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Umbau und Renovierung der Friedberger Stadtkirchenorgel

700 neue Pfeifen: Aus einem Instrument werden sieben

  • Jürgen Wagner
    VonJürgen Wagner
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Klingt eine Gitarre dumpf, tauscht man die Saiten aus. Bei Kirchenorgeln ist das komplizierter. Erst in neun Monaten wird die Orgel der Friedberger Stadtkirche wieder erklingen. Dann aber anders.

Am Pfingstsamstag erklang die Orgel der Friedberger Stadtkirche vorerst zum letzten Mal. Kantor Ulrich Seeger und fünf Orgelschüler spielten Werke von Bach, Pachelbel und moderne Stücke wie die Titelmelodie von »Fluch der Karibik«. Die Stadtkirchenorgel hat einen hellen, klaren Klang. In neun Monaten soll sie ganz anders klingen. Romantischer, vielfältiger in den Nuancen. Denn die Stadtkirchenorgel, die eigentlich mehrere Orgeln in einer ist, bekommt Zuwachs.

Elf neue Register werden eingebaut, über 700 neue Pfeifen kommen hinzu. Als »aufschlagend lyrisch« wird das neue Klarinettenregister beschrieben. Dazu kommen unter anderem Konzertflöte (»feierlich«), Cornett (»glänzend«), Gambe (»nasal«) und Vox coelestis (»himmlisch, geheimnisvoll«). Das Besondere dabei: Die neuen Pfeifen erklingen zusammen mit den alten. »Diese Pfeife ist von 1765«, sagt Kantor Ulrich Seeger und deutet auf die Pfeifenregister, die im Kirchenraum stehen und auf den Abtransport warten.

Spenden werden gerne angenommen

Am Montag haben Orgelbauer der Firma Bosch aus Niestetal bei Kassel begonnen, die Pfeiffen auszubauen. Sie werden gereinigt und neu intoniert, manche Bauteile der 1965 eingeweihten Bosch-Orgel sind zerschlissen und müssen ersetzt werden.

Die Vorgängerorgel von 1908 bestach durch ihren romantischen Klang. In den 1960er-Jahren seien viele romantische Orgeln abgebaut worden, sagt Seeger. Barockmusik von Bach galt als das Nonplusultra. Das erfordert eine spezielle Bauweise. Dabei sei der Resonanzraum der Stadtkirche wie gemacht für französische Orgelmusik, die im 19. Jahrhundert ihre spezielle romantische Ausprägung erhielt, sagt der 59-jährige Kantor, der seit knapp 27 Jahren in Friedberg musikalisch tätig ist.

Nicht nur der Klang des Instruments wurde in den Sechzigerjahren verändert. Die Orgelbauer setzten damals auf Drähte und Plastik, auf Spanplatten statt Eiche. »Die Technik wird wieder komplett romantisch«, sagt Seeger.

Man habe lange überlegt, ob man eine neue Orgel anschaffen solle. Das wurde verworfen. Der neobarocke Orgelprospekt, der den Blick auf das rückwärtige Kirchenfenster erlaubt, bleibt erhalten. 500 000 Euro wird der Umbau kosten. 200 000 Euro hat die Evangelische Kirchengemeinde angespart, es gibt Zusagen für Zuschüsse und die Hoffnung, dass sich große und kleine Spender an der »Klang-Paten«-Aktion beteiligen, die am Samstag startete. Es werden Spenden für eine Pfeife oder auch für ein ganzes Register angenommen.

Im Orgelgehäuse klaffen Lücken

Momentan ist die Empore eine Baustelle. Im Orgelgehäuse klaffen große Lücken, überall verlaufen Drähte, stehen Holzteile zum Abtransport bereit. Der Spieltisch erhält vier statt bisher drei Manuale. Die stilechten, aber etwas funzeligen Klemmlampen aus den Sechzigern werden genauso ersetzt wie viele andere Bauteile. Das betreffe etwa brüchige Gummibälge oder Teile aus Leder, sagt Orgelbauer Christian Katzmann. Als erstes müssten die Pfeifen vom Staub der letzten Jahrzehnte befreit werden. »Das beeinflusst den Klang.«

Das Rückpositiv ist bereits komplett abgebaut. Das ist eine kleine Orgel im Rücken des Organisten, das gebe es in der näheren Umgebung nur hier und in Butzbach. Zähle man das mit den Füßen gespielte Pedal, die drei bisherigen Manuale sowie das Rückpositiv hinzu, seien es eigentlich fünf Orgeln, sagt Seeger. Mit den beiden neuen Schwellwerken sind es sieben. »Eigentlich ist das ein richtiges Orchester«, sagt Orgelbauer Katzmann. »Eine Kammer-Philharmonie«, ergänzt Seeger, »die nach dem Umbau zur richtigen Philharmonie wird.«

Bis es soweit ist, müssen sich die Gottesdienstbesucher in Bescheidenheit üben. In Zeiten der Coronya-Pandemie ist kein Gemeindegesang erlaubt. Stattdessen singen in den Gottesdiensten sechs bis acht Sängerinnen und Sänger der Kantorei. Seeger begleitet sie auf dem E-Piano und auf dem transportablen Orgelpositiv, eine Art »Orgel to go«. Auch bei der »Sommerkonzert«-Reihe muss die Orgel pausieren. »Diesmal ist nur Kammermusik möglich«, sagt Seeger.

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