+
In der evangelischen Kirchengemeinde in Friedberg hängt der Haussegen schief. Bis zum Abschied von Pfarrerin Susanne Domnick sollen die Differenzen aufgearbeitet werden. Foto: Nici Merz

Gemeindeversammlung

"Atempause" vor dem Abschied von Pfarrerin Domnick

  • schließen

Friedbergs Pfarrerin Domnick soll gehen, es gibt Streit mit dem Kirchenvorstand. Dieser hatte am Samstag zu einer Aussprache eingeladen. Rund 200 Besucher kamen in die Stadtkirche.

Der Dekan hatte gesprochen, der Vorsitzende des Kirchenvorstands hatte seine Sicht der Dinge dargelegt, doch in den Gesichtern der Gemeindemitglieder war noch immer Ratlosigkeit zu lesen. "Um was geht’s denn hier eigentlich?", wollte ein Gemeindemitglied wissen. "Das ist mir nicht klar geworden." Damit sprach er vielen aus der Seele. Die Nachricht, dass Pfarrerin Susanne Domnick Friedberg verlassen wird, hat viele geschockt. Die evangelische Kirchengemeinde will die Differenzen nun intern aufarbeiten.

Die evangelische Kirchengemeinde Friedberg hat 5700 Gemeindemitglieder. Zu Gemeindeversammlungen kämen sonst rund 50 Mitglieder, sagte Kirchenvorstandsvorsitzender Alexander Ohl. Am Samstagvormittag fanden sich knapp 200 Menschen in der Stadtkirche ein. Nicht nur Gemeindemitglieder, auch Personen aus der Bürgerschaft, die lange mit Pfarrerin Susanne Domnick zusammenarbeiteten sowie Zaungäste aus Nachbargemeinden.

Viel Unverständnis

Der Andrang kam nicht unerwartet. Schon die Reaktionen auf den WZ-Bericht vom 5. Oktober, als der bevorstehende Weggang öffentlich wurde, zeigten, dass dies bei vielen Menschen auf Unverständnis stößt. Domnick sei das Gesicht der Kirche in Friedberg, wurde geäußert. Engagiert und beliebt, eine Vertreterin des politischen Christentums und "eine starke Persönlichkeit mit Ecken und Kanten".

Ecken und Kanten bringen es mit sich, dass sich andere daran stoßen. Bevor zumindest eine Ecke dieser Kanten zur Sprache kam, war es an Dekan Volkhard Guth, das Prozedere zu erläutern. Dass Pfarrer (und selbstverständlich auch Pfarrerinnen) nicht bei den Gemeinden angestellt sind, sondern bei der Landeskirche. Dass es ein Bewerbungsrecht gebe (und folglich niemand vor die Tür gesetzt wird). Dass Pfarrer automatisch dem Kirchenvorstand angehören, dieser aber alle sechs Jahre neu gewählt wird und es Kirchenvorstände folglich oft mit Amtsträgern zu tun haben, die von Vorgängern gewählt wurden. Und dass das Bilanzierungsverfahren, an dessen Ende der Dekan die Empfehlung aussprach, Domnick solle sich eine neuen Pfarrstelle suchen, ein normaler Vorgang in der evangelischen Kirche sei.

Man habe auf vielerlei Weise versucht, die Differenzen zwischen Pfarrerin und Kirchenvorstand zu lösen, vergeblich. Dass sich einige Leserbriefschreiber "allzu forsch" zu Wort meldeten, gefiel Guth gar nicht. Zumal dies im Umkehrschluss heißt, dass der Kirchenvorstand in der Kritik steht. Während der Versammlung wurde gar dessen Rücktritt vorgeschlagen; der Gedanke wurde schnell wieder fallengelassen. Kirchenvorstandsvorsitzender Alexander Ohl sagte, die Entscheidungen sei keinem leicht gefallen. Es sei "die Art der Zusammenarbeit", die zu Unstimmigkeiten mit der Pfarrerin geführt hätten. "Es gibt keine persönlichen Animositäten."

Streit ums Kirchenasyl

Um was geht es? Eine Antwort lieferte Domnick, die eines klar stellte: "Mit dem Verfahren bin ich nicht einverstanden. Die Bilanzierung löst keine Probleme, weil nicht an den Differenzen gearbeitet wird." Und: "Wenn ein Kind zitternd vor mir am Boden liegt, frage ich nicht den Kirchenvorstand, sondern sage Kirchenasyl zu." Donnernder Applaus in der Stadtkirche, besorgte Gesichter in den Reihen des Kirchenvorstands. Denn ganz so einfach ist das nicht, wie Ohl sagte. Domnicks Haltung sei aller Ehren wert, der Kirchenvorstand habe sämtlichen Fällen von Kirchenasyl für Flüchtlinge zugestimmt. "Doch das Kirchenasyl ist rechtlich nicht unumstritten." Und die Verantwortung trägt am Ende nicht die Pfarrerin alleine, sondern der gesamte Kirchenvorstand, also auch die ehrenamtlichen Mitglieder.

Es war dies der einzige konkretere Hinweise auf die Hintergründe des Streits. Für Domnick ist der Abschied beschlossenen Sache. "Es ist okay, wenn ich mich mit 60 noch woanders bewerbe." Für das halbe Jahr, das man noch miteinander verbringe, wünsche sie sich aber eine Aufarbeitung der Differenzen. "Ich habe in den letzten Wochen viel über die Balken vor meinen eigenen Augen nachgedacht." Ein Satz sei ihr dabei immer wieder durch den Kopf gegangen: "Sage mir nicht, was ich falsch mache. Sage mir, was Du von mir wünschst." Dieses Aufeinanderzugehen wünschen sich auch viele andere Gemeindemitglieder, manche haben sogar die Hoffnung, am Ende könne Domnick doch in Friedberg bleiben.

In der "Atempause" vor der Versammlung sprach Margarethe Wolf über Adventslieder, erwähnte auch "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit." Das Sprachbild meint, Christen sollten in Erwartung des Weihnachtsfests nicht nur Türen, sondern auch Verstand und Herzen öffnen. Kein schlechter Ratschlag.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare