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»Als sei das Zuhause nur eine Pause zwischen den Reisen«: Nach der Lesung aus »Die Städte« verrät Andreas Maier, wie seine »Ortsumgehungs-Chronik« fortgesetzt wird.

Interview

Andreas Maier verrät: »In Wahrheit hätte ich niemals aus Friedberg oder Bad Nauheim fortgehen dürfen«

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Im Reiseblatt der »FAZ« verriet Andreas Maier kürzlich, dass er, obwohl Autor von Reisereportagen, gar kein Reisender ist. Warum, das erzählt er in seinem Roman »Die Städte« und im WZ-Interview.

Eine Boulevardzeitung unterzieht »unsere Lieblingsurlaubsländer« dem »großen Corona-Check«. Die Leute wollen jetzt nichts lieber als verreisen. Und Du veröffentlichst mit »Die Städte« ein Anti-Reisebuch. Zufall? Oder steckt eine Absicht dahinter?

Es war abzusehen, dass es im Verlauf der »Ortsumgehung« auch um dieses Thema gehen würde. Angefangen habe ich das Buch, direkt nachdem »Die Familie« herauskam. Also noch zu einer ganz anderen Zeit. Da hat mein Lektor noch gelebt und hat die Anfänge noch mitgekriegt. Das ist reine Koinzidenz, das fiel einfach so zusammen.

Urlaubsreisen werden im Buch als »Flucht« bezeichnet. Ein Rezensent schrieb, die geschilderten Urlaubsorte seien »Ausfluchtsorte«. Vor was fliehen die Menschen?

Reisen als Flucht, das ist ein berühmter Topos in der europäischen Geistesgeschichte (zitiert Horaz:) »Caelum mutant, animum non mutant…« - die Himmelsregion wechseln sie, aber die Person bleibt doch immer gleich. Ich kann nicht sagen, ob das eine Flucht ist. Ich habe mit Reisen sowohl ganz wenig als auch ganz viel zu tun. Seitdem ich Autor und auf Lesereisen bin, und auch durch die Stipendien, bin ich wahnsinnig viel unterwegs. Das war auch der Grund, warum ich Reisen aus eigenem Antrieb eingestellt habe. Als Student bin ich noch gereist, aber damals hatte sich das Tourismussegment längst nicht so entwickelt wie in den letzten 30 Jahren. Diese Entwicklung habe ich aber nur noch von außen mitgekriegt.

Ich merke schon, dass das Reisen den Leuten wahnsinnig wichtig ist, aber offensichtlich auf eine andere Art und Weise wie früher. Früher fuhr man für drei, vier Wochen in den Odenwald. Und heute? Flucht will ich gar nicht sagen. Aber die Leute sind schon teilweise geradezu süchtig nach dem Reisen geworden. Ich kenne gerade auch ältere Leute, die stets schon den nächsten Urlaub geplant haben. Das machen sie verblüffend oft im Jahr. Neben den ganzen Wochenendausflügen. Als sei ihr Zuhause fast nur eine Pause zwischen den Reisen.

In »Die Städte« erwähnst du den Kater Mikesch aus der »Augsburger Puppenkiste«, der verstoßen wird. Die Hauptfigur Andi will nie »in die Welt hinaus müssen«. Dich hat es in die Welt hinaus gezogen. Du hast in Friedberg und Bad Nauheim gelebt, in Frankfurt, in Südtirol, zuletzt sechs Jahre in Hamburg. Jetzt lebst du wieder in der Nähe von Frankfurt. Welches Verhältnis hast du zur Heimat?

Ich habe eine zweite Heimat gefunden, tatsächlich. Das ist Frankfurt-Sachsenhausen. Aus dieser Heimat war ich durch den Aufenthalt in Hamburg auch wieder sechs Jahre fort. Aber in Wahrheit hätte ich niemals aus Friedberg oder Bad Nauheim fortgehen dürfen. Das war ein großer Fehler. Man soll nicht weggehen.

In einem Kapitel betrachtet Andi Urlaubsfotos, die eine Freundin nach einer Kurzreise nach Bangkok gemacht hat und muss sich deren sinnentleerte Kommentare dazu anhören. Heute sind alle jungen Leute auf Tinder oder Instagram und posten ständig Fotos. Kannst du dir das erklären?

Das ist eine Kulturtechnik, die ich nicht kenne. Ich weiß daher nicht, wie sie sich für die Betreffenden anfühlt. Ich habe eine solche Szene mit Fotos damals ja tatsächlich zum ersten Mal erlebt. Das war für mich eine Art Kipppunkt: Meine Bekannte wusste über diese Fotos und ihr Kurzreiseziel wirklich ziemlich wenig zu erzählen. Selbst wenn meine eigene Familie früher Diaabende gemacht hat, gab’s doch immer etwas zu erzählen. Hier aber kamen die Fotos auf den Tisch und es lief nur noch über Optik. Vielleicht ist das heute alles so, aber wie gesagt: Diese Kulturtechnik ist mir nicht bekannt.

Die FAZ schrieb, das Buch sei »eine Atempause« und »Urlaub vom Fortschreiben«. Am Ende des letzten Bandes wird enthüllt: Der Wohlstand der Familie beruht wohl auf der Arisierung jüdischen Besitzes in der NS-Zeit. Was hat diese Entdeckung für Dein Schreiben bedeutet?

Ich habe diese Entdeckung in »Die Familie« sehr offen gelassen. Es gibt diesen Schreckmoment für den Erzähler, aber er geht ja nicht aufs Katasteramt und prüft das nach. Mir war ganz klar, dass ich im aktuellen Buch diese Erwartung unterlaufen würde. Das kommt noch, wahrscheinlich im nächsten Buch. Das nächste heißt »Die Heimat«, es wird wieder in den Siebziger- und Achtzigerjahren anfangen, und es wird auch um das Verhältnis zu unserer eigenen Vergangenheit in Deutschland gehen, aber auch zu dem, was in dieser Zeit für uns das »Fremde« hier vor Ort war. Also einmal die Ostaussiedler, und dann kamen früher auch oft Sinti und Roma, wie man heute sagt, in die Stadt. Ich glaube, bei diesen Themen finde ich besser den Anschluss an »Die Familie« als beim jetzigen Buch. Ich wollte aber auch von diesem Thema erst einmal wegkommen. Es gibt im aktuellen Buch nur kleine Reminiszenzen, etwa der Satz »Dass es dort« (auf dem Friedhof in Friedberg) »keine jüdischen Grabsteine gab, fiel mir zu dieser Zeit nicht einmal auf.«

Zum Thema »Familie«: Der Erzähler rechnet sich selbst ironisch der Hanno-Buddenbrook-Generation zu. Das Konzept »Familie« erscheint in deinen Romanen als eines, das scheitern muss, keine Chance hat. Warum ist es gescheitert?

Ich habe in meinem Leben eine Handvoll Familien kennengelernt, die für mich richtig gut aussahen. Bei den meisten anderen war das eher nicht der Fall.

Deine »Ortsumgehungs-Chronik« ist auf elf Bände angelegt, acht sind bisher erschienen. Du hast einmal gesagt, an dem Zyklus schreibst du »für den Rest deines Lebens«.

Das wird nicht klappen.

Wie geht’s dann weiter? Was kommt mit 58 oder 60? Etwas ganz Neues? Es gibt ja einen Bruch zwischen deinen ersten vier Romanen und dem »Ortsumgehungs-Zyklus« sowie den Glossen. Das ist ja auch ein stilistischer Bruch.

Dass ich in die erste Phase meines Schreibens zurückkomme, von »Wäldchestag« bis »Sanssouci«, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe mal vor sieben, acht Jahren etwas kokett gesagt, ich schreibe danach nur noch ein Buch, das heißt »Beerdigung«, darin schreibe ich über meine eigene Beerdigung, und dann noch ein allerletztes, »Postscriptum«, daran hätte ich dann bis zu meinem Lebensende geschrieben. Das hatte ich mir ganz schön vorgestellt, aber ich muss ja weiterhin Geld verdienen! Da kann ich mit dem nächsten Buch nicht bis zu meinem Tod warten. Irgendwas werde ich nach der »Ortsumgehung« schon machen, mal schauen.

Autor und Journalist kennen sich seit vielen Jahren; das übliche Interview-Sie wäre in diesem Fall albern gewesen.

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