Nach 35 Jahren haben Werner und Gudrun Migot ihre Bäckerei am Dorheimer Marktplatz geschlossen.
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Nach 35 Jahren haben Werner und Gudrun Migot ihre Bäckerei am Dorheimer Marktplatz geschlossen.

Von der Backstubb aufs Motorrad

Bäckerei Migot in Dorheim schließt: Nach 35 Jahren ist der Ofen aus

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Nach 35 Jahren haben Werner und Gudrun Migot ihre Bäckerei am Dorheimer Marktplatz geschlossen. Der Backofen ist endgültig aus, die Zeit des frühen Aufstehens vorbei.

Werner Migot hat gut lachen. Es ist geschafft. Nach 35 Jahren gehen er und seine Frau Gudrun in Rente, die kleine Bäckerei am Dorheimer Marktplatz ist seit Montag Geschichte. Am Samstag, dem letzten Öffnungstagen, kamen spontan Kunden vorbei, brachte Blumen, Wein und Spirituosen, wünschten das Beste für den Ruhestand. Sie äußerten gleichzeitig aber auch ein wenig Wehmut. Denn auch die guten Stückchen, die deftigen Brote und die knackigen Brötchen von Migot, alles in echter Handarbeit hergestellt, sind nun Geschichte.

Migot übernahm das Ladengeschäft im Januar 1985 von seinem Vorgänger Alois Becker. Migot ist gelernter Bäcker, hat sein Handwerk bei der Bäckerei Mörler in der Friedberger Altstadt gelernt. Was »Berufsberatung« in früheren Zeiten bedeutete, schildert er in kurzen Worten: »Du hast doch en Bub. Will der Bäcker werden?« Der Vater sagte zu, der Technik-affine Bub fügte sich.

Anfang der 1980er-Jahre wechselte Migot kurzzeitig die Profession, arbeitete als Blumenverkäufer, fuhr frühmorgens nach Frankfurt in die Großmarkthalle. »Ob Blumen oder Brot - in beiden Fällen muss man nachts früh raus«, dachte sich Migot und stieg beim Bäcker Becker als Aushilfe ein. Ein Jahr später übernahm er das Geschäft »von jetzt auf gleich«.

Bäckerei Migot in Dorheim schließt: Meisterprüfung mit 27 Jahren abgelegt

Erinnert sich Migot an seine Lehrzeit, muss er schmunzeln. Dreizehneinhalb war er, als er mit der Lehre begann. Mit 16 hatte er ausgelernt. Die Arbeitsschutzgesetze wurde damals noch recht lax gehandhabt. »Ich war morgens oft der erste in der Backstube, und da die Lehrlinge kehren müssen, war ich auch der Letzte, der rauskam.« Die Meisterprüfung legte er mit 27 Jahren ab.

Zehn Jahre zuvor hatte er seine spätere Frau Gudrun kennengelernt. Werner Migot, schon damals ein Motorrad-Fan, nahm sie auf seinem Moped mit hinten drauf. Gudrun Migot hatte vorher im Büro gearbeitet. Später, als die beiden den Bäckerladen übernahmen, war sie die Chefin hinter der Ladentheke.

Auf etwa 35 Prozent schätzt Migot den Anteil der Dorheimer Kunden. Der überwiegende Teil seiner Backwaren verkauft er an Kliniken, Thermalbäder und andere Einrichtungen. Migot setzte auf Spezialitäten, hatte »Wikingerbrot« mit kräftiger Kruste oder ein leckeres Malznussbrot im Angebot, das er für die »Käsescheune« in Hungen buk. »Das Rezept kennen nur Sternekoch André Großfeld und ich«, erzählte er einmal der WZ.

An oberster Stelle stand für Migot die Handarbeit. »Bei mir gab’s keinen Fabrikkram.« Und auch keine zugekauften Rohlinge für Aufback-Brötchen. Ein Brötchen muss zwischen 45 und 48 Gramm wiegen. Bis es im Verkaufstresen landete, hatte er es »mindestens 20 Mal in der Hand«, erzählt Migot. Da die Bäckerei viel mit Bestellungen arbeitete, blieb am Ende des Tages kaum etwas übrig. »All is’ all«, sagt der Dorheimer.

Bäckerei Migot in Dorheim schließt: In der Coronakrise zählt die Qualität

Zu Beginn der Coronakrise habe sich gezeigt, dass diese Strategie aufgehen kann. Die Leute setzen wieder auf Qualität, ähnlich wie bei der Wahl zwischen Fabrikschnitzel und frischem Fleisch vom Metzger. Der Umsatz sei um rund 30 Prozent gestiegen, sagt Migot.

Aber die Marktlage für Bäckereien wird seit Jahren immer schwieriger. »Die Supermärkte mit ihrem Angebot haben viel verändert.«

Die Migots verreisen gerne. Neun Schiffsreisen stehen schon zu Buche. Jetzt dürften noch ein paar dazukommen. Außerdem wird sich Werner Migot künftig mehr seinem Motorrad widmen, einer 1000er Ducati. Als junger Mann fuhr er Motocross-Rennen. Mit der mächtigen Ducati geht es zwar schneller, aber nicht ganz so rasant und gefahrvoll durch die Lande.

Die Nachfolgefrage habe sich für ihn nie gestellt, sagt der Bäckermeister. Die Kinder, auf die er sehr stolz ist, haben alle einen anderen Beruf gewählt. Der Abschiedsschmerz hält sich in Grenzen, was nachvollziehbar ist. Wer die Wahl hat zwischen einem heißen Backofen und einem etwas anderen »heißen Ofen«, der muss nach so vielen Jahren Arbeitsleben nicht lange überlegen.

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