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Auf dem Weg zur Zentralperspektive

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Von: Gerhard Kollmer

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Dr. Matthias Recke © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). Anhand zahlreicher Beispiele aus der griechisch-römischen Vasen- und Wandmalerei gab Dr. Matthias Recke von der Universität Frankfurt am vergangenen Montagabend im Großen Saal des Theaters Altes Hallenbad aufschlussreiche Einblicke in die sukzessive Erschließung des Raumes bzw. der Räumlichkeit in der antiken Bildkunst von der »Geometrischen Epoche« (ab ca.

1000 v. Chr.) bis zur pompeianischen Wandmalerei der Zeitenwende.

Bei der Interpretation griechischer Vasenmalerei gelte es zu beachten, dass sie ihren Zweck nicht - moderner Kunst vergleichbar - in sich selbst hat, sondern der Ausschmückung alltäglicher Gebrauchsgegenstände dient. Am Beispiel eines monumentalen »Kraters« aus der geometrischen Epoche wurde deutlich, dass die dargestellte Aufbahrung (»prothesis«) mit anschließendem Begräbnis (»ekphora«) eines gefallenen Kriegers Ausdruck eines »selektiven Blicks« des Künstlers auf seinen Gegenstand ist, d. h. das aus seiner Sicht Wesentliche in den Vordergrund rückt. Mit »naiver Malerei« hat dies, so der Referent, nichts zu tun. Eine Amphore aus frühklassischer Zeit (ca. 800 v. Chr.) zeigt einen Krieger mit Schild, der - aufgrund seiner Bedeutung - die Darstellung dominiert.

Viele Beispiele

Den beginnenden Übergang von bedeutungsperspektivischer bzw. unräumlicher Objektdarstellung zur Einbeziehung des räumlichen Umfeldes in die griechische Vasenmalerei demonstrierte der Referent unter anderem anhand der Darstellung eines von Pferden gezogenen Streitwagens aus der Zeit um 500 v. Chr. Hier sind Bildfeld und Bildraum nicht mehr identisch, das heißt, die Pferdebeine erscheinen nur partiell auf dem Vasenbild. Menschliche Gestalten werden nun häufiger in »Klappansicht«, d. h. zugleich frontal wie im Profil, dargestellt.

Vasenbilder des 4. vorchristlichen Jahrhunderts aus der »Magna Graecia«, d. h. den griechischen Städten in Sizilien und Unteritalien, evozieren durch diagonal-verkürzte Objektdarstellung den Eindruck räumlicher Tiefe. Auch die römische Wandmalerei im pompeianischen Stil weist zahlreiche Elemente perspektivischer Erweiterung des Bildraums bzw. des Blickfelds auf, ohne deshalb zentralperspektivisch, d. h. auf einen einzigen »Fluchtpunkt« bezogen zu sein. Dies zeigte der Referent an gemalter Scheinarchitektur wie bspw. Seitenansichten von Tempeln oder plastisch dargestellter Möbel auf.

Nach dem Untergang der antiken Welt im 5./6. Jahrhundert kehrt die religiöse Bildkunst des Mittelalters zur unräumlichen Bedeutungsperspektive zurück - wie der Referent an einer Darstellung des Konzils von Nicäa aus dem 8. Jahrhundert demonstrierte. Im Anschluss an den mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag entspann sich ein kurzes Gespräch über die Stellung des Künstlers in der antiken Gesellschaft. Er war nur bedingt frei in der Wahl seiner Themen. Kunst war überwiegend Auftragskunst - wie noch viele Jahrhunderte danach. Darin unterscheidet sie sich fundamental von moderner Kunst bzw. vom Ideal des Künstlers als autonomes Subjekt. Diesen Unterschied müssen wir heutigen Betrachterinnen und Betrachter im Auge behalten, wenn wir dem Eigenwert vormoderner Kunst gerecht werden wollen.

Darüber hinaus gibt es keinen linearen »Königsweg« zur Entdeckung der Zentralperspektive in der Renaissance. Vorperspektivische antike und a-perspektivische mittelalterliche Kunst sind kein Ausdruck mangelnden Könnens bzw. Formwillens. FOTO: GK

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