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"Tag des Stickers"

Aufkleber sind Kunst mit Konfliktpotenzial

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Kunst oder Verschandelung der Innenstädte? Zum "Tag des Stickers" hat die WZ mit Joachim Albert, Vorsitzender des Kunstvereins Friedberg, einen Blick auf die Sticker-Kunst geworfen.

Kein Tag ohne ein kurioses Gedenken: Der 13. Januar wird in den USA als "National Sticker Day" begangen, auf Deutsch ist dies der "Tag der Aufkleber". Es geht um Druckerzeugnisse aus Papier oder Kunststoff mit Selbstklebefläche und um eine noch relativ junge Kunstrichtung.

Im Gegensatz zu vielen anderen kuriosen Gedenktagen (heute ist auch "Tag des Quietcheentchens", morgen folgt der "Zieh-Dein-Haustier-an-Tag", am Freitag wird in Großbritannien der "Tag des Schlaglochs" begangen) wurde der "Tag des Stickers" nicht zufällig auf den 13. Januar gelegt. Es ist der Geburtstag des US-amerikanischen Erfinders und Geschäftsmanns Richard Stanton Avery (1907-1997). Im Dezember 1935 erhielt er das Patent für ein maschinell hergestelltes, selbstklebendes Preisetikett. Damit legte er, wie Joachim Albert sagt, den Grundstein für die Aufkleber- und Etiketten-Drucker-Branche.

Als Medienwissenschaftler, Kunstkenner und Kurator vieler Ausstellungen ist Albert viel herumgekommen, kennt die internationale Kunstszene. Die Sticker-Kultur sei vor rund 25 Jahren in einer alten Berliner Siebdruck-Werkstatt entstanden. "Die haben Workshops angeboten und gezeigt, wie man Sticker produziert." Heute gibt es in Berlin sogar ein Sticker-Museum.

Längst nutze auch die Werbeindustrie Sticker für ihr "Guerilla-Marketing", sagt Albert. Doch die meisten Sticker haben eine nicht-kommerzielle, oft subversive Botschaft. "Die Künstler kommen aus dem linken politischen Spektrum. Die Rechte nutzt andere Kanäle. Es gibt aber auch rein ästhetische Sticker." Das sind zeichenhafte Symbole, ähnlich wie bei Graffiti, nur auf reduziertem Raum. Ein weiterer Vorteil gegenüber gesprühter Kunst: Sticker können vervielfältigt werden, sind nicht an einen Orten gebunden.

Die meisten Sticker kleben auf Mülleimern, Verkehrsschildern oder an Hauswänden. Es gebe gute Argumente, diese Form der Kunst abzulehnen: "Es handelt sich um eine Ordnungswidrigkeit, ähnlich wie wildes Plakatieren. Wenn die Sticker entfernt werden, zahlen wir das mit unseren Steuergeldern." Albert sieht aber auch die andere Seite: "Die Sticker im Stadtraum sind eine Reaktion auf unser Leben." Nehme man sie als Kunstwerke wahr, verwandele sich die gesamte Stadt in eine riesige Galerie. "Ein spannender Gedanke." Jeder einzelne Sticker könne als Herausforderung oder auch als Gedankenanstoß verstanden werden.

Ein Beispiel zeigt Albert in der Großen Köhlergasse. An einem Laternenpfahl hängt ein Sticker mit einem Porträtfoto des Philosophen Theodor W. Adorno, daneben steht ein Zitat: "Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten." Man muss nicht über den "großen Teich" schauen, um die Aktualität zu erkennen.

Wer Sticker klebt, wolle sich Gehör verschaffen, sagt Albert. Im besten Fall bringen einen die Sticker auf andere Gedanken. Manchmal verändern sie auch das gesamte Interieur. In Mannheim gebe es eine Bar, auf deren Männertoilette ein raumhoher Spiegel stehe, der nicht mehr als solcher zu erkennen sei. Albert: "Er ist von oben bis unten mit Stickern beklebt." Die Aufkleber "spiegeln" etwas anderes wieder: Die vielen unterschiedlichen Identitäten, die sich darauf verewigt haben.

Ein Beispiel für Street-Art der etwas anderen Art war die Aktion "Strich-Punkt" in Hannover: 2012 wurden dort Millionen neonfarbener Preisetiketten auf Säulen, Bänke und Straßenlaternen geklebt: Die Kunstaktion lenkte den Blick auf die Käuflichkeit von Sex und Kunst.

Manches ist anderes in der Sticker-Kunst. So bleiben die Künstler unsichtbar, treten nicht öffentlich in Erscheinung. Von dem Street-Art-Künstler Banksy kennt man immerhin noch den Namen. Was zudem in Friedberg auffällt, aber international gelten dürfte: Sticker-Kunst ist eine saisonale Kunst. Klettern die Temperaturen unter null Grad, bleiben die Sticker-Künstler im Untergrund bzw. in der warmen Wohnung.

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