»Beschulung zu Hause ist gescheitert«

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Wetteraukreis (pm). Kritisch sieht der Kreiselternbeirat des Wetteraukreises die komplette Öffung der Grundschulen ab dem 22. Juni. Besonders dass es keine Abstandsregeln für die Jungen und Mädchen mehr geben soll, macht dem Vorsitzenden Thomas Seeling Sorge. Er und seine Mitstreiter hätten sich vonseiten der Landesregierung eine offenere Diskussion gewünscht. Er spricht in diesem Zusammenhang von Entscheidungen, die in einem »geheimen« Corona-Kabinett getroffen worden seien. Auch den Zeitpunkt des Starts hält er - so kurz vor den Sommerferien - für verfrüht.

Infektionsschutz sehr wichtig

Wenn die Grundschulen ab dem 22. Juni wieder in den Regelbetrieb gehen, sollen - so die Landesregierung - auch die Abstandsregeln fallen. Damit ist aus Sicht des Kreiselternbeirates ein »problematischer Prämissenwechsel im Umgang mit der Corona-Pandemie vollzogen worden«. Genau dieser Wechsel hätte nach Ansicht des Kreiselternbeirates offen diskutiert werden müssen, und zwar mit den gesetzlichen Gremien zur Vertretung der Elternschaft.

Der Kreiselternbeirat hatte nach der Sitzung der »Konzeptgruppe Schuljahresbeginn« im Hessischen Kultusministerium am 9. Juni erwartet, dass Fragen nach den notwendigen Maßnahmen für einen Regelbetrieb erörtert werden würden. So sei der Eindruck entstanden, dass mit dem Zeitpunkt der Entscheidung genau diese Diskussion umgangen werden sollte.

Das Ministerschreiben an die Schulleiterinnen und Schulleiter hätte den Prämissenwechsel bei den Abstandsregeln zwar angedeutet, erwecke aber den Eindruck, dass gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse jetzt das Abstandsgebot in den Schulen obsolet machen würden. »Nach unserer Einschätzung gibt es noch keine einhellige, gesicherte wissenschaftliche Aussage«, schreibt der Kreiselternbeirat und bezieht sich dabei besonders auf die Virusverbreitung durch Aerosole in Räumen. »Diese deuten eher auf die Notwendigkeit strengerer Schutzmaßnahmen in den Klassenräumen hin.«

Heftige Diskussionen

Auch in der Elternschaft sei heftig diskutiert worden. Dabei ging es darum, was Vorrang haben soll: Recht auf Bildung und Chancengleichheit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder aber der Infektionsschutz. Gerade Letzteres sei den Familien sehr wichtig, das hätten viele besorgte Rückfragen von Eltern nach den teilweisen Öffnungen im Mai sowie nach der jetzigen Entscheidung gezeigt.

Im Zentrum hätten zwei zentrale Fragen gestanden: »Kann das Abstandsgebot, das drei Monate im Fokus der Corona-Maßnahmen stand, jetzt tatsächlich so einfach gestrichen werden? Warum jetzt für diese zwei Wochen vor den Ferien und nicht mit ausreichender Planungszeit zum neuen Schuljahr?«

Ziel müsse nach Erachten des Kreiselternbeirates aber sein, das Recht auf Bildung und den Infektionsschutz bestmöglich miteinander in Einklang zu bringen, ohne das eine für das andere aufzugeben.

Die letzten drei Monate seien ein Stresstest für die Schulen gewesen. Dabei seien viele Mängel zutage getreten: Bei der Fernbetreuung und bei der Ausstattung der Schulen.

Lange bekannte Mängel

»Die Beschulung der Kinder zu Hause ist in großen Teilen gescheitert und ging meist über eine Notbetreuung von Schulseite nicht hinaus« resümiert der Kreiselternbeirat.

Außerdem habe es große Unterschiede in Art und Umfang der Fernbeschulung von Schule zu Schule und von Klasse zu Klasse gegeben. Das habe gleichzeitig gezeigt, dass auch mit der vorhandenen Infrastruktur sehr viel mehr möglich gewesen wäre. Im aktuellen Präsenzunterricht seien die schon lange bekannten Mängel in der schulischen Infrastruktur zutage getreten: Personalmangel, Raummangel, mangelhafte Sanitäranlagen. Dies habe die Umsetzung der Abstands- und Hygienemaßnahmen in den Schulen erschwert und schließlich zu dem sehr eingeschränkten Präsenzangebot der letzten Wochen geführt, meint der Kreiselternbeirat. Diese Probleme müssten jetzt angegangen werden, als »Basis für den Start ins neue Schuljahr«, schreibt der Kreiselternbeirat abschließend.

Das fordert der Kreiselternbeirat 

Der Kreiselternbeirat des Wetteraukreises hat jetzt Forderungen für das Schuljahr 2020/2021 aufgestellt: Für die sogenannte Fernbeschulung müssen die entsprechende Infrastruktur sowie standardisierte Konzepte entwickelt werden. Dazu sollen Lehrkräfte verpflichtet werden. Dies sei weiterhin notwendig, besonders für Kinder aus Risikogruppen oder wenn es punktuell zu erneuten Schulschließungen während der Corona-Pandemie kommt. Für einen sicheren Schulbetrieb unter Abstands- und Hygienemaßnahmen müssen die Schulen »ertüchtigt« werden. Außerdem soll das Personal an den Schulen aufgestockt werden. Das könne auch durch nichtpädagogisches Personal geschehen, besonders für die Aufsicht, Reinigung oder die IT-Infrastruktur.

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