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Der Babba zieht ins aHa ein

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Wer über Wolf Schmidt spricht, hat stets etwas zu lachen: WZ-Redakteur Jürgen Wagner (l.) mit Schmidts Neffe Andreas Mehling und dem aHa-Vorsitzendem Uli Lang (r.).
Wer über Wolf Schmidt spricht, hat stets etwas zu lachen: WZ-Redakteur Jürgen Wagner (l.) mit Schmidts Neffe Andreas Mehling und dem aHa-Vorsitzendem Uli Lang (r.). © Nicole Merz

Friedberg (jw). Beim Stadtjubiläum darf der bedeutendste Künstler von Friedberg nicht fehlen. Am 19. Februar, seinem Geburtstag, steht Wolf Schmidt alias »Babba Hesselbach« im Mittelpunkt einer Lesung im Alten Hallenbad (aHa). Die WZ sprach mit Schmidts Neffen, dem Dirigenten Andreas Mehling, und aHa-Vorsitzendem Uli Lang.

Herr Mehling, es gibt das Vorurteil, Wolf Schmidt habe sich im »Babba Hesselbach« selbst gespielt. Er war gar nicht so kratzbürstig und autoritär-verwirrt, wie er die Figur dargestellt hat. Wie war er wirklich?

Andreas Mehling: Er war ein Macher, wie man heute sagt, der an zwei Enden gebrannt hat: für seine Projekte natürlich, aber auch für seine unglaubliche Lust am Umbau, am Neubau. Deswegen hätte ihm dieses Projekt, das Alte Hallenbad, gefallen. Er hat alle seine Häuser, in denen er im Laufe seines Lebens wohnte, sofort umgebaut und erweitert. So war er in allem. Er war ein Mensch, der nicht still sitzen konnte, außer wenn er an seiner Schreibmaschine saß. Zur Frage, ob er sich selbst gespielt hat: Nein, das hat er nicht. Das kam vielleicht dadurch zustande, dass er immer sein eigener Autor und gleichzeitig sein Hauptdarsteller war.

Es gab ein anderes Vorbild für den grantelnden »Babba Hesselbach«.

Mehling: Das war sein Vater, Prof. Karl Schmidt, der ein Bildungsbürger war, aber ein ungewöhnlicher. Als Altphilologe hatte er immer den Wunsch, lieber Musiker zu sein. Er hat ja auch das Friedberger und Bad Nauheimer Musikleben als Veranstalter und Pianist über Jahrzehnte geprägt. Er war aber nicht der typische Spießervater. Er war autoritär, aber ein freier Geist. Zu Hause konnte er herrliche Wutausbrüche hinlegen.

Von Wolf Schmidt ist bekannt, dass er Seifen, Rasierklingen und andere Dinge mit langer Haltbarkeit in so großen Mengen kaufte, dass die Vorräte für Jahre reichten. Sie sind auch Künstler. Haben Sie ähnliche Schrullen?

Mehling: Nicht solche. Das entwickeln wir alle, die wir viel mit unserer Fantasie beschäftigt sind. Bei Wolf könnte ich mir vorstellen, dass die Schrullen aus den Kriegs- und Nachkriegszeiten stammten, wo es viele Dinge nicht gab. Er aber wollte immer das, was er haben wollte, gleich haben. Das war seine Art.

Die TV-Serien werden regelmäßig im Fernsehen wiederholt, das Werk Ihres Onkels ist nicht wie andere TV-Serien in der Mottenkiste verschwunden. Warum, glauben Sie, ist das so?

Mehling: Weil er nicht der typische Serienautor war, sondern jemand, der etwas transportieren wollte. Und es hat sich eben so ergeben, dass es eine Familienserie war, in der er das tun konnte. Was er »rüberbringen« wollte, war die Erkenntnis, dass menschliche Kommunikation immer nach ähnlichen Gesetzen abläuft und stets mit Fehlern behaftet ist. Dabei hat ihm etwas geholfen, was in unserer ganzen Familie verbreitet ist: die Fähigkeit zur Selbstironie. Das Sich-selbst-nicht-so-wichtig-Nehmen, aber trotzdem wichtige Dinge mit Humor in die Welt setzen zu wollen – das war das Grundrezept seiner Arbeit. Und das ist immer noch aktuell.

Herr Lang, im Alten Hallenbad soll eine regelmäßige Wolf-Schmidt-Reihe starten. Wie kam es dazu und was ist geplant?

Uli Lang: Die Idee, regelmäßig an Wolf Schmidt zu erinnern, hat sich dadurch ergeben, dass sich Andreas Mehling im Alten Hallenbad engagiert, ganz praktisch, aber im nächsten Programm auch musikalisch. Außerdem passt es zum Selbstverständnis des Alten Hallenbads, Wolf Schmidt mehr zu geben als eine Plakette am Haus, was auch anerkennenswert ist. Wir veranstalten ja auch andere Jubiläen. Am 16. Juni feiern die Deutsch-Iren im Kesselhaus den Blooms-Day und erinnern an James Joyce. Da liegt es für uns doch nahe, einen jährlichen Hesselbach-Abend zu veranstalten.

Wie geht das nächstes Jahr weiter? Wieder mit einer Lesung oder sind andere Veranstaltungen geplant?

Mehling: Da sind wir völlig offen. Die Veranstaltungen sollen an ihn und sein Werk erinnern. Das kann auch ein Vortrag sein. Momentan haben wir auf das zurückgegriffen, was auf dem Markt ist, und zwar sehr erfolgreich: Jo van Nelsen mit seinen Lesungen, die er seit Jahren in dieser Form macht, und das Stalburg-Theater in Frankfurt, das Hörspielfolgen auf die Bühne bringt und stets ein volles Haus hat.

Sie haben das Hesselbach-Programm von Jo van Nelsen bereits gesehen. Was erwartet die Zuschauer?

Mehling: Wolf Schmidt hat in den Sechzigerjahren einige Folgen, die als Hörspiel und im Fernsehen gelaufen waren, in einem Buch als Prosatexte umgearbeitet, ohne die typische Dialogform. Daraus liest Jo van Nelsen zwei, drei Episoden, und das macht er hervorragend, weil er nicht nur ein sehr guter Vortragender ist, sondern im Herzen auch ein Fan.

Sie haben als Dirigent und Chorleiter gearbeitet. Die Musik spielte bei den »Hesselbachs« immer eine große Rolle. Willy Czernik und Wolfram Röhrig haben einen unvergleichlichen 50er-Jahre-Sound geschaffen. Wäre ein Konzert mit diesen Stücken im Alten Hallenbad denkbar?

Mehling: Diese Musik live in der Originalbesetzung aufzuführen, wäre ein Riesenwerk. Es gab damals ganz andere Möglichkeiten, große Besetzungen zu realisieren, wenn auch für heutige Verhältnisse sehr unkonventionell. Meine Mutter war in den Fünfzigerjahren bei einer Aufnahme als Geigerin dabei. Wolf ließ die Musik für einen Kinofilm einspielen, hatte ein Orchester zusammengestellt. In Ludwigshafen fand er einen Saal, wo das technisch und zeitlich an einem Wochenende möglich war. Da ist er mit einer dicken Tasche hingefahren, hat die Aufnahme nicht musikalisch, aber dramaturgisch geleitet und am Ende aus der Tasche jedem Musiker sein Geld bar ausgezahlt.

Sie haben sich damals an der Diskussion, ob der Elvis-Presley-Platz möglicherweise »Babba-Hesselbach-Platz« heißen sollte, nicht beteiligt. Es gab auch die Idee, auf dem Elvis-Presley-Platz zwei Büsten aufzustellen: eine von Elvis und eine von Wolf Schmidt. Was halten Sie davon?

Mehling: Wenn das dramaturgisch durchdacht wird, ist das eine gute Idee. Wobei ich weniger Wert legen würde auf den »Babba Hesselbach« als auf Wolf Schmidt als Sohn dieser Stadt. Das wird ja oft in einen Topf geworfen, aber Wolf hat noch viel mehr Dinge geschrieben und produziert als nur die »Familie Hesselbach«.

Herr Lang, was ist im Alten Hallenbad in diesem Jahr kulturell noch zu erwarten?

Lang: Wieder eine breite Palette von Kulturangeboten für verschiedene Bevölkerungschichten. Das »go local« ist eines unserer Prinzipien; die Leute müssen nicht nach Frankfurt fahren. Es gibt wieder Poetry Slam, das »Heldentheater« ist wieder mit dabei, die Komödie »Der Gott des Gemetzels« ist noch einmal zu sehen. Und wir haben verschiedene Musik-Genres. Der Jazz-Gitarrist Lulo Reinhard kommt wieder, und wir werden erneut eine Oper aufführen, diesmal »Fidelio«. Das Programm reicht also von Klassik bis Klamauk.

Und bis zur Kammermusik mit Andreas Mehling am Piano. Wie kam es dazu?

Mehling: Ich habe Verbindungen zu einem Streicher-Trio aus Mainz. Die Musiker waren schon einmal im Alten Hallenbad und wollten hier gerne mit Klavierbegleitung spielen. Die Pianistin musste den Termin absagen, da habe ich gesagt: Das mache ich. Das wird aber eine einmalige Geschichte sein.

Wie geht es mit der Sanierung voran?

Lang: Wir haben mit dem zweiten Bauabschnitt begonnen, der das Dach über der ehemaligen Schwimmhalle umfasst. Das muss wärme- und schalltechnisch saniert werden. Schalltechnisch deshalb, weil unsere Betriebsgenehmigung den Schallschutz nach außen notwendig macht. Das Dach ist an manchen Stellen auch undicht. Wir sammeln derzeit noch Spenden und wollen mit den 250 000 Euro, die wir haben, auch drei große Bogenfenster, die nach Norden gehen und 1964 zugemauert wurden, wieder öffnen.

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