Ehemänner gequält

Angeklagte Sadistin: Krank, aber voll schuldfähig

  • David Heßler
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Ist die Frau, die ihrem Ehemann laut Anklageschrift in ritualisierten Bestrafungen Verbrennungen dritten Grades im Genitalbereich zugefügt haben soll, ob ihres Geisteszustandes voll schuldfähig? Diese Frage sollte der psychiatrische Gutachter im Prozess gegen eine 41-jährige Wetterauerin beantworten.

Sie hat ihre vier Ehemänner über Jahre gequält und gedemütigt, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Die mutmaßliche Sadistin, die wegen der Misshandlung ihren ersten Ehemannes mit Heißkleber - sie hatte ihm Merksätze in den Körper gebrannt - bereits drei Jahre in Haft war, bestreitet alle Vorwürfe und hatte deshalb Berufung gegen ein Urteil des Amtsgerichts Friedberg eingelegt. Das hatte sie zu drei Jahren Haft verurteilt, weil sie ihren zweiten Ehemann aus Rockenberg, seit 2012 von der Angeklagten geschieden, bis Ende 2018 immer wieder misshandelt haben soll; durch Verbrennungen mit einer heißen Suppenkelle oder Schlägen mit dem Besenstiel. Polizisten waren die zum Teil frischen Wunden am ganzen Körper aufgefallen, als der Rockenberger ihnen berichtet hatte, wie er zusammen mit der Angeklagten die Leiche ihres vierten Ehemannes, ein 45-Jähriger aus Bad Nauheimer, im Wald bei Heusenstamm abgelegt hatte. Die Ermittlungen wegen eines möglichen Gewaltverbrechens sind eingestellt (die WZ berichtete).

Die 41-Jährige, die sich im nun schon monatelang hinziehenden Berufungsverfahren, selbst als Opfer darstellt, gibt an, als Kind vom Bruder, vom Vater, vom Pflegevater und später von ihren Ehemännern missbraucht und misshandelt worden zu sein. Sie glaubt, der Rockenberger habe sie "vergiftet" und mit Tabletten ruhig gestellt. 2018 habe er ihr Wodka und Tabletten eingeflößt und sie vergewaltigt. Sie sei fast gestorben und vom Notarzt ins Hochwald-Krankenhaus gebracht worden. Er habe sie immer kontrolliert und unter Druck gesetzt, sagte die Frau unter Tränen aus. "Ich bin nicht verrückt - das wollte er mir immer einreden", beteuerte die 41-Jährige.

Andere Zeugen beschrieben den Rockenberger dagegen als friedliebenden, zurückhaltenden Menschen, der psychisch abhängig von seiner Ex-Frau gewesen sei. Ein Gutachter hatte die Brandnarben und Hämatome am Körper des Mannes untersucht und dessen frühere Aussagen bei der Polizei, er habe auf einer defekten Heizdecke gelegen und sich an einer Suppenschüssel verbrannt, schnell widerlegt. Später revidierte er diese vermutlich aus Scham und Liebe zur Angeklagten getätigte Aussage. Er tritt im Verfahren als Nebenkläger auf.

Gutachter: komplexe Trauma-Folgestörung

Ob seine Narben medizinisch und kosmetisch behandelt werden können, soll nun ein Gutachter klären. Die Antwort wäre wichtig für ein mögliches Strafmaß.

Ebenso ist die Frage, ob die Angeklagte voll schuldfähig wäre, von zentraler Bedeutung. Seit fast zwei Jahrzehnten war sie immer wieder in ärztlicher Behandlung, zum Teil auch stationär. Mehrere frühere Nachbarn berichteten der Richterin von lautem Geschrei der Frau und deren Beschimpfungen. Im Verfahren kam unter anderen ein Video zu Sprache, das die Frau und ihren mittlerweile verstorbenen Ehemann im Supermarkt zeigt. In der Gemüseabteilung fleht er die Angeklagte auf Knien an, ihm etwas zu essen zu kaufen.

Für den psychiatrischen Gutachter steht fest, dass die Frau an einer komplexen Trauma-Folgestörung mit wiederkehrenden Depressionen leidet, ausgelöst wohl durch sexuelle Übergriffe in der Kindheit. Werde sie durch bestimmte Wörter und Sätze getriggert, erlebe sie den Auslöser erneut, ziehe sie sich zurück oder reagiere höchst impulsiv.

Für eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gebe es gleichwohl keinen Anlass. Die Angeklagte habe die Fähigkeit, sich lange Zeit gut zu kontrollieren. Im Hinblick auf die ihr vorgeworfenen Taten sehe er keine verminderte Schuldfähigkeit, so der Gutachter. Die Taten, sofern wie angeklagt geschehen, seien nicht impulshaft erfolgt, was bei emotional instabilen Persönlichkeiten zu erwarten wäre. Dazu gehörten Schimpfen, Spucken, Treten, Kratzen - aber keine ritualisierten Bestrafungen, die sich teil über Stunden hingezogen haben sollen. Auch sei es unplausibel, dass der Rockenberger die Angeklagte durch den Einsatz von Triggerwörten bewusst so manipuliert hat, dass sie ihn bestraft und verletzt. Diese Erklärung hatte der Verteidiger zuvor in den Raum gestellt.

Gutachter: Kein Sadomasochismus

Vor Gericht betonte der Gutachter, dass er keine Hinweise auf einen sexuellen Sadismus bei der Frau sehe. Es sei auch nicht davon auszugehen, dass sich die Ehemänner in sadomasochistischer Absicht ihr hingegeben hätten. Sie hätten sie Qualen vielmehr in Kauf genommen, um die Frau nicht zu verlieren, vermutet der Psychologe. Das deckt sich mit den Ausführungen der Staatsanwaltschaft: Die Frau habe ihre älteren, unterwürfigen und sexuell bisweilen unerfahrenen Männer in psychische Abhängigkeit gebracht, damit diese ihre Misshandlungen erduldeten. Ehemann Nummer drei beispielsweise hatte vor Gericht davon gesprochen, er sei tagelang ohne Essen im Keller eingesperrt worden. Auch habe er Kot und Urin verzehren müssen. 

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