Ein Flugzeug ist hinter Stacheldraht zu sehen.
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Einem Mann aus Äthiopien, der in Florstadt lebt, droht nach sechs Jahren die Abschiebung.

Duldungsstatus

Wetterau: Jungem Mann aus Äthiopien droht nach sechs Jahren die Abschiebung

Er hatte einen Ganztagsjob, war finanziell selbstständig und lernte Deutsch: Trotzdem soll ein 35-Jähriger aus Florstadt nach sechs Jahren nach Äthiopien abgeschoben werden. Seine Integrationslotsin ist ratlos.

»Meine Mutter sagt mir immer wieder: ›Komm nicht zurück, es ist zu gefährlich‹.« Der junge Mann klingt zwar gefasst, aber die Sorge ist seiner Stimme deutlich zu entnehmen. Alles scheint darauf hinzudeuten: Yarid Mohammed (35, Name v. d. Redaktion geändert) aus Florstadt droht nach sechs Jahren die Abschiebung.

Wetterau: Integrationsleiterin kann die Abschiebung des Mannes aus Florstadt nicht nachvollziehen

Die Integrationslotsin Ute Meier-Krutzki hat den äthiopischen Geflüchteten von Anfang an betreut und kann sich die Entscheidungen der Behörden nicht erklären. »Ich kann einfach nicht verstehen, warum ein Mensch, der hier ein tadelloses Leben führt und sich so sehr bemüht, sich zu integrieren, abgeschoben werden soll«, sagt die 74-Jährige. Seit seiner Ankunft in Deutschland hatte die Florstädter Integrationslotsin Yarid Mohammed betreut und ihm geholfen, in der Wetterau Fuß zu fassen. »Anfangs hat er ehrenamtlich als Hausmeistergehilfe in einem Alten- und Pflegeheim gearbeitet. Dank der Unterstützung einiger ehrenamtlich arbeitenden Flüchtlingshelferinnen ist es ihm später gelungen, einen Ganztagsjob bei einer örtlichen Firma für Gartenbau zu bekommen.«

Bereits im Jahr 2007 habe seine lange Flucht begonnen, erzählt Mohammed. Nach den Parlamentswahlen in Äthiopien im Jahr 2005 habe man ihn verdächtigt, die Opposition gewählt zu haben und ihn anschließend politisch verfolgt. Daraufhin habe er seine Heimat verlassen und sei in den benachbarten Sudan geflüchtet, berichtet Mohammed. »Viereinhalb Jahre habe ich mich dort versteckt. Danach war ich dreieinhalb Jahre in Libyen, wo ich in der Angst gelebt habe, an die äthiopische Regierung übergeben zu werden«, sagt der 35-Jährige.

Seine Reise führte ihn weiter nach Italien, dort sei er aber nur sieben Tage geblieben. Im Januar 2015 kam er in Deutschland an - nach acht Jahren auf der Flucht.

Abschiebung nach sechs Jahren: 35-Jähriger arbeitet ganztags, finanziert sich selbst und spricht Deutsch

Seit Sommer 2016 habe er ganztags gearbeitet, sich selbstständig finanziert, Deutsch gelernt und keinerlei Sozialhilfe in Anspruch genommen, berichtet Meier-Krutzki. »Er konnte vollständig für sich selbst aufkommen und für sich sorgen.«

Im Herbst 2019 wurde sein Asylantrag abgelehnt. »Die 30-seitige Begründung habe ich nicht wirklich verstanden«, sagt Mohammed. Seitdem hat er einen Duldungsstatus inne, den er im regelmäßigen Abstand von drei Monaten verlängern lassen muss - immer unter der Prämisse, dass er sich um die »Legitimation« bemüht, also um die Ausstellung von Dokumenten kümmert, die seine Identität bestätigen.

Laut Meier-Krutzki hat Mohammed besagte Bemühungen der Behörde gegenüber immer glaubhaft machen können, denn auch die abgelehnten Passanträge der Äthiopischen Botschaft hatten bisher dazu ausgereicht. Als Yarid Mohammed Anfang Februar seinen Duldungsstatus bei der Ausländerbehörde Friedberg verlängern lassen wollte, bekam er zwar eine Verlängerung - aber nur eine sogenannte »Duldung light«, eine Duldung für Personen mit ungeklärter Identität.

Wetterau: „Duldung light“ bedeutet für Flüchtling aus Äthiopien Arbeitsverbot

»Diese ›Duldung light‹ geht mit einem sofortigen Arbeitsverbot einher. Sein Arbeitgeber darf ihn nicht weiter beschäftigen. Eine Begründung seitens der Behörde gab es nicht«, sagt Ute Meier-Krutzki.

Warum die normale Duldung nicht verlängert wurde, versteht Mohammed nicht - er habe alles so gemacht wie sonst auch. Er fürchtet nun seine baldige Abschiebung. Seine Mutter, die noch in Äthiopien lebt, möchte er nicht um Hilfe bei der Legitimation bitten. »Ich fürchte um ihre Sicherheit«, sagt er.

Auf Nachfrage der WZ, warum nun der Status geändert wurde, verwies die Kreisverwaltung Friedberg an die Zentrale Ausländerbehörde beim Regierungspräsidium Darmstadt, die über die Ausreise abgelehnter Asylbewerber entscheidet. Bei dem konkreten Fall beruft diese sich auf den Datenschutz. Ein abgelehnter Asylbewerber mit Duldungsstatus, ob nun normal oder »light«, habe keinen Aufenhaltstitel und nach wie vor eine Ausreisepflicht - die Abschiebung sei nur vorübergehend ausgesetzt, so die allgemeine Aussage der Behörde.

Yarid Mohammed und seine Integrationslotsin sind ratlos. »Ich betreue einige Geflüchtete, und keiner kann diese Legitimation erbringen. Trotzdem haben die anderen den normalen Duldungsstatus und dürfen arbeiten«, sagt Meier-Krutzki. »Wir können nur hoffen, dass seine Bemühungen bei der nächsten Verlängerung die Mitwirkungspflicht erfüllen und er den normalen Duldungsstatus zurückbekommt.«

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