Die Waschbären in der Auffangstation in Bellmuth begrüßen Vicky Schneider, die Früchte mitgebracht hat.
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Die Waschbären in der Auffangstation in Bellmuth begrüßen Vicky Schneider, die Früchte mitgebracht hat.

Diskussion über Waschbär-Plage

Waschbären in Friedberg erschießen? Tierschützer sind empört

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Was tun gegen die Waschbär-Plage? In Friedberg sollen die Tiere eingefangen und erschossen werden. Das empört Tierschützer, die sich um mutterlose Welpen kümmern.

Friedberg - Vicky Schneider hat gerade erst die Tüte geöffnet, da schleicht sich schon ein Waschbär an und stibitzt eine Nuss. »Die haben nicht umsonst eine Maske auf, das sind kleine Räuber.« Aber muss man sie deshalb gleich abschießen? Wer die drolligen Tiere in der Auffangstation »Carlshof« in Ranstadt-Bellmuth einmal besucht hat, dürfte davon Abstand nehmen.

Das geplante Waschbärmanagement in Friedberg hat Tierschützer auf den Plan gerufen. Was genau ist da geplant? Werden Tier- und Naturschutz zum Runden Tisch eingeladen? Und: Wie kann man glauben, mit dem Töten der Tiere könne man deren Bestand verringern? Solche Fragen gehen Vicky Schneider, Dani Müller und Steffi »Dolittle« Schulze durch den Kopf. Die drei Frauen betreuen in Ossenheim, Bellmuth und Nidda mutterlose Waschbären.

Auf Englisch heißt der Waschbär »Raccoon«. In der nordamerikanischen Algonkin-Sprache heißt das »Der mit den Händen kratzt«. Steht man im Carlshof in Ranstadt-Bellmuth vorm Außenbereich des 100 Quadratmeter großen Geheges, eilen sofort Waschbären herbei und strecken ihre zarten Finger durchs Gitter.

»Pauline!«, »Balu!«, ruft Vicky Schneider. Alle Tiere haben einen Namen. »Das sind wilde Tiere. Aber sie haben sich an Menschen gewöhnt«, sagt Dani Müller, Betreiberin des Carlshofs. Neben der »Waschbär-Kita« sind hier ein Gnadenhof und eine Tierpension untergebracht. Auf dem Hof leben Meerschweinchen, Kaninchen, Hühner und eine Ratte; das Herrchen macht gerade Urlaub. Als Müller die Tür zum Wohnhaus öffnet, stürzt eine Meute Hunde in den Hof.

Wer das Gehege betrifft, sollte Handy und Geldbeutel gut verstauen. »Die greifen nach allem, was sie kriegen«, sagt Schneider. »Auch nach Geldscheinen, die aus der Hosentasche ragen.« Die Schnürsenkel des Reporters bekommen sie aber nicht auf.

Waschbär-Plage in der Wetterau: Frühstück für die »Knutschbären«

In Ossenheim beherbergt Schneider selbst 14 der »Knutschbären«. Sie hat Frühstück mitgebracht. Waschbären essen gerne Schnecken, Insekten, Käfer, Nüsse, Baumfrüchte, Eicheln und Fleisch. Schneider backt ihren Tieren Kräuterbrot. »Das lieben sie.«

Das eigentliche Waschbär-Paradies befindet sich einen Stock höher in der Scheune. Hinter einer Holz- und Gittermatten-Konstruktion befindet sich eine Spiellandschaft, wie man sie vom »Halli Galli« oder ähnlichen Kinderspielhallen kennt. Nur dass hier Waschbären durch Tonnen kriechen, an Seilen klettern oder entspannt in der Nestschaukel liegen und alles beobachten.

Waschbären durchsuchen Mülltonnen nach Essen, räubern in Vogelhäusern, sorgen für nächtlichen Krach, wenn sie auf Dachböden Nester und Latrinen anlegen. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts leben Waschbären in Deutschland. Sie gelten als »invasive« Art, als »Neozoon«: artfremd und eingeschleppt. Ein Argument, das Gegner des kleinen Bären gerne anführen. Für die Tierschützer sticht es nicht: »Dann müsste mein Nachbarn auch seinen Flieder entfernen«, sagt Müller. Der Waschbär sei in Deutschland heimisch geworden. Also müsse man sehen, wie man mit ihm klarkomme.

»Ich verstehe den Ärger und will die Schäden nicht verniedlichen«, sagt Müller. Aber die Jagd sei keine Option, um die Bestände zu minimieren. Steffi Schulze hat Statistiken des Deutschen Jagdverbandes mitgebracht: Je mehr Bejagung, desto mehr Tiere. Statt sie abzuschießen, empfiehlt Schulze Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune oder Mülltonnenschlösser (siehe Kasten unten).

Waschbär-Hilfe in der Wetterau: Station wird über Spenden finanziert

Die Menschen machten es den Tieren zu leicht. »Ein Vogelhaus ist für die wie ein McDonald’s«, sagt Schulze. »Auf keinen Fall sollten die Tiere gefüttert werden. Das lockt sie in die Siedlungen.«

Die Tierschützer waren erleichtert, als sie erfuhren, dass im Rahmen des Friedberger Waschbär-Managements ein Runder Tisch eingerichtet werden soll. »Hoffentlich sitzen an dem Tisch auch Tier- und Naturschützer«, sagt Schneider. Die Welpen in der Auffangstation werden im Oktober vor der Geschlechtsreife kastriert. So könne man den Bestand kontrollieren.

Eine Kastration kostet zwischen 130 (Männchen) und 300 Euro (Weibchen). Dazu kommen Kosten für Impfungen, Futter, Gehege. Der Gnadenhof wird ehrenamtlich betrieben, lebt von Spenden und persönlichem Einsatz. Staatliche Unterstützung gebe es keine. Dabei stiegen die Zahlen von mutterlosen Tierwelpen zuletzt an. »Jeden Tag müssen in Deutschland 20 bis 40 mutterlose Tiere gerettet werden«, sagt Schneider. Müller ergänzt: »2020 wurde als das bisher schlimmste Jahr bezeichnet. 2021 ist nach den bisherigen Zahlen schlimmer.«

Wie schützt man sein Haus vor Waschbären?

Wie kann man sich vor Waschbären schützen? Wie verhindert man, dass sie auf dem Dachboden Nester bauen und Latrinen anlegen? Anstatt die Tiere abzuschießen, was nicht nur Tierschützer kritisch sehen, gibt es in Städten mit sehr hohen Populationen wie Berlin oder Kassel bereits Methoden, um sich der Tiere zu erwehren. So kann man sich für 20 Euro ein Mülltonnenschloss kaufen. Die Tiere können dann den Deckel nicht mehr öffnen. Um zu verhindern, dass die Waschbären in die Häuser eindringen, sollten überstehende Äste von nahe stehenden Bäumen abgesägt werden. Und wenn sich die Tiere an der Regenrinne entlang hangeln? Setzt man diese unter Strom. Ein entsprechendes Abwehrsystem kostet etwa 100 Euro, sollte aber von einem Fachmann installiert werden. Experten schätzen die Zahl der in Deutschland lebenden Waschbären auf mehr als 500 000. Laut Jagdstatistiken steigt die Population rapide an. Bei den Abschüssen lag Hessen zuletzt deutlich vor anderen Bundesländern (27 796, in Bayern waren es 1646). Waschbären sind Allesfresser. In Siedlungen locken nicht nur Obst- und Nussbäume, sondern auch Abfalleimer und Mülltonnen. Hat sich ein Waschbär erst einmal auf einem Dachboden eingerichtet, ist es schwer, ihn wieder zu vertreiben. Tierschützer empfehlen daher vorbeugende Maßnahmen. Die Waschbär-Freunde in der Wetterau arbeiten an einer Internetseite, um über Schutzmaßnahmen zu informieren. Eine Idee ist auch, Webcams im Gehege zu installieren. Auf diese Weise will man Paten für die knuffigen Bären gewinnen.

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