Überzeugt einmal mehr an der "Königin der Instrumente": Stadtkantor Ulrich Seeger beherrscht die Stadtkirchenorgel.	FOTO: GERHARD KOLLMER
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Überzeugt einmal mehr an der »Königin der Instrumente«: Stadtkantor Ulrich Seeger beherrscht die Stadtkirchenorgel. FOTO: GERHARD KOLLMER

Aufwühlende Impressionen

  • vonGerhard Kollmer
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Friedberg (gk). Lübeck im Winter 1705: Der 20-jährige Johann Sebastian Bach weilt während der Adventszeit in der altehrwürdigen Hansestadt, um Dietrich Buxtehude, den berühmten Meister des norddeutschen Orgelbarock, in St. Marien, der Hauptkirche der Stadt, an der »Königin der Instrumente« zu erleben. Dabei hat er bestimmt dessen Toccata in d-Moll, BuxWV 155 gehört und wird nicht zuletzt von deren virtuosen Pedalsoli fasziniert worden sein - wie es seiner eigenen Toccata in F-Dur, BWV 540 deutlich anzuhören ist.

Mit Buxtehudes Toccata und dessen Ciaconna in e-Moll, BuxWV 160 eröffnete Stadtkantor Ulrich Seeger (vor Kurzem von einer Radtour nach Lübeck heimgekehrt) sein eindrucksvolles Konzert am vergangenen Sonntagabend in der Friedberger Stadtkirche. Auf Buxtehudes kraftvolle Toccata folgten der erste und dritte Satz der 1958/59 entstandenen »Sonntagsmusik« des 1929 geborenen tschechischen Tonsetzers Petr Eben. Hinter dem schlichten Titel verbirgt sich ein großartiges Werk, das vor allem im »Moto Ostinato« des dritten Satzes den Hörer fasziniert.

Tonalitäts-Grenzen fast gesprengt

Ein kurzer Blick in den schier undurchdringlichen »Notenwald« dieses beklemmenden »Scherzos« vermittelt dem Laien eine Ahnung, mit welcher Präzision und Brillanz Kantor Ulrich Seeger diese extreme Herausforderung bestand.

Während die »Fantasia I« des 1. Satzes der »Sonntagsmusik« den alten gregorianischen Choral »Ite, Missa est« paraphrasiert und nach ständigen Tempo-, Rhythmus- und Tonartwechseln am Ende fast die Grenzen der Tonalität sprengt, evoziert der monoton stampfende Ostinato-Rhythmus des 3. Satzes apokalyptische Visionen. Die extrem kontrastierenden Tonfolgen zeugen vom ewigen Kampf des Guten mit dem Bösen. Vor dem geistigen Auge des Hörers vollzieht sich ein archaisches Schlachtgetümmel - ganz im Sinne des Tonsetzers.

Denn Ebens Werk entstand in dunkler Zeit. Nachdem seine jüdische Großmutter von den braunen Henkern im KZ Theresienstadt ermordet worden war und er mit seinem Bruder das Lager Buchenwald überlebte, zählte Eben in den folgenden vier Jahrzehnten der »sozialistischen« CSSR als christlich geprägter Komponist zu den Verfemten, dessen Werke überwiegend im westlichen Ausland aufgeführt wurden. Erst 1990 erhielt der 60-Jährige eine Professur für Komposition an der Akademie für darstellende Künste in Prag. Für seine kongeniale, empathische Darbietung dieses erschütternden Konzert-Highlights erhielt Ulrich Seeger nach langen Augenblicken der Betroffenheit heftigen Applaus.

Auch der 1877 geborene Siegfried Karg-Elert zählt zu den Außenseitern seines Fachs. Nach seinem frühen Tod als 55-Jähriger im April 1933 nahmen die Nazis den Namen des Nichtjuden in das berüchtigte »Lexikon der Juden in der Musik« auf. Erst in den 1970er Jahren beginnt die Würdigung von Karg-Elerts umfangreichem Werk. Ulrich Seeger zählt den musikalischen Einzelgänger zu seinen bevorzugten Komponisten. Aus dessen 1923 entstandenem siebenteiligen Zyklus »Impressionen vom Bodensee« brachte er die Nummern 1, 2 und 5 zu Gehör.

Welch ein gewaltiger Kontrast besteht zwischen Elerts »impressionistischen« assoziationsreich-lautmalerischen Klangbildern und Petr Ebens vor der Pause vernommener »Sonntagsmusik«. Insofern war es ein überaus glücklicher Einfall Ulrich Seegers, das 3. Friedberger Sommerkonzert mit Karg-Elerts Hommage auf »seinen« Bodensee zu beschließen.

Dass diese feinsinnige Musik mit idyllischer Verklärung einer wunderbaren Landschaft wenig gemein hat, erhellt bereits die erste, »Die Seele des Sees« überschriebene Impression. Friedvoll ruhend bis stürmisch bewegt: Karg-Elert lässt das »Mikroklima« dieser einzigartigen Landschaft auf höchstem Niveau Klang werden.

Vielfarbiger Klangteppich

Um diese Kompositionen voll würdigen zu können, braucht es allerdings einen Interpreten wie Ulrich Seeger, der solch einen vielfarbigen Klangteppich zu knüpfen, der Karg-Elerts subtile Impressionen auf Augenhöhe darzubieten versteht.

Mit »Landschaft im Nebel«, »Der Sonne Abendlied« und dem symphonischen Choral »Ach bleib’ mit deiner Gnade« von Karg-Elert klang ein Konzert aus, das den Hörerinnen Hörern lange in Erinnerung bleiben wird.

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