Der "Mohr" ist rassistisch belegt und sollte aus Apotheken-Namen verschwinden, fordern rund 150 Demonstranten am Samstagnachmittag auf dem Friedberger Elvis-Presley-Platz. Auf die Idee, zwei "ö"-Pünktchen über den Namenszug zu setzen, kam diesmal niemand; das wurde schon in der Vergangenheit mehrfach "ausprobiert".
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Der »Mohr« ist rassistisch belegt und sollte aus Apotheken-Namen verschwinden, fordern rund 150 Demonstranten am Samstagnachmittag auf dem Friedberger Elvis-Presley-Platz. Auf die Idee, zwei »ö«-Pünktchen über den Namenszug zu setzen, kam diesmal niemand; das wurde schon in der Vergangenheit mehrfach »ausprobiert«.

150 Teilnehmer

Mohren-Apotheke: Anti-Rassismus-Demo in Friedberg - Apothekerin will nicht einlenken

150 Demonstranten haben am Samstag auf dem Elvis-Presley-Platz in Friedberg eine Umbenennung der Hof-Apotheke zum Mohren gefordert. Die Apothekerin will der Forderung nicht folgen.

Friedberg - Die Demo endete mit einem Paradebeispiel für latenten Alltagsrassismus, der als solcher gar nicht erkannt wird. Eine mutige Frau mittleren Alters war als einzige der Aufforderung der Demonstranten gefolgt und versuchte eine Gegenrede. Mit dem Mikro in der Hand trat sie den rund 150 meist jüngeren Menschen entgegen, viele davon mit dunklem Teint, in vielen Farben schimmernd, wie das längst zum Normalbild einer deutschen Stadt gehört. Mit sächsischem Akzent (hier wird kein Klischee ausgelassen!) sagte sie: »Eigentlich geht es Euch bei uns doch gut.« Kurz waren alle baff, im nächsten Augenblick erntete die Dame lautstarken Protest.

Ousman Conteh ist in Bad Nauheim geboren und hier in der Wetterau aufgewachsen. Der junge Mann gilt als einer der besten Hip-Hop-Tänzer weltweit. Im Junity unterrichtet er Jugendliche. Conteh hat die Demo zusammen mit anderen angemeldet. Was Alltagsrassismus bedeutet, schilderte er zu Beginn der Veranstaltung. Was soll er bloß antworten, wenn er nach seiner Herkunft gefragt wird, »Bad Nauheim« antwortet und die Frage folgt: »Aber wo kommst du eigentlich her?« Ständig müsse man sich rechtfertigen. Ein anderer Redner erzählte, er sei hier geboren, habe bei der Bundeswehr gedient, zahle seine Steuern. Auch er müsse sich ständig für seine dunkle Hautfarbe rechtfertigen.

Die Veranstalter hatten die Demo eher als »künstlerische Performance« geplant. Poetry Slam- und Rap-Texte wurden vorgetragen, es wurde gesungen, eine Gruppe Frauen zeigte - nachdem alle ihr Mohren-Gewand abgelegt hatten - einen Hip-Hop-Tanz.

Für die Vortragenden steht fest: Der Name »Mohr« oder auch: das »M-Wort« ist rassistisch. Wer es verwendet, handelt rassistisch. »Bei Rassismus gibt es keine Diskussion. Der Name ist nicht diskutabel«, sagte eine junge Frau am Rande der Demo.

Anti-Rassismus-Demo vor Mohren-Apotheke Friedberg: Ein Pöbler muss abgeführt werden

Diese kompromisslose Haltung war aus allen Beiträgen herauszuhören, und sie stieß anderen gehörig vor den Kopf. Rund 25 ältere Bürger hatten sich schützend vor dem Schaufenster der Apotheke versammelt. Einer hatte einen symbolischen Schutzschirm mitgebracht, andere hielten demonstrativ eine Stofftasche mit dem Emblem der Hofapotheken zum Mohren vor sich. Sie mussten sich von den Rednern einiges anhören: »Ihr seid die alte Garde.« »Mit sowas muss man sich rumschlagen.« »Wer die Apotheke verteidigt, ist ehrenlos.« Während der Moderator zu beschwichtigen versuchte, heizten die Rednerinnen und Redner die Stimmung an. Ein junger Mann verteilte Flyer und empfahl den älteren Bürger, sie sollten mal was »für Ihre Bildung tun«. »Das ist anmaßend und arrogant«, sagte eine Friedbergerin. »Die haben die Wahrheit für sich gepachtet«, meinte eine andere Frau.

Als empörend wurde empfunden, dass eine Rednerin die Doktorarbeit von Apothekerin Dr. Kerstin Podszus in Zweifel zog (offenbar ein Scherz, aber ein schlechter). Ein Friedberger: »Das ist völlig haltlos, solche Denunziationen kennt man sonst nur von Donald Trump.« Ein anderer Beobachter gab den bissigen Kommentar ab: »Früher hieß es: ›Kauft nicht bei Juden.‹ Und jetzt? ›Kauft nicht beim Mohren?‹

Ein Mann aus der Gruppe der »Gegen-Demonstranten« wurde nach Pöbeleien (er war offenbar angetrunken) von der Polizei abgeführt. Am Zebrastreifen der Haagstraße kam es zu einem Streit zwischen einem Demonstranten und einer Autofahrerin, die dem jungen Mann beim Wiederanfahren über den Fuß fuhr. Der Mann wurde ärztlich versorgt, die Autofahrerin erwartet ein Verfahren wegen Unfallflucht, die näheren Umstände will die Polizei noch klären.

Der vom Moderator angeregte Dialog zwischen Gegnern und Befürwortern des »M-Worts« kam am Ende nicht zustande - bis auf die Dame, die natürlich alles, nur keine rassistischen Gedanken hatte, als sie Menschen mit dunkler Hautfarbe in wohlwollendem Ton einfach mal zu Gästen in der eigenen Heimat machte.

Konrad Dörner, Rechtsanwalt der Apothekerin, teilte am Abend mit, alles sei friedlich abgelaufen, davon sei man aber von vorneherein ausgegangen. Man habe den Demonstranten ein Gesprächsangebot per Mail gemacht. Zu einer Namensänderung wird es laut Podszus aber nicht kommen, wie sie noch vor der Demonstration in einer Presseerklärung klargemacht hat.

Anti-Rassismus-Demo vor Mohren-Apotheke Friedberg: Apothekerin will an Namen festhalten

Die Hof-Apotheke zum Mohren wird ihren jahrhundertealten Namen beibehalten. Das teilte Apothekerin Dr. Kerstin Podszus in einer Pressemitteilung am Samstagmorgen mit. Die Apotheke wurde 1621 gegründet, ist seit über 100 Jahren in Familienbesitz. Der Name leite sich ab von den Mauren, die vor Jahrhunderten die moderne Pharmazie nach Mitteleuropa gebracht haben. Podszus: »Er ist somit Ausdruck von Hochachtung gegenüber der morgenländischen Heilkunst, sichtbar auch im Logo der Apotheke. Hier ist ein Maure mit Äskulapstab und einem Arzneimittelfläschchen zu sehen.« Die Bezeichnung Mohr habe zu seiner Zeit als Kompliment gegolten und zu keiner Zeit als Kränkung. Podszus: »Mein Herzblut steckt in dieser Apotheke, und deshalb möchte ich den Namen aus traditionellen und emotionalen Gründen keinesfalls ändern«. Die vereinzelt auftretende Diskussion um Rassismus nehme sie sehr ernst, befrage Freunde und Kunden, Politiker, Nachbarn und viele Friedberger Geschäftsleute. 2018 hatten 24 000 Unterstützer eine Online-Petition unterzeichnet, in der Apotheke selbst hätten sich bislang 3000 Kunden für die Beibehaltung des Namens ausgesprochen.

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