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Der Butzbacher Eckard Seipp berät ehrenamtlich Azubis in der Wetterau.

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Abbrecher: So unterstützen Senioren Azubis

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Die Initiative VerA vermittelt Fachkräfte im Ruhestand als Berater an Auszubildende, die Probleme in der Lehre haben.So hat Eckard Seipp aus Butzbach schon einigen Azubis den Abbruch erspart.

Wenn der Stift nicht spurt, gibt’s was hinter die Löffel - die Zeiten sind für die Auszubildenden von heute zum Glück vorbei. Dennoch stoßen viele in den Ausbildungsbetrieben oder der Berufsschule auf Probleme. Da hilft ein offenes Ohr - von einem vertrauten Kollegen, Lehrer oder einem erfahrenen Elternteil. Und wer das nicht hat? Der landet mit etwas Glück bei Eckhard Seipp aus Butzbach. Der 65-jährige Verkaufsleiter im Ruhestand berät ehrenamtlich Auszubildende, hört zu, gibt Tipps und begleitet sie durch schwere Zeiten. Seine Erfahrung, seine Geduld und sicherlich auch sein freundliches und offenes Wesen haben schon den einen oder anderen Ausbildungsabbruch verhindert.

"Es gibt immer wieder Probleme, die ein Azubi nicht allein oder mit seinem Betrieb lösen kann", sagt Seipp. Das reiche von Missverständnissen auf der Baustelle über Defizite in der Berufsschule bis zu Problemen mit Anträgen auf Zuschüsse, etwa für eine Wohnung. "Für mich ist es eine sinnvolle Sache, jungen Leuten im Berufsleben zu helfen", sagt er. Deshalb engagiere er sich seit einigen Jahren bei der Initiative zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen (VerA).

Oft Verständnisprobleme

Die 2008 ins Leben gerufene Initiative vermittelt deutschlandweit Fachkräfte im Ruhestand an Auszubildende, die bei den ersten Schritten auf dem Weg ins Berufsleben auf Schwierigkeiten stoßen. Rund zehn VerA-Berater sind im Wetteraukreis im Einsatz. Die Initiative ist Teil des Senior-Experten-Service (SES), der Fachkräfte im Ruhestand auch ins Ausland vermittelt.

Seipp ist seit fünf Jahren im Ruhestand. Vorher hat der ausgebildete Einzelhandelskaufmann als Vertriebsleiter in der Werkzeugindustrie im Rhein-Main- und Ruhrgebiet gearbeitet. Schon damals hatte er die Bedürfnisse der jungen Angestellten im Blick und Azubi-Patenschaften mit ehemaligen Mitarbeitern arrangiert. "Das kam damals hervorragend an. Die Leute hatten Erfahrung, waren aber raus aus dem Tagesgeschäft und konnten viel lockerer mit den jungen Leuten reden", erzählt Seipp. Heute ist er in diese Rolle geschlüpft.

Einmal wandte sich ein junger Mann an ihn, der mit seiner Ausbildung zum Fliesenleger nicht zurechtkam. Er eckte auf der Baustelle an und kam in der Berufsschule nicht mit. Wie sich im Gespräch mit Seipp herausstellte, hatte der aus Mali stammende Mann in seinem Heimatland nur fünf Jahre eine Schule besucht, verstand schlecht Deutsch und hatte keinen guten Blick für die Arbeitsabläufe. "Im Alltag bleibt wenig Zeit, das aufzuarbeiten", sagt Seipp. Also arbeitete er sich in die Tätigkeit eines Fliesenlegers ein, erklärte, vermittelte, gab Nachhilfe - und traf sich jede Woche für zwei Stunden mit dem jungen Mann in der Berufsschule.

Rund ein Viertel der Azubis brechen ab

In einem anderen Fall betreute er eine Frau, die unglücklich mit ihrer Ausbildung zur Pferdewirtin auf einem Aussiedlerhof war. Die Ausbildung hatte sie nur auf Druck des Arbeitsamtes hin angenommen, wie Seipp erfuhr. Dabei sprach sie mehrere Sprachen fließend. Er begleitete sie zum Arbeitsamt, das für die Frau auf seine Initiative hin einen passenden Job fand.

Gefördert wird VerA unter anderem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag und vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. Vermittelt werden VerA-Paten meist über Lehrer und Sozialarbeiter an Berufsschulen. Der Betrieb erfährt nur auf Wunsch des Azubis von der Beratung. Für die Azubis, ihre Betriebe und Berufsschulen ist die Begleitung kostenlos.

Rund ein Viertel aller Azubis in Deutschland bricht die Lehre vorzeitig ab. Ein Dilemma - auch angesichts des Fachkräftemangels. Neben häufigen Problemen in der Kommunikation und Selbstorganisation sieht Seipp da noch ein anderes Problem: "Der Anspruch in den Berufsschulen ist extrem hoch. Mit Abitur oder Realschulabschluss geht das, mit einem Hauptschulabschluss wird es eng - und den hat nicht einmal jeder Azubi." Seine Lösung also: Ansprüche runterschrauben, vor allem für Azubis, die nachher einfache Tätigkeiten ausführen, und Azubis unterstützen - Letzteres tut er. Und will es auch noch lange weiter tun.

Senior-Experten gesucht

Für die Begleitung von Auszubildenden sucht die Initiative zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen (VerA) noch ehrenamtliche Helfer. Mitmachen können Fachleute im Ruhestand mit großer Berufs- und Lebenserfahrung, die ihr Know-how gerne weitergeben. Sie sollten selbst eine Ausbildung in Handwerk, Industrie oder Verwaltung absolviert haben und erfolgreich im Beruf gewesen sein, zum Beispiel als Führungskraft. Bevor sie mit den Azubis in Kontakt kommen, durchlaufen die Senior- Experten ein zweitägiges Vorbereitungsseminar. Der Senior-Experten-Service (SES), Träger der Initiative, unterstützt sie zudem mit regelmäßigen Treffen und einer kleinen Aufwandsentschädigung. Weitere Informationen und Anmeldung bei Eva-Marie Fay unter Mittelhessen@vera.ses-bonn.de.

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