Lisa und Marcel Emrich betreiben die mobile Geflügelschlachtstation.
+
Lisa und Marcel Emrich betreiben die mobile Geflügelschlachtstation.

Mobile Geflügelschlachtung

Alternative zu Sammeltransporten

  • vonRedaktion
    schließen

In regionalen Produkten sehen viele Kunden eine sinnvolle Alternative zur Lebensmittelindustrie und Massentierhaltung. Nun können Landwirte eine neue mobile Geflügelschlachtstation, die im Wetteraukreis entwickelt worden ist, auf ihrem Hof einsetzen.

Umweltstaatssekretär Oliver Conz hob bei der Vorstellung der mobilen Schlachtstation, die in einen handelsüblichen Pkw-Anhänger eingebaut ist, vor allem den Tierschutzaspekt hervor. Die Tiere seien "bis zur letzten Sekunde ihres Lebens in vertrauter Umgebung", sagte er. Conz, der sich als "Ornithologe im Gewand eines Staatssekretärs" bezeichnete, betonte, dass Hühner durchaus intelligente Tiere seien, die entsprechend auch den Stress der Enge während der Transporte und einer plötzlichen fremden Umgebung empfinden.

Dem Geflügel würden teilweise stundenlange Transportfahrten und auch Wartezeiten in den Schlachtbetrieben erspart. "Viele Menschen vergessen, dass am Ende des Lebens der Tiere, die wir essen, noch einmal Stress entsteht durch den langen Transportweg."

Dr. Veronika Ibrahim vom Amt für Veterinärwesen, Infektions- und Verbraucherschutz des Wetteraukreises, die die mobile Geflügelschlachtstation mit entwickelt hat, erläuterte, dass auch die Schlachtung in dem Anhänger für die Tiere zum Teil weniger Qualen als in den Großbetrieben bedeute - weil das Geflügel manuell mit einem Stromschlag betäubt und dessen Wirkung überwacht werde.

Im Gegensatz dazu würden die Tiere in den Großschlachtereien minutenlang kopfüber hängend durch ein elektrisch geladenes Wasserbad gezogen, in dem sie betäubt werden sollen. Wenn jedoch ein Tier zappele und zunächst mit einem Flügel statt wie vorgesehen mit dem Kopf eintauche, zucke es zurück. Dadurch berühre der Kopf nicht das Wasser. Deshalb würden in den Großbetrieben immer wieder Tiere geschlachtet, die noch bei Bewusstsein seien.

Alternative für kleine Betriebe

Um diese eigentlich verbotenen Qualen zu vermeiden, hatte die Hessische Tierschutzbeauftragte Dr. Madeleine Martin die Amtstierärztin Ibrahim beauftragt, die mobile Geflügelschlachtstation zu entwickeln. Dabei habe sie sich an zwei Projekten in Niedersachsen und Baden-Württemberg orientieren können, berichtete Ibrahim. Der Anhänger, der von Lisa und Marcel Emrich aus Ortenberg-Usenborn betrieben wird, sei ihres Wissens erst die dritte mobile Schlachtanlage in Deutschland.

Von den Investitionskosten von rund 66 000 Euro haben die Gerty-Strohm-Stiftung 50 000 Euro, das Land 10 000 Euro und die Ökomodellregion Wetterau 6000 Euro finanziert. Die Kosten seien aber bisher nicht das Hindernis für den Einsatz der Anlagen, erläuterte Claudia Zohner von der Ökomodellregion. "Es ist wichtig, einen Betreiber zu finden. Das war bei uns auch der große Knackpunkt." In diesem Sinne dankte sie den Emrichs dafür, sich auf das Projekt eingelassen zu haben.

Dennis Hartmann, Vorsitzender des Bundesverbandes Mobile Geflügelhaltung, wies darauf hin, dass die mobile Schlachtstation die ideale Ergänzung zu dem Konzept sei, bei dem man Geflügel in kleinen Gruppen in mobilen Ställen und Freigehegen halte. Auch gewinne die regionale Vermarktung zunehmend Bedeutung. "Da passen lange Transportwege nicht dazu." Zumal: Rund 70 Kilometer sei der nächste Geflügelschlachtbetrieb von der Wetterau entfernt. Ibrahim ergänzte, dass für einen Geflügelhalter mehrere Fahrten anfielen, wenn er seine Tiere dort schlachten lassen wolle. So müsse er nicht nur die Tiere in den Schlachtbetrieb bringen, sondern auch zunächst die leeren Transportboxen und später mit einem Kühlanhänger das Fleisch abholen. Die mobile Schlachtanlage spare so zahlreiche Transportfahrten und trage damit auch zum Umweltschutz bei.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare