Mit nur rund 20 Fahrzeugen bleibt das Interesse der Tuningszene am Ausglühen überschaubar.
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Mit nur rund 20 Fahrzeugen bleibt das Interesse der Tuningszene am Ausglühen überschaubar.

Ausglühen

Tunerszene erlebt ihren Niedergang – Massenware dominiert geschrumpftes Treffen

  • VonOliver Potengowski
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Beim sogenannten Ausglühen zum Ende der Saison sind nur wenige Tuningfans nach Nieder-Mockstadt in der Wetterau gekommen. Waren es früher Hunderte, sind es jetzt nur noch 20.

Florstadt – Einst waren das An- und Ausglühen, die Eröffnung und der Abschluss der Saison der Tunerszene im Gewerbegebiet Nieder-Mockstadt (Wetteraukreis), ein Anziehungspunkt für Hunderte von Autofans. Doch nicht nur Polizeikontrollen haben aus der inoffiziellen Veranstaltung ein müdes Glimmen gemacht. Immer stärker dominieren seit einigen Jahren nahezu serienmäßige leistungsstarke Fahrzeuge statt aufwändiger Umbauten das inzwischen sehr überschaubare Treffen.

Kaum noch Autos bei Treffen der Tunerszene in der Wetterau

Anlass des Ausglühen genannten Herbsttreffens ist das Auslaufen der Saisonkennzeichen, mit denen viele Liebhaberfahrzeuge von April bis Oktober zugelassen sind. Doch solche Fahrzeuge bilden zunehmend die Ausnahme in der Szene. Statt sich mit immer neuen Umbauten und Veränderungen an der Technik dem selbst gebauten Traumauto zu nähern, kaufen inzwischen offenbar viele Fans von viel Motorleistung und hohen Geschwindigkeiten von der Stange. Fast alle Autohersteller haben seit Jahren Modelle im Programm, deren Leistungswerte früher oft nicht einmal von Supersportwagen oder Rennwagen erreicht wurden.

So sind die meisten der rund 20 Autos, die von ihren Fahrern an der Tankstelle im Gewerbegebiet Nieder-Mockstadt präsentiert werden, Massenware. Manche sind nicht nur sehr gewöhnlich, sie haben bisweilen auch ihre besten Tage hinter sich. Vor einem Lkw mit McLaren-Rennwagen, der das Ende des Sonntagsfahrverbots abwartet, stehen mehrere BMW der 3er- und 5er-Reihe neben einem Chevrolet Camaro. Außer teuren Alufelgen und breiten Reifen scheint die Autos nichts von der Serie zu unterscheiden.

Tunerszene-Treffen in Florstadt (Wetterau): „Selbst macht keiner mehr was“

In einer anderen Ecke stehen ein 5er BMW und ein VW Touran neben einem Golf mit kaputtem Auspuff. Die einzige deutlich sichtbare Veränderung an dem Golf sind die Schlammspritzer an der Seite des ungepflegten Fahrzeugs. Später gesellt sich noch ein tiefergelegter Audi A4 mit übergroßen Felgen dazu. Am Unterboden eines Alfa Romeo 159 leuchten bunte LED in wechselnden Farben. Das Zubehör gibt es in jedem China-Versandhandel zu kaufen.

Stil und Qualität der Veränderungen an den Fahrzeugen sind die sichtbaren Zeichen des Niedergangs der Tuningszene. Eine Veränderung, die sich auch schon bei den stärker besuchten Treffen in Nieder-Mockstadt vor der Corona-Pandemie abzeichnete.

Dieser über 30 Jahre alte Audi 80 ist das mit Abstand am aufwändigsten umgebaute Auto.

»Felgen, Fahrwerk, Folien, selbst macht keiner mehr was«, kommentiert Niklas Wild den Trend. Er ist mit einem der am aufwändigsten umgebauten Autos, einem über 30 Jahre alten Audi 80, zum Ausglühen gekommen.

Sicherlich sind der große Heckflügel, geschwärzte Rückleuchten, extreme Tieferlegung und die Alu-Felgen Geschmackssache. Immerhin rund 15 000 Euro hat Wild dafür in den vergangenen Jahren investiert, ohne dass der 70 PS starke Audi davon schneller geworden ist. Im Gegenteil: Weil das Kühlsystem Druck aufbaut, muss der Audi verhalten gefahren werden. »Der kann nix, der tut nur so«, räumt Wild ein. Doch die Umbauten sind einschließlich der auflackierten Zierstreifen auf den Seiten nicht nur handwerklich sauber ausgeführt. Die meisten sind auch mit historischen Tuningteilen umgesetzt.

Wetterau: Ganzer Ordner mit Genehmigungen für Umbauten an Auto

Trotz des vielen Geldes und der Arbeit, die in dem Audi stecken, holt Wild ihn nur selten aus der Garage. »Dieses Jahr bin ich nur 1000 Kilometer gefahren«, berichtet er. »Es wird jedes Jahr weniger.« Die Gründe seien unterschiedlich. Wegen Corona habe es kaum Treffen gegeben. Vor allem aber habe er »keinen Bock auf die Polizei«. Regelmäßig werde er kontrolliert, wenn er mit dem Audi unterwegs sei. »Die sagen, wenn wir was finden wollen, finden wir was. Dann legen wir ihn still.« Dabei hat er einen ganzen Ordner mit Genehmigungen für die Umbauten dabei.

An diesem Abend droht diese Gefahr nicht. Dreimal fährt eine Streife am Tankstellengelände vorbei durch das Gewerbegebiet. Der Vermerk im Protokoll bleibt gleich: »Keine Auffälligkeiten.« Das sehen offenbar auch einige enttäuschte potenzielle Besucher so. Den Fahrern mehrerer Autos, die der Szene zuzurechnen sein dürften, genügt ein kurzer Blick, um zu erkennen, dass es sich im Grunde schon ausgeglüht hat, bevor das Treffen beginnt.

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