Verkäufer angegriffen

Attacke mit Weinflasche in Friedberg: Urteil ist gesprochen

  • vonHedwig Rohde
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Das Leben des Täters war schon immer eine Talfahrt. Sein Angriff auf einen Mitarbeiter eines Lidl-Marktes in Friedberg hat für diesen schlimme Folgen. Nun musste sich der Angeklagte verantworten.

Es dürfte nicht oft vorkommen, dass ein Angeklagter den Richterspruch herausfordert. »Sprechen Sie Ihr Urteil, und dann ist gut«, war eingangs der Sicherungsverhandlung am Dienstag vor der Zweiten Großen Strafkammer am Landgericht Gießen unter Vorsitz von Richter Jost Holtzmann einer der wenigen Sätze, zu denen sich der Angeklagte herabließ. Dem weiteren Verlauf der Verhandlung folgte der 31-Jährige wie angekündigt unbeteiligt und desinteressiert.

Schließlich erreichte er die von ihm angestrebte Wiederunterbringung in der Psychiatrie. Das Opfer seiner Tat ist ein 54-jähriger Einzelhandelskaufmann, dem der Angeklagte am 29. Februar 2020 im Lidl-Markt in der Fauerbacher Straße in Friedberg mit einer Weinflasche den Hinterkopf zertrümmert hat. Der Verkäufer ist bis heute arbeitsunfähig, leidet körperlich und psychisch erheblich unter den Folgen des hinterrücks erfolgten Überfalls und muss befürchten, dass zwei lose Knochenstücke doch noch in einer risikobehafteten Operation entfernt werden müssen, damit sie nicht ins Kleinhirn eindringen.

Täter als Kind vom Vater vergewaltigt

Da der Angeklagte alle Angaben zur Person verweigerte, verlas Richter Holtzmann Teile aus Akten und Gutachten, die den Lebens- und Leidensweg des 31-Jährigen dokumentieren. Geboren 1989 als zweites Kind einer wie der Großvater an Schizophrenie leidenden und drogensüchtigen Mutter sowie eines Vaters, der Tochter und Sohn von frühester Kindheit an vergewaltigte, wurde der Angeklagte wegen großer Aggressivität aus dem Kindergarten ausgeschlossen und daraufhin auch von seinen Eltern entfernt.

Beide Kinder kamen in ein Kinderheim, der Junge im Alter von zehn Jahren für vier Jahre ins Jugendheim Marburg. Dort wurden bei ihm schwere emotionale Störungen, Hyperaktivität und dissoziales Verhalten festgestellt. In Kiel absolvierte er die Hauptschule bis zur achten Klasse, in Hamburg schaffte er den Hauptschulabschluss mit einem Notendurchschnitt von 2,1. Er ging zur Bundeswehr und wurde nach 23-monatiger Dienstzeit regulär entlassen.

Danach scheiterten mehrere Versuche, eine Ausbildung zu absolvieren, an der kognitiven und körperlichen Leistungsfähigkeit des jungen Mannes. 2011 manifestierte sich bei dem damals 22-Jährigen eine voll ausgeprägte paranoide Schizophrenie. Es folgten erste Gerichtsverfahren, die Zwangsräumung der Wohnung und die Diagnose seiner Erkrankung in der Psychiatrie in Wasserburg.

2013 wurde der Angeklagte für fünf Jahre unter gesetzliche Betreuung gestellt. Eine sozialpsychiatrisch-neuroleptische Therapie schlug gut an.

Überfall mit einem Messer

2014 wurde die Betreuung aufgehoben; er brach die Reha ab und zog zu seiner Schwester. Dort setzte er seine Medikamente ab, verwahrloste. In diesem Jahr stand er zweimal vor Gericht: In Ulm wurde er nach einem wahnbedingten Vorfall als schuldunfähig freigesprochen. Das Landgericht Kassel ahndete später den mit einem Messer durchgeführten Überfall auf eine Sparkasse mit der Unterbringung in der Psychiatrie.

Die Behandlung dort sollte den Mann stabilisieren und auf einen Umzug in Betreutes Wohnen vorbereiten. Im Juni 2018 wurde die weitere Vollstreckung unter strengen Auflagen zur Bewährung ausgesetzt. Der Mann wohnte fortan in Friedberg und begann eine Ausbildung im Berufsbildungswerk in Karben. Am 21. Februar 2020 notierte die forensisch-psychiatrische Ambulanz Hessen, zu der er regelmäßig Kontakt halten musste, dass er bereits einige Monate zuvor erneut eigenmächtig seine Medikamente abgesetzt und inzwischen auch seine Ausbildung abgebrochen hatte. Konkrete Gefährdungssymptome wurden nicht festgestellt.

Der Angeklagte ging am 29. Februar um 9 Uhr in den Lidl-Markt, nahm eine Weinflasche aus dem Regal, rief »Scheiße!«, warf sie dem 54-Jährigen, der an einem Regal für die Inventur Waren aufnahm, mit voller Wucht an den Hinterkopf und wartete nach Zeugenaussagen »kalt und gefasst« auf die Polizei. Dieser erklärte er »keinen Bock auf das Leben« zu haben und zurück in die Psychiatrie zu wollen.

Staatsanwalt Benedikt Zdziarstek beantragte die weitere Unterbringung in der Psychiatrie, Verteidiger Tomasz Kurcab plädierte für eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung, ohne sich dabei auf ein Strafmaß festzulegen. Die Kammer folgte schließlich dem Antrag des Staatsanwaltes.

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