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Corona hält Kunden fern

Bahnhofsbuchhandlungen: Ohne Züge durch die Krise

  • vonHarald Schuchardt
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Um die 60 Prozent weniger Reisende verbucht die Deutsche Bahn seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Den Kundenrückgang bekommen auch die Bahnhofsbuchhandlungen zu spüren.

Es ist kurz nach 18 Uhr, als sich das Rollgitter am Eingang der Relay-Buchhandlung im Bahnhof Friedberg laut knirschend nach unten bewegt. "Hei, Chef, ihr habt jetzt schon zu?", fragt ein Kunde, der davon ausgegangen war, dass bis 20 Uhr geöffnet sei. Die zwei gewünschten Fachzeitschriften bekommt er trotzdem noch. "Wir brauchen jeden Euro Umsatz", sagt Tom Chira. Er betreibt seit drei Jahren als selbständiger Vertriebsleiter die Buchhandlung. Die Öffnungszeiten hat er nach dem Lockdown im April um drei Stunden gekürzt.

"Wir haben gut 35 Prozent weniger Umsatz, da musste ich reagieren", sagt der gebürtige Amerikaner, der seit über 30 Jahren mit einer Deutschen verheiratet ist und in Limeshain-Himbach lebt. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben auch den 56-Jährigen überrascht. Obwohl er im Frühjahrs-Lockdown geöffnet hatte, ging der Umsatz im April um fast 50 Prozent zurück. Besonders stark sei der Rückgang bei Büchern und Zeitschriften gewesen, aber auch Zigaretten und Reisebedarf waren weniger gefragt.

"Bei den Tageszeitungen gibt es kaum einen Rückgang, bei der Lotto-Annahme habe ich sogar einen leichten Zuwachs", freut sich Chira, der für einige Kunden, die er sehr gut kennt, einen besonderen Service hat: "Ich lasse die anschreiben. Ich kenne die sehr gut und weiß, dass ich das Geld bekomme." Bis September ging es umsatzmäßig aufwärts, seitdem ist der Trend rückläufig, sagt Chira, dessen beide fest angestellten Mitarbeiter in Kurzarbeit sind. Dazu kommen vier Aushilfen. Chira: "Wir kommen durch."

"Die Einäugigen unter den Blinden"

Gleiches sagt auch Michael Dienemann, der vor acht Jahren die Relay-Buchhandlung im Bad Nauheimer Bahnhof übernommen hat. "Wir sind so etwas wie die Einäugigen unter den Blinden", sagt der gebürtige Frankfurter, der mit seiner Familie in Altenstadt lebt. Was er damit meint, erklärt er so: "Wir haben sehr viele treue Stammkunden aus der Nachbarschaft und sind daher nicht so sehr auf die Pendler angewiesen."

Ein zweiter Grund, warum sich in der Bad Nauheimer Bahnhofsbuchhandlung die Verluste seit Ausbruch der Pandemie in Grenzen halten, sieht Dienemann in seinen zusätzlichen Angeboten, wozu eine Lottoannahmestelle, der DHL-Shop und die Annahme von Kleidung für die Friedberger Reinigung Kathari gehört.

Vor allem das DHL-Angebot werde sehr gut angenommen. Postkunden können auch Pakete abholen, die nicht zugestellt werden konnten. "Manche suchen erst mal den Relay-Shop in der Bahnhofsallee 12. So steht es auf der Abholkarte. ›Im Bahnhof‹ wäre besser", meint Dienemann.

Im Zeitungs- und Zeitschriftenverkauf habe man kaum Rückgänge, sagt Dienemann. Das führt er auch auf sein großes Angebot von 1500 unterschiedlichen Printexemplaren zurück. "Wir haben da in Bad Nauheim das größte Angebot überhaupt." Zurückgegangen ist dagegen der Verkauf von Tabakwaren und Reisebedarf wie Getränken oder kleinen Snacks. "Morgens früh ist es ruhiger geworden", sagt der Geschäftsmann, der von seinen drei Kindern Laura, Gabriele und Patrick unterstützt wird. Dazu kommt ein Auszubildender zum Einzelhandelskaufmann.

Branche leidet unter weniger Fahrgästen

Dass es in der Branche meist nicht so gut aussieht wie in Bad Nauheim, bestätigt Oliver Hempel, Executive Vice President Strategy & Development bei der Lagardère Travel Retail Deutschland GmbH mit Sitz in Wiesbaden. "Wir merken die Pandemie sehr. Die Umsätze bewegen sich im Bereich des Frequenzrückgangs an Bahnhöfen bei aktuell 60 Prozent und an Flughäfen sogar bei 90Prozent." Relay betreibt an 60 Standorten rund 90 Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen und ist Mitglied im Verband Deutscher Bahnhofsbuchhändler (siehe Kasten).

Für Relay werden die nächsten Monate schwer, mutmaßt Hempel, der von einer Erholung erst im Frühjahr ausgeht. Erfreut zeigt er sich über das Entgegenkommen einiger Vermieter bei der Miete auch für das kommende Jahr; ein Beispiel ist Fraport, der Betreiber des Flughafens Frankfurt. Mit der Deutschen Bahn werden aktuell Gespräche geführt, sagte Hempel.

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