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Abführmittel-Prozess: Ärzte standen lange vor einem Rätsel

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Friedberg/Gießen (kan). Auch nach unzähligen Untersuchungen konnten die Mediziner keine logische Ursache für den chronischen Durchfall des Mädchens finden. Zwei Ärzte der Gießener Kinderklinik sagten am Mittwoch vor dem Gießener Landgericht im Prozess gegen die Mutter aus Bruchenbrücken aus, die ihre damals zweijährige Tochter mit Abführmitteln beinahe umgebracht haben soll.

Die Kleine habe nur wenige Schritte alleine machen können, so entkräftet war sie, wog keine sieben Kilogramm mehr. Der Kaliumwert, mit dem sie zum Schluss in die Klinik kam, sei lebensbedrohlich gewesen. Die Ärzte wussten nicht mehr weiter, hatten alle möglichen Ursachen für den schlechten Zustand des Mädchens ausgeschlossen. »Wenn ich das richtig sehe, haben sie die ganze Liste abgearbeitet«, bemerkte der Vorsitzende Richter Bruno Demel.

Der Arzt, der die Zweijährige während ihres stationären Aufenthalts betreute, sah die Untersuchung auf eine mögliche Vergiftung als letzte Möglichkeit, doch noch die Lösung zu finden. Etwa zeitgleich mit dem positiven Ergebnis kam ein anonymer Brief in der Klinik an, der die Vermutung nahe legte, die Mutter könnte etwas mit der Krankheit des Mädchens zu tun haben. Im Nachhinein hätte man vielleicht misstrauisch werden können, sagte der Arzt am Mittwoch. Die Schwestern sollen beobachtet haben, wie die 39-Jährige die für ihre Tochter lebenswichtige Kaliuminfusion abgestellt hatte. »Ich habe ihr gesagt, dass sie durch die Unterbrechung der Zufuhr das Kind massiv gefährdet«, erinnerte sich der Arzt. Zuerst habe sich die Mutter sehr um die Zweijährige gekümmert, das sei aber irgendwann einer gewissen Gleichgültigkeit gewichen.

»Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie mit dem Kind mitleidet.« Einen konkreten Verdacht habe es aber zu keinem Zeitpunkt gegeben.

Als das Mädchen erst vier Wochen alt war, sei es zum ersten Mal in die Ambulanz der Klinik gekommen, berichtete der dort zuständige Arzt. Schon damals habe sie nach Auskunft der Mutter nach jeder Mahlzeit gespuckt. In den nächsten Monaten kam das Kind immer wieder mit Erbrechen und Durchfall in die Ambulanz, später auch auf die Station.

Nach der Festnahme der Mutter Ende Februar 2009 habe die Kleine täglich Fortschritte gemacht. Sie habe so viel gegessen, dass man sie manchmal bremsen musste, sagte einer der Ärzte. Ihr Kaliumwert stabilisierte sich. Zuerst sei sie zwar sehr scheu gewesen, dann aber langsam lebhafter geworden, konnte alleine Bobbycar fahren und auf ihren eigenen Beinen in der Station herumlaufen. Noch bis Anfang April wurde sie in der Klinik aufgepäppelt.

Die Mutter hörte sich die Aussagen mit gesenktem Kopf an, hatte Tränen in den Augen. Am 10. November wird sie zur Fortsetzung des Prozesses wieder auf der Anklagebank sitzen.

»Cocktail« erst an sich getestet und dann der Tochter verabreicht 39-Jährige des versuchten Totschlags angeklagt

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