Ursula Stock, Vorsitzende von "Kultur auf der Spur", hat sich mit ihrem Vortrag in die virtuelle Welt begeben. 	FOTO: GK
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Ursula Stock, Vorsitzende von »Kultur auf der Spur«, hat sich mit ihrem Vortrag in die virtuelle Welt begeben. FOTO: GK

Die bedeutendste Metropole des Hellenismus

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Wer über das antike Alexandria in den 700 Jahren zwischen 300 v. Chr. und etwa 400 unserer Zeit sprechen will, benötigt viele Superlative, um seinem Thema gerecht zu werden. Ursula Stock, Vorsitzende von »Kultur auf der Spur«, vermittelte am Samstag in ihrem Vortrag (im Rahmen der Reihe »Städte als Stätten der Kultur«) einen äußerst lebendigen Eindruck von dieser singulären Handels- und vor allem Kulturmetropole. Allerdings nicht wie sonst im Bibliothkeszentrum Klosterbau, sondern - wegen der aktuellen Situation - virtuell.

Vor zwei Zuhörern im Obergeschoss der Bindernagel’schen Buchhandlung als pars pro toto eines am Genuss dieses knapp einstündigen Referats gehinderten Publikums wurden alle wesentlichen Aspekte der nach Rom zweitgrößten Stadt der Antike virtuell beleuchtet.

Gegründet von Alexander dem Großen im Jahr 331 v. Chr., entwickelte sich die nach ihm benannte Stadt unter der Herrschaft der Ptolemäer-Dynastie (der auch die legendäre Königin Kleopatra angehörte) innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem weit über die Mittelmeerwelt hinaus strahlenden »Leuchtturm« der griechischen Kultur.

Aus allen Teilen der Welt

Leider ist von den zahlreichen Bauten dieses multiethnischen Schmelztiegels fast alles den Stürmen der Jahrhunderte zum Opfer gefallen. Dies gilt auch für den riesigen Leuchtturm auf der Halbinsel Pharos - eines der sieben antiken Weltwunder. Auch die legendäre Bibliothek mit ihren 400 000 Schriftrollen wird bei bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen im ersten vorchristlichen Jahrhundert ein Raub der Flammen.

Nach der Würdigung Alexandrias als Schnittpunkt von oft Tausende Kilometer langen Handelsstraßen und einem anschaulichen »Rundgang« durch die fünf Stadtviertel der Stadt, bildete die Kulturmetropole den Schwerpunkt von Frau Stocks Vortrag. Neben der griechisch-mazedonischen Oberschicht lebten Menschen aus allen Teilen der damals bekannten Welt in Alexandria. Sie alle brachten ihre Lebensformen und nicht zuletzt religiösen Kulte mit. So entstand - dank religiöser Toleranz der meisten Herrscher - ein vielgestaltiger religiöser Synkretismus. Er reichte von den altägyptischen Kulten über griechische Mythologie bis hin zum Juden- und Christentum.

Im Lauf der Jahrhunderte wirkte eine Vielzahl von Gelehrten in der Stadt - wie der Geograf Eratosthenes, der Astronom Aristarch von Samos (er lehrte das heliozentrische Weltbild), Mediziner wie Praxagoras und viele andere. Eine bedeutende kulturelle Vermittlerrolle spielten unter anderem Theologen aus der bedeutenden jüdischen Gemeinde Alexandriens. So entstand die älteste Übersetzung der jüdischen Bibel ins Griechische (die »Septuaginta«) in Alexandria. Siebzig Gelehrte sollen an dieser Großtat mitgewirkt haben.

Der jüdische Philosoph Philon von Alexandrien öffnete die jüdische Religion für hellenistisches Gedankengut. Gleiches gilt für frühchristliche Theologen wie Clemens von Alexandrien und vor allem Origenes, der Christentum und antiken Neuplatonismus zu versöhnen suchte.

Der seit Kaiser Konstantin und seinem Sohn Konstantius im 4. Jahrhundert beginnende Siegeszug des Christentums führte auch in Alexandrien zum Untergang der diversen heidnischen Kulte. Frau Stock versäumte nicht, auf die - oft von christlicher Seite ausgehenden - gewaltsamen Auseinandersetzungen im Gefolge dieses säkularen Wandels hinzuweisen. Die Ermordung der »heidnischen« Philosophin Hypathia durch christlichen Pöbel ist ein markantes Beispiel für wachsende religiöse Intoleranz im Namen des Monotheismus.

Der endgültige Absturz Alexandrias in kulturelle und politische Bedeutungslosigkeit setzt spätestens mit dem Siegeszug des koptischen Christentums ein. Im Jahr 641 - 972 Jahre nach Gründung der Stadt - fällt die Stadt schließlich in die Hände militanter islamischer Eroberer. Ihre einstmalige Bedeutung wird sie nie mehr wiedergewinnen.

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