Jaroslav Rudiš (r.) stiftet Begeisterung bei seinen Zuhörern. Tilman Spreckelsen moderiert die Lesung. 	FOTO: GK
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Jaroslav Rudiš (r.) stiftet Begeisterung bei seinen Zuhörern. Tilman Spreckelsen moderiert die Lesung. FOTO: GK

Ein begnadeter Erzähler

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Nach 1918 wird die im Kanonendonner des Großen Krieges untergegangene österreichisch-ungarische Doppelmonarchie in Literatur und Film vielfach verklärt. So setzt ihr etwa Joseph Roth in Romanen wie »Radetzkymarsch« oder »Kapuzinergruft« ein nostalgisches Denkmal auf hohem Niveau. Kinofilme wie »Die Deutschmeister«, »Kronprinz Rudolfs letzte Liebe« oder die legendäre »Sisi«-Trilogie stehen für die populäre Vermarktung Alt-Österreichs in den 1950er Jahren.

Ist der 2017 bei Luchterhand erschienene Roman »Winterbergs letzte Reise« des in Deutschland lebenden, 1972 geborenen, tschechischen Schriftstellers und Drehbuchautors Jaroslav Rudiš ein spätes Beispiel dieser verklärenden Reisen in die Vergangenheit - hundert Jahre nach dem Ende eines von Deutschen und Ungarn dominierten Vielvölkerstaats, in dem nicht nur die slawischen Nationen wie Polen, Tschechen, Slowaken, Slowenen, Kroaten politisch rechtlos waren? Jaroslav Rudiš ist ein für seine 48 Jahre ungemein jugendlich wirkender, begnadeter Erzähler. Sollte das irgendjemand bezweifelt haben, wurde er bei »Friedberg lässt lesen« im Bibliothekszentrum Klosterbau eines Besseren belehrt. Vor voll besetzten Stuhlreihen las der Autor, moderiert vom Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Tilman Spreckelsen, aus seinem dickleibigen Buch. Aber vor allem erzählte er - gestikulierend-mitreißend, ansteckend mit seinem Charisma. Liberec (Reichenberg - »als Böhmen noch bei Österreich war«), Prag, Wien, Triest, Budapest, Brno/Brünn, Ljubljana/Laibach: All diese Städte, in denen bis heute, zumindest in der Architektur, der multiethnische »Geist« Altösterreichs weiterlebt, sind Stationen auf der letzten Reise des 99-jährigen, 1918 im alten Reichenberg geborenen Sudetendeutschen Wenzel Winterberg, den es nach der Vertreibung 1946 nach Berlin verschlug.

Der aus Vimperk, dem früheren Winterberg im Böhmerwald, stammende tschechische Altenpfleger Jan Kraus ermöglicht dem uralten, an der Schwelle des Todes stehenden Deutschen eine Eisenbahnreise auf den Spuren des Doppeladlers. Ein »Baedeker« aus dem letzten Friedensjahr 1913 dient ihm dabei als Orientierung. Es wird eine Reise sowohl in einen seit hundert Jahren untergegangenen Vielvölkerstaat wie auch in die Geschichte der 1918 aus dessen Trümmern erstandenen Tschechoslowakei - des einzigen in der Zwischenkriegszeit demokratisch gebliebenen Nachfolgestaates Altösterreichs. Winterberg und der wesentlich jüngere Kraus haben zwar beide die Monarchie nicht mehr »leibhaftig« erlebt, stehen aber im Bann einer Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Winterbergs endloser Redefluß entspricht dem Stakkato der Tausende von Kilometern dahinrollenden Eisenbahn. Gleiches gilt für Jaroslav Rudiš Erzählstil. Der Mann im schwarzen T-Shirt liest schnell, zuweilen fast atemlos, und stiftet Begeisterung bei seinen Hörern. Wen sein Weg in den Klosterbau geführt hatte, der durfte teilnehmen an einer literarischen Geschichtsstunde auf hohem Niveau, die über simple Verklärung weit hinausging. Lang anhaltender Beifall leitet eine Fragerunde ein, die auch um das deutsch/österreichisch-tschechische Verhältnis nach 1945 kreiste.

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