich. Seine Natursteinarbeiten kommen zum Beispiel beim Treppen- oder Bäderbau zum Einsatz. Alles: »Das, was uns im Friedhofsbereich fehlt, versuchen wir im Hausbau wieder reinzuholen.«

Sein Unternehmen sei aber auch bereit, im Bestattungswesen neue Wege zu gehen, sagt er und blickt dabei nach Gießen. Dort hat das Parlament gerade beschlossen, dass an Grabsteinen QR-Codes angebracht werden dürfen. Angehörige können dann mit Smartphone das Zeichen einscannen und im Internet Informationen über den Verstorbenen abrufen, zum Beispiel Fotos. »Wenn das nachgefragt wird, ist es für uns kein Problem, die Codes in den Grabstein einzuarbeiten.«

Mit dem Smartphone auf dem Friedhof: Es wird nicht die letzte Neuerung im Bestattungswesen sein. Doch so schnell der Fortschritt auch voranschreitet, auf eines kann sich die Branche verlassen. Benjamin Franklin wusste es schon 1789: »Nichts in dieser Welt ist sicher – außer dem Tod und den Steuern.«

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