1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Friedberg

Anonyme Alkoholiker in Friedberg bieten dem Raubtier die Stirn

Erstellt:

Von: Christoph Agel

Kommentare

agl_Alkohol_250822
»Die könnten das nicht nachvollziehen, könnten nicht verstehen, warum wir es nicht lassen können«, sagt Robert über Menschen, die mit Alkoholkonsum keine Probleme haben. Robert will dem Alkohol fern bleiben, die Treffen der Anonymen Alkoholiker in Friedberg tun ihm gut. SYMBOL © Red

Um aus dem Strudel, mit dem die Alkoholsucht Menschen ins Verderben reißt, heraus zu kommen oder von ihm fern zu bleiben, treffen sich die Anonymen Alkoholiker in Friedberg seit fast einem Jahr.

Ohne die Gemeinschaft wäre ich schon lange tot. Oder ich wäre in einer Psychiatrie«, sagt Robert (Name von der Redaktion geändert). Der 63-Jährige gehört zu den Initiatoren der Anonyme-Alkoholiker-Treffen in Friedberg. Am 5. September gibt es sie ein Jahr. Eines, in dem sich die Teilnehmer der Lektüre des »Blauen Buches« widmen, des »Arbeitsbuches« für Menschen, die vom Alkohol weg kommen beziehungsweise nicht erneut in seine Fänge geraten wollen.

Robert ist seit rund 20 Jahren »trocken«, aber nicht aus dem Schneider, denn die Rückfall-Gefahr lauert wie ein Raubtier. Jeden Sonntag um 18 Uhr treffen sich aktuell sechs bis zehn Teilnehmer im Gemeindesaal der Friedberger Stadtkirche (siehe Info-Kasten), um dem Raubtier die Stirn zu bieten. »Wir können mit ›normalen‹ Menschen, die mit Alkohol kein Problem haben, gar nicht reden. Die könnten das nicht nachvollziehen, könnten nicht verstehen, warum wir es nicht lassen können«, sagt Robert und spricht von einer »vertrauensvollen Gemeinschaft« in der Friedberger Gruppe. »Weil wir da endlich Menschen finden, die uns verstehen, die alle das gleiche Problem haben.«

»Meine Teilnahme an den Meetings erinnert mich immer wieder daran - besonders dann, wenn es mir gut geht! -, dass ich an einer unheilbaren, potenziell tödlichen Krankheit leide. Das klingt womöglich nach einer sehr traurigen Veranstaltung; tatsächlich gehe ich aber sehr gerne in die Mee- tings und freue mich jedes Mal darauf!«, verdeutlicht einer aus der Runde. Ein anderer sagt: »So was habe ich selbst noch nie erlebt - so eine Offenheit und Freundlichkeit, die mir da entgegen gekommen ist.«

Das Blaue Buch mit seinen zwölf Schritten aus der Sucht heraus

Jedes Treffen folge einer klaren Struktur, sagt Robert. Zunächst erzähle jeder von seiner Woche, dann werde gemeinsam etwa eine Seite im »Blauen Buch« gelesen, anschließend tausche man Gedanken dazu aus. Es sei wichtig, sagt Robert, ausschließlich über Alkoholismus zu reden und nicht über den Ukraine-Krieg oder die Bundesregierung. »Alles, was von außen kommt, das vermeiden wir innerhalb dieses Meetings«, wolle man doch jeglichen Streit verhindern.

Das Blaue Buch mit seinen zwölf Schritten aus der Sucht steht im Zentrum der Treffen. Schritt eins besteht in der Einsicht, dem Alkohol gegenüber machtlos zu sein, der zwölfte Schritt beinhaltet unter anderem die Weitergabe der Botschaft an andere alkoholkranke Menschen. Robert spricht von »Sponsoren«, Leuten, die ihre eigenen Erfahrungen weitergeben, um anderen den Weg aus der Sucht zu erleichtern. »Diese Literatur ist für mich ähnlich wie eine neue Bedienungsanleitung für mein neues Leben, und ich bin sehr dankbar für dieses Meeting, für diese Gemeinschaft und wie das alles dort funktioniert«, sagt eine Frau, die der Friedberger Gruppe angehört.

Dabei bleiben, auch wenn alles gut ist

In der Gemeinschaft können die Anonymen Alkoholiker ihren Abstand zum Alkohol vergrößern, und zu all den Verhaltensweisen, die mit der Sucht einhergehen. Er selbst habe die Alkoholkrankheit immer verharmlost, erinnert sich Robert: Nach dem Motto: Ich habe doch Familie und Führerschein. In Wirklichkeit kriselte es privat und beruflich. »Das Drumherum wurde versucht anzupassen«, sagt Robert. Anzupassen an sein Verhalten. »Solange alle mitgespielt haben, war ja alles super, da konnte ich in Ruhe weiter trinken.« Spielten die Menschen um ihn herum nicht mit, wurde er ausfällig. »Ich habe wirklich geglaubt, dass andere dafür verantwortlich sind.« Robert vermutet, dass viele Menschen ohne diese Sucht-Erfahrung denken: Dann hör’ doch auf mit dem Saufen! Aber so einfach sei es nicht. »Obwohl wir schon drei Mal auf die heiße Herdplatte gefasst haben, sagen wir uns: Okay, beim nächsten Mal werde ich mich nicht verbrennen.« Sich nicht mehr am Alkohol »verbrennen«, einander unterstützen, darum geht es in der Gruppe. Wobei die Atmosphäre nicht immer ernst oder betrübt sei, sagt Robert, es werde auch gelacht. Am Ball zu bleiben, Woche für Woche in den Gemeindesaal zu kommen, sei wichtig. Denn auch wenn gerade alles gut läuft - was ist bei der nächsten Schieflage? Greift man dann zur Flasche? Zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen, sei eine der besten Entscheidungen in seinem Leben gewesen, sagt ein Teilnehmer. »Wenn man wirklich dran bleibt, dann funktioniert’s.«

Die Treffen der Friedberger Gruppe

Die Friedberger Gruppe der Anonymen Alkoholiker trifft sich an jedem Sonntag um 18 Uhr für 75 Minuten im Gemeinderaum der Stadtkirche. Am ersten Sonntag im Monat wird die Runde auch für weitere Interessenten geöffnet, etwa für Angehörige alkoholkranker Menschen. Außerdem können Referenten eingeladen werden, was derzeit nicht sehr intensiv passiert, wie Robert sagt. Die Gruppe wolle dies aber verstärkt tun. Die Anonymen Alkoholiker sind auch jenseits des Gemeindesaales aktiv. So haben sie schon eine Entgiftungsstation besucht, ebenso eine Schwesternschule in Marburg und die Beruflichen Schulen am Gradierwerk in Bad Nauheim. Auf der Selbsthilfemeile in der Kurstadt stellte sich die Gruppe vor. In der sonntäglichen Runde werde für ein Jahr ein Moderator gewählt, erklärt Robert. Aber: »Niemand sitzt auf diesem Posten fest und spielt den Chef.« Es sei eine ganz gesellige Truppe. »Wer neu da rein kommt, hat das Gefühl, hier bin ich richtig.« Informationen zur Gruppe der Anonymen Alkoholiker in Friedberg gibt es unter der folgenden Mobilnummer: 01 57/30 18 42 28.

Auch interessant

Kommentare