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Von dem irischen Dichter Oscar Wilde stammt die Erkenntnis, dass uns eine Maske mehr erzählt als ein Gesicht. Wilde starb im Jahr 1900 und somit deutlich vor dem Zeitpunkt, als FFP2- und OP-Masken die bunten Stoffmasken verdrängten. Aber wo soll man sie tragen und wo nicht? Viele Bürger sind ratlos.

Corona: Wenn die Bürger nicht mehr weiter wissen

Bad Nauheim und Friedberg: Ärger und Verwirrung um Corona-Regeln sorgen für Anfragenflut

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Corona, Abstand, Masken, Homeschooling - viele Bürger fühlen sich in der Pandemie hilflos, suchen nach Rat. Die Ordnungsämter der Städte fungieren dabei zuweilen als Kummerkasten.

In ihrem Wohnhaus in Bad Nauheim gebe es 24 Wohnungen, viele Mieter seien über 80 Jahre alt, erzählt die Leserin. Der Aufzug ist kaputt, auf der Treppe begegneten ihr aber immer wieder Mieter ohne Schutzmaske. Die Putzfrau ziehe beschämt einen Schal vors Gesicht, wenn man ihr begegne. Ein Schild der Hausverwaltung, das zum Tragen von Schutzmasken auffordert, werde von vielen Bewohner einfach nicht beachtet.

Die Frau wusste sich nicht zu helfen, rief beim Bad Nauheimer Ordnungsamt an. Sie schilderte ihr Problem, die Mitarbeiter konnten ihr aber nur den Rat geben, einen Anwalt zu kontaktieren. Wohnhäuser sind Privateigentum, die Corona-Verordnungen gelten nur im öffentlichen Raum

Bad Nauheim „Positiv, wenn Leute aufeinander achten“

Es gebe »gewaltige viele Anfragen«, sagt Bad Nauheims Erster Stadtrat Peter Krank (parteilos). Oft hätten die Mitarbeiter aber keine Lösungen parat. Beispielsweise dann, wenn es um private Angelegenheiten geht. Krank hat Verständnis dafür, dass es so viele Fragen gibt. »In der Corona-Pandemie gibt es ständig neue Verordnungen. Das bekommen viele Bürger einfach nicht mit. Wer liest denn all die Ausführungsbestimmungen?« Noch dazu, wenn sie anderntags wieder ergänzt oder geändert werden.

Manche Bürger fragten, warum es keine Maskenpflicht in der Stresemannstraße gebe, wo es diese Pflicht doch beim Wochenmarkt gibt. Dann die Regelungen zum Einzelhandel. Welches Geschäft darf öffnen, welches nicht? Das ist selbst Geschäftsinhabern nicht immer ganz klar. Oft sei es schwierig, den Bürgern zu erklären, warum eine Sache so und nicht anders geregelt ist. Hat ein Einzelhändler sein Geschäft illegal geöffnet? Steigt im Garten des Nachbarn eine verbotene Party? »Immer, wenn neue Regeln bekannt gegeben werden, mehren sich solche Anrufe«, sagt Krank, der darin aber nichts Negatives sehen will. Im Gegenteil: »Es ist doch positiv, wenn die Leute aufeinander achten.«

Friedberg: Corona-Regeln sorgen für Telefon-Dauertest

Anfangs sei die städtische Ordnungspolizei allen Hinweisen nachgegangen. Da kommt es schnell vor, dass sich die beobachtete Ansammlung von Menschen schon aufgelöst hat. Oder die Ordnungshüter stellten fest, dass alle eine Maske tragen und/oder den Mindestabstand einhalten und somit alles in Ordnung ist. »Die Einschätzungen, ob Regeln eingehalten werden, können voneinander abweichen.« Man nehme dennoch alle Hinweise der Bürger ernst, sagt Krank.

Auch im Friedberger Ordnungsamt werden die Telefongeräte einem Dauertest unter realen Bedingungen ausgesetzt. »Unser Arbeitsschwerpunkt stellt die Beratung dar, nicht die Ahndung«, sagt der stellvertretende Ordnungsamtsleiter Frank Halbritter. Viele Fragen drehten sich um die im Moment gültige Rechtslage. »Bei über 27 Auslegungshinweisen - wir haben aufgehört zu zählen - mit jeweils etwa 35 Seiten in einem Jahr ist es auch für uns ambitioniert, auf dem jeweils neuesten Stand zu sein.«

Bad Nauheim und Bad Nauheim: Stets auf dem neuesten Stand?

Halbritter nennt ein Beispiel: »In den aktuellen Auslegungshinweisen werden 73 Verkaufsstellen aufgezählt, die geöffnet haben dürfen.« Die Rechtslage ändere sich ständig. »Was gestern verboten war, ist heute erlaubt und umgekehrt«, fasst Halbritter die Situation in einem Satz zusammen, der vermutlich niemals Eingang in eine Verordnung finden dürfte. Derzeit würden hauptsächlich spielende Kinder angezeigt. Nicht alles, was in der Corona-Verordnung steht, sei auch Bußgeld-bewehrt. Und nicht alles, was Politiker in den Medien verkündeten, werde auch in die Verordnung aufgenommen.

Wann dürfen Brautmoden-Geschäfte öffnen? Wann Reiterhöfe? Wann dürfen Chöre proben? Wie organisiert man derzeit einen privaten Umzug? Keine Frage, die nicht schon gestellt worden wäre. Das sei aber auch in anderen Abteilungen im Rathaus der Fall, etwa wenn die Sportabteilung Auskunft über die Nutzung der Sportplätze gibt. Auch das Friedhofsamt werde mit vielen Fragen konfrontiert, wenn der Ablauf von Trauerfeiern in Zeiten der Corona-Pandemie besprochen werden muss.

Die gleiche Erfahrung machen derzeit viele Journalisten. Die Pandemie wirft wohl erst dann keine Fragen mehr auf, wenn sie überwunden ist. Aber manchmal hilft es schon, wenn einem jemand zuhört und man das Gefühl hat, dass man mit seinem Problem wenigstens nicht alleine ist.

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