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Armut, Keuschheit, Gehorsam

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Von: Gerhard Kollmer

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Ein Leben im Kloster: Welche Gründe Männer wie Frauen dazu bewegen, ein mönchisches Leben im Kloster fernab der Alltagswelt zu führen, hat Ursula Stock (kl. Foto) im ersten Vortrag bei »Kultur auf der Spur« anschaulich erläutert. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). »Minimalismus«: Unter diesem Motto steht der neue Vortragszyklus von »Kultur auf der Spur«.

Den Eingangsvortrag über christliches und buddhistisches Mönchtum hielt die langjährige ehemalige Vorsitzende Ursula Stock am Montagabend im Bibliothekszentrum Klosterbau vor zahlreichen Hörerinnen und Hörern.

Welche Gründe haben sowohl Männer wie Frauen seit etwa zweieinhalbtausend Jahren im christlichen Abendland wie im ostasiatischen Kulturkreis dazu bewogen, ein mönchisches Leben im Kloster fernab der Alltagswelt zu führen?

Das Hauptmotiv für diese existenzielle Entscheidung liegt - so die Referentin - in dem Wunsch nach einem asketischen Leben in freiwilliger Armut. Nur dieser Weg könne am ehesten zu Gott führen. Dem Rückzug aus der Welt entbehre vor allem bei den frühen, als Eremiten lebenden »Wüstenvätern« jedoch nicht eine gewisse »egoistische« Note, sagte Stock. Wer nur seine eigene Erlösung im Blick hat, kann keine Verantwortung in der Welt übernehmen.

Mit der Gründung des Benediktinerordens im sechsten Jahrhundert wird die bis dahin verschlossene Pforte zur Welt »draußen« zumindest ein Stück weit geöffnet. Im Kloster soll nicht nur gebetet, sondern auch gearbeitet werden - »ora et labora«. Parallel zu diesem Paradigmenwechsel bildet sich im christlichen Mönchtum eine »Klassengesellschaft« zwischen betenden Priestermönchen und arbeitenden Laienbrüdern (Konversen) heraus.

Der heilige Franziskus propagiert im 13. Jahrhundert ein Leben in strenger Askese und Armut - nicht nur für den einzelnen Mönch, sondern den von ihm gegründeten Orden insgesamt. Für alle christlichen Orden gelten bis auf den heutigen Tag neben der Armut auch Keuschheit und Gehorsam als fundamental.

In einem kurzen Exkurs über Judentum und Islam rief die Referentin in Erinnerung, dass diesen beiden anderen monotheistischen Religionen die Idee des Mönchtums fremd ist. Gottes Schöpfung ist gut; der Mensch nicht mit der »Erbsünde« behaftet. Für Weltflucht besteht also kein Grund.

Im indisch-ostasiatischen Buddhismus jedoch ist die Idee des Mönchtums ebenso zentral wie für das christliche Denken. Buddha, als Königssohn in der hinduistischen Kastenwelt aufgewachsen, bricht mit seiner Herkunft und zieht als Wandermönch durch die Lande. Er predigt nicht den Rückzug aus der Welt, sondern ein Leben in Askese und freiwilliger Armut. Nur so könne der erstrebenswerte Ausstieg aus dem Reich der Wiedergeburten und Eingang ins erlösende Nichts (Nirwana) gelingen.

Askese: Das bedeutet für Buddha aufgrund seiner Lehre von der Allbeseelung der Welt ein möglichst naturnahes Leben.

Das traditionelle christliche Verhältnis zur (menschlichen) Natur ist im Gegensatz dazu ambivalent. Der Mensch als Naturwesen ist böse, nicht gut. Seine Bedürfnisse (vor allem Sexualität) sind »vom Teufel« und unterliegen strenger Kontrolle. Für Mönche, Nonnen und Priester sind sie strenges Tabu. Besonders krass wird dieser Dualismus Natur/Materie versus Übernatur/Geist in der spätantiken Gnosis, für die die materielle Welt das Geschöpf eines bösen »Demiurgen« ist, so die Referentin.

Die jahrhundertelange Dämonisierung der Natur darf im heutigen Christentum als überwunden gelten. Das mönchische Leben der Gegenwart ist geprägt durch vielfältiges Engagement in der Welt jenseits der Klosterpforten. Dazugehört nicht zuletzt der friedliche Kampf gegen die weltweite Zerstörung der Natur.

Für ihren lehrreichen Vortrag erhielt Ursula Stock starken Applaus.

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Ursula Stock Referentin © Gerhard Kollmer

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