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Abschiebung trotz Integration: Mutter und Tochter bangen

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Sind zuversichtlich, dass die Abschiebung verhindert wird (v. l.): Peter Radl, Miralda und Sanija Ramic sowie Sabine Schäfer.
Sind zuversichtlich, dass die Abschiebung verhindert wird (v. l.): Peter Radl, Miralda und Sanija Ramic sowie Sabine Schäfer. © Harald Schuchardt

Friedberg (har). Seit September letzten Jahres arbeitet Senija Ramic auf Ein-Euro-Basis bei der Friedberger Tafel. Wie lange sie dies noch tun kann, weiß die Bosnierin aber nicht. Ihr und ihrer Tochter Miralda droht die Abschiebung.

Die Ausländerbehörde hat ihren Asylantrag abgelehnt, Ramic hat eine Abschiebungsanordnung erhalten. Die ist derzeit ausgesetzt, wie es weiter geht, weiß sie nicht. »Ich hoffe, dass ich hierbleiben kann. Ich will in Deutschland arbeiten und leben. In Bosnien-Herzegowina werde ich als Roma nur drangsaliert und erhalte keinerlei Hilfe«, erzählt sie in gutem Deutsch. »Das hier ist mein Land, ich sehe das als mein Land«, ergänzt Tochter Miralda, die 2003 in Büdingen geboren wurde.

Während des Bosnienkriegs war die Familie von 1992 bis 2000 ein erstes Mal in Deutschland, lebte in Ranstadt, fühlte sich sehr wohl. 2003 kam Senija Ramic wieder für ein Jahr nach Deutschland. Die beiden erwachsenen Söhne leben nicht mehr in Bosnien-Herzegowina. Im letzten Jahr wurde Ramic in ihrer Heimat von einem Arbeitskollegen »aus meiner Arbeit hinausgeprügelt«. Sie berichtet von ständigen Hausdurchsuchungen und Befragungen durch die Polizei, da bei Straftaten in ihrer Heimat die Roma sofort unter Generalverdacht gestellt würden. So entschloss sich Ramic, zum dritten Mal nach Deutschland zu reisen, um erneut Asyl zu beantragen.

Dies wurde abgelehnt, eine Petition an den Hessischen Landtag war ebenfalls ohne Erfolg, nun liegt der Antrag bei der Härtefallkommission im Hessischen Innenministerium.

»Menschenrechtwidrige Zustände«

»Das ist doch schizophren«, sagt Peter Radl, Beirat der Friedberger Tafel. »Sie will dem Staat etwas zurück geben, aber darf es nicht.« Die Tafel setzt sich ebenso für den Verbleib von Senija und Miralda Ramic in Deutschland ein wie die Freie evangelische Kirchengemeinde Friedberg, die Adolf-Reichwein-Schule, Johannes Hartmann vom Internationalen Zentrum, Friedbergs Erster Stadtrat Peter Ziebarth und Sabine Schäfer, die Mutter und Tochter in ihrer Zeit als Leiterin des Quartiermanagments in der Friedberger Altstadt kennengelernt hat.

Schäfer war es auch, die nach der Ablehnung des Asylantrags im Januar die Petition an den Landtag initiiert hat. »Für Roma sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Bosnien-Herzegowina menschenrechtswidrig«, sagt sie und hat kein Verständnis, dass Asylantrag und Petition abgelehnt wurden.

Senija Ramic arbeitet an allen drei Öffnungstagen des Tafelladens in der Sortierung und der Ausgabe. »Sie springt sogar im Fahrdienst ein, wenn es eng wird«, erzählt Radl, der seine »Helferin auf Abruf« als »sehr nett, höflich, aufgeschlossen und immer hilfsbereit« beschreibt. Als Bezieherin von »Leistungen nach dem Asyl-Bewerber-Leistungsgesetz« könnte sie selbst Tafelkundin sein und Lebensmittel erhalten; als Helferin ist das laut Satzung der Tafel aber nicht möglich. »Ich wollte arbeiten und nicht im Wohncontainer in der Pfingstweide herumsitzen«, erzählt Ramic. Bei der Fachstelle Migration im Fachbereich Jugend und Soziales des Wetteraukreises half ihr Anke Blochwitz, eine gemeinnützige Arbeit zu finden. Sie entschied sich für die Tafel, selbst im Winter lief sie an ihren Arbeitstagen zwei Mal die knapp drei Kilometer von der Pfingstweide in die Kleine Klostergasse und zurück. »Für den Fahrtkostenzuschuss fehlten 200 Meter«, ergänzt Peter Radl kopfschüttelnd.

Doch selbst wenn die Härtefallkommission eine positive Entscheidung treffen sollte, wird Senija Ramic nicht mehr lange bei der Tafel tätig sein. Sie hat inzwischen einen Arbeitsvertrag bei einem Pflegedienst unterschrieben. »Ich habe schon immer ältere Menschen gepflegt und in Haushalten gearbeitet, das macht mir Spa?, erzählt sie.

Doch die Arbeit kann sie noch nicht antreten. Es fehlt eine Arbeitserlaubnis, und dies, obwohl derzeit deutschlandweit Pflegekräfte fehlen und aus ganz Europa Mitarbeiter angeheuert werden müssen. Um arbeiten zu können, müsste sie laut einer Mail der Deutschen Botschaft in Sarajevo erst einmal wieder zurück nach Bosnien. »Der Arbeitsvertrag muss über die bosnische und deutsche Arbeitsverwaltung geleitet werden«, heißt es in dem Schreiben an den Pflegedienst, der sich intensiv darum bemüht, damit Senija Ramic so schnell wie möglich ihre Arbeit aufnehmen kann. Die Beantragung eines Visums sei nur durch persönliche Vorsprache möglich, heißt es im Schreiben der Visastelle, das der WZ vorliegt. »Die haben nicht verstanden, dass der Fall von Frau Ramic schon bei der Härtefallkommission liegt«, erläutert Schäfer den Sachverhalt.

Da der Asylantrag abgelehnt wurde und die Bosnierin schon länger als zwölf Monate in Deutschland lebt, ist nun die Zentrale Ausländerbehörde in Darmstadt zuständig.

»Ungerechte Regelung«

Wie sehr die abgelehnte Asylbewerberin in die Mühlen des Asyl- und Bleiberechts geraten ist, beschreibt Johannes Hartmann vom Internationalen Zentrum Friedberg. Ramic bezeichnet er als »sehr engagierte Frau«, die sich rührend um ihre Tochter kümmere und die immer wieder versucht habe, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, um für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen. »An ihrem Fall zeigt sich besonders die Ungerechtigkeit von Regelungen, die eine Integration an ›Anwesenheitszeiten» in Deutschland knüpft, die bei jeder Einreise von Null an gezählt werden«, erläutert Hartmann. Ramic lebte zusammengezählt bereist zehn Jahre in Deutschland. Nach der jetzigen Regelung zählt nur der aktuelle Aufenthalt. »Hätte sie die vier Jahre voll, könnte sie mit ihrer Tochter bleiben, weil diese in die Schule geht. Diese ungerechte Regelung gehört abgeschafft«, fordert Hartmann.

Gute Deutschkenntnisse

Für den Verbleib der beiden in Deutschland setzt sich auch Rektorin Ilona Kunze von der Adolf-Reichwein-Schule ein. Die Leiterin der Stufe 1 bis 4 beschreibt Miralda als sehr engagiert und sehr fleißig. Als sie zu Schuljahresbeginn im letzten Jahr an die Reichwein-Schule kam, konnte sie kaum Deutsch. Doch dies hat sich längst geändert und bei den täglichen Aufgaben wird sie von ihren Mitschülern unterstützt. »Miraldas Mutter nimmt die Schulbesuchspflicht sehr ernst. Wir befürworten die Verlängerung des Aufenthalts der beiden in Deutschland, vor allem im Sinne einer Beständigkeit in Miraldas täglichem Leben. Eine weitere Beschulung bei uns würde dem Mädchen eine gute Grundlage für einen Schulabschluss geben«, sagt Kunze.

Peter Ziebarth hat Mutter und Tochter kürzlich bei der Tafel kennengelernt. »Es wäre besonders schade, wenn gerade die Tochter durch die Abschiebung aus ihrem schulischen Umfeld gerissen würde«, sagt Ziebarth. Alleine aus diesem Grund plädiert er dafür, dass die beiden in Friedberg bleiben können. Auch Pastor Martin Orth von der Freien evangelischen Gemeinde kann nicht verstehen, warum ausgerechnet eine integrationswillige Frau wie Ramic mit ihrer Tochter ausgewiesen werden soll. »Wir haben sie als sehr aufgeschlossen kennengelernt, sie verfügt über gute Deutschkenntnisse und knüpft schnell neue Kontakte«, sagt Orth.

Wie es mit Mutter und Tochter weitergeht, liegt nun in den Händen der Härtefallkommission und der Darmstädter Behörde. »Bei abgelehnten Asylanträgen sind wir nicht mehr zuständig«, sagt ein Mitarbeiter des Wetteraukreises auf Anfrage. »Eine Entscheidung in diesem und in ähnlich gelagerten Fällen wurde aber noch nicht getroffen.«

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