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50 Jahre Gebietsreform: Wie haben sich die »gallischen Dörfer« entwickelt?

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Von: Jürgen Wagner

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Bauernheim ist ein Familiendorf. Der Spielplatz im Park ist für die Kinder täglich ein Ort für Abenteuer. ARCHIV © Nicole Merz

Der Friedberger Geschichtsverein lenkt den Blick auf die Stadtteile: In sechs Vorträge an drei Abenden sollen die Besonderheiten vorstellt werden. Den Anfang machten Dorheim und Bauernheim.

Bauernheim ist eine Idylle. Ein Familiendorf mit feierfreudigen Bewohnern und einem eigenen Park. Dorheim ist aus Sicht der Dorheimer freilich noch idyllischer, und in Sachen Feierfreudigkeit macht den Dorheimer sowieso keiner etwas vor. Natürlich ist nicht alles perfekt in den beiden Friedberger Stadtteilen, mit denen am Donnerstagabend im Klosterbau eine sechsteilige Vortragsreihe des Friedberger Geschichtsvereins startete. Aber die Ortsvorsteher blickten trotzdem mit Stolz auf ihr Gemeinwesen. Und mit einem Schuss Ironie, der das Rathaus in der Kernstadt traf, wo man die Stadtteile, wie man desöfteren hört, gerne mal vergisst.

Die letzten 50 Jahre in Bauernheim: Darauf lenkten Ortsvorsteher Alexander Hausner und Felix Heid, Autor des Wikipedia-Artikels über Bauernheim, den Blick. Eine Zeit der Veränderungen. Auf Luftbildern sieht Bauernheim heute aus wie eine städtische Siedlung, quadratisch, praktisch, gut. Den Ortskern mit der ältesten Kirche der Wetterau, der 1250 erbauten Michaeliskirche, mussten die Referenten den rund 80 Besuchern im Bibliothekszentrum eigens zeigen. Es hat sich eben viel getan, vieles entstand: Neubaugebiete, Feuerwehrhäuser, ein Dorfgemeinschaftshaus, das bis 1970 als Schule genutzt wurde, ein Park (Hausner: »Unser Grünes Band«) mit Spielplatz, Bolzplatz und Callisthenics-Anlage. Acht Vereine bei 800 Einwohnern, aber nur drei Ortsvorsteher in den letzten 50 Jahren, wobei zwei aus dem selben Haushalt stammen: »Wir verändern uns nicht so sehr in Bauernheim«, sagte Hausner grinsend.

Das Dorf der Unbeugsamen

Die Referenten stellten die Infrastruktur vor, und da gibt es noch einiges zu tun: Eine Kita. Die Erweiterung des Neubaugebiets. Eine bessere Busverbindung. Bauernheim sei der Stadtteil mit den zweitmeisten Initiativbewerbungen bei der Stadt um einen Bauplatz, sagte Hausner. Das zeige das Potenzial des Dorfes, das bis 1966, als die K 171 nach Dorn-Assenheim gebaut wurde, noch am Ende einer Sackgasse lag. Was die Bauernheim ausmacht? Hausner zitierte Wilhelm von Humboldt, demzufolge es »die Verbindungen mit Menschen« sind, die »dem Leben seinen Wert geben«. Auf Bauernheim treffe das zu: »Hier kennt jeder jeden.«

Wir schreiben das Jahr 2022, die Besatzungsmacht Friedberg hat Dorheim umzingelt, das Dorf der Unbeugsamen aber leistet tapfer Widerstand: Ortsvorsteher Dr. Klaus-Dieter Rack gönnte sich und den Zuhörern diesen kleinen Spaß zu Beginn seines Vortrags. Doch wie stets steckt in jedem Spaß ein ernster Kern.

Auch Rack hatte viel zu berichten, nahm vor allem den Strukturwandel unter die Lupe. Ende der 1960er-Jahre siedelte sich in Dorheim eine »Coca Cola«-Niederlassung an. »Bis 2000 war das ein expandierendes Unternehmen. Mit der Gewerbesteuer hätte Dorheim gut dagestanden. Es ist aber nicht viel von der Stadtkasse zurückgeflossen.«

Ein barrerefreier Bahnhof reicht nicht

Dafür, könnte man einwenden, wurde Dorheim 1988 an die Kläranlage Fauerbach angeschlossen; vorher hatte jedes Haus noch seine »Pullgrube«. Ein Plus ist der barrierefreie Bahnhof, ein Minus, dass der Zielbahnhof in Friedberg nicht barrierefrei ist und die Buslinien ausgedünnt worden seien. Die Liste der Ärgernisse wurde kürzlich durch die Container vor dem Recyclinghof ergänzt, in denen der Kreis Flüchtlinge unterbringen will.

Was Dorheim zusammenhält, betonte Rack, das sind die Menschen. Leute wie der langjährige Vereinsringvorsitzende Thomas Hergesell oder wie Volker »Knusper« Frühschütz, die immer dabei sind, wenn bei einer Festivität Hilfe benötigt wird, etwa wenn 2025 das 1250-jährige Bestehen des Ortes gefeiert wird. Oder Menschen wie das Ehepaar Balser, das seit Jahren Flüchtlinge aus Somalia betreut. Die Menschen und das Miteinander der Dorfgemeinschaft seien die Stärke von Dorheim, sagte Rack. Als letztes Foto seiner Power-Point-Präsentation zeigte er ein symbolisch abgeerntes Feld mit Blick auf die Silhouette von Friedberg. Von dort, sollte dies heißen, ist nicht viel zu erwarten.

Nächste Termine der Vortragsreihe

Zur kommunalen Stadtgeschichte gehörten auch die Stadtteile, sagte Lothar Kreuzer, Vorsitzender des Geschichtsvereins, beim Auftakt der dreiteiligen Vortragsreihe. Kreuzer erinnerte daran, dass zu Beginn der 1970er-Jahre nicht feststand, welche Orte nach Friedberg eingemeindet werden. Ober-Wöllstadt wollte, durfte aber nicht. Dorheim wurde per Zwangsverfügung eingemeindet. Der Gesetzgeber habe mit der Gebietsreform die Entwicklung der Orte vorantreiben wollen: Verbesserte Infrastruktur und eine bessere Ausstattung der Kommunalverwaltungen waren zwei Ziele. Ob das gelungen ist und was noch zu tun ist, darüber wird in den Vorträgen berichtet. Nach dem Auftakt mit Bauernheim und Dorheim folgen am Donnerstag, 10. November, um 19.30 Uhr im Bibliothekszentrum Klosterbau (Augustinergasse 8) Fauerbach (das bereits 1901 eingemeindet wurde; Referenten: Rudolf Billasch, Achim Meisinger, Rudolf Mewes) sowie Ossenheim (Referenten: Rainer Hoffmann und Peter Haas). Am Donnerstag, 1. Dezember, beschließen, ebenfalls um 19.30 Uhr im Klosterbau, Augustinergasse 8, Ockstadt (Werner Margraf, Stefanie Kipp) sowie Bruchenbrücken (Erhard Gröschl, Gunther Best) die Reihe.

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