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Werner Jung arbeitet schon seit 32 Jahren am Frankfurter Flughafen. Am 31. März geht der Gepäckmeister aus Florstadt in den Vorruhestand: Sein Arbeitgeber, der Flughafenbetreiber Fraport, muss wegen Corona dringend Stellen streichen.

Abschied vom Airport

Weltflughafen im Winterschlaf - auch Florstädter Gepäckmeister betroffen

  • vonDPA
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Am Frankfurter Flughafen ist die Corona-Krise besonders deutlich zu spüren. Die Beschäftigten hoffen darauf, dass ihre Firmen durchhalten. Der Florstädter Werner Jung geht freiwillig - ab April wird der Gepäckmeister im Vorruhestand sein.

Die Anzeigetafel in der Halle A ist gut gefüllt mit Abflugzeiten, doch davon darf sich am Frankfurter Flughafen niemand täuschen lassen. Auch am größten deutschen Drehkreuz herrscht Corona-Flaute. Viel Betrieb gibt es nur im Übergangsgebäude zum ICE-Bahnhof, wo die Firma Centogene ein Zentrum für Corona-Tests betreibt.

Wenn grob nur noch jeder dritte Flug stattfindet und fast 90 Prozent der Passagiere ausbleiben, schnurrt der Betrieb eng zusammen: Eins von zwei Passagier-Terminals ist dicht, auf der neuesten von vier Start- und Landebahnen parken Flugzeuge, die momentan keiner braucht, Tausende Menschen zittern um ihre Jobs.

In der Nähe der spärlich frequentierten Lufthansa-Schalter wartet Werner Jung auf Sperrgepäck, das extra verladen werden muss. »Ich nehme noch jeden Koffer mit«, sagt der 61 Jahre alte Gepäckmeister aus Florstadt, der beim Flughafenbetreiber Fraport nur noch wenige Wochen zu arbeiten hat. »Eigentlich wollte ich bis zum Ende durchziehen, aber dann hat das Abfindungsangebot schon gut gepasst.« Jung gehört zu den älteren Arbeitnehmern, denen die Krise einen auskömmlichen Vorruhestand beschert, weil ihr Arbeitgeber dringend Stellen streichen muss.

Langjährige Beschäftigte bei Fraport und auch bei der Lufthansa sind faktisch unkündbar, die Firmen sind auf die Kooperation der Einzelnen angewiesen, weiß Verdi-Gewerkschafter Mathias Venema. Bei beiden Job-Schwergewichten werden die Möglichkeiten der Kurzarbeit ausgereizt, Abfindungen angeboten und neuartige Teilzeitmodelle verhandelt. Davon können die über 200 Beschäftigten des Dienstleisters Wisag nur träumen: Sie erhielten kurz vor Weihnachten die Kündigung.

Pause je nach Arbeitsaufkommen

Seit Mai 1988 arbeitet Werner Jung schon am Flughafen. »Ich gehöre zum Inventar«, sagt er und lacht. Als Gepäckmeister ist er Ansprechpartner für das Airline-Personal ebenso wie für die Passagiere. Außerdem gehört zu seinen Aufgaben, die Mitarbeiter in die Gepäcksortierung und die Wünsche der Airlines einzuweisen. Auch die tägliche Unterrichtung in Sachen Arbeitsschutz fällt in Jungs Zuständigkeitsbereich, genauso wie das Umsetzen von Mitarbeitern in andere Gate-Gepäckräume, wenn dort Hilfe nötig ist. Die Pausen werden je nach Arbeitsaufkommen geplant - denn kein Flieger kann auf dem Rollfeld warten, bis die Frühstückspause rum ist.

Auch wenn seit Monaten am Flughafen insgesamt weniger zu tun ist, heißt das nicht, dass Jung sich langweilt. »Die wenige Arbeit muss mit weniger Mitarbeitern gemacht werden. Abteilungen wurden aufgelöst und auf andere Bereiche aufgeteilt«, sagt Jung.

Das wirkt sich auch finanziell aus: »Es gibt weniger Geld, weil unter anderem die Schichtzulage wegfällt.« Das betrifft aber nicht nur die Mitarbeiter in Frankfurt. »An allen Flughäfen Deutschlands gibt es Kurzarbeit«, sagt Jung. »Außer in der Fracht. da herrscht Vollbeschäftigung.«

Gewerkschafter Venema ist froh, dass wenigstens dieser Bereich brummt. Denn in den Terminals liegen viele Jobs auf Eis: In den sonst gut besuchten Snackbereichen und Einkaufspassagen herrscht graue Tristesse. Zu einer Kündigungswelle sei es bei den Ladengeschäfte aber bislang nicht gekommen, berichtet Fraport-Sprecher Torben Beckmann. Das liegt auch daran, dass der Flughafen in guten Zeiten am Umsatz der Einzelhändler beteiligt ist, jetzt die Ausfälle also mitträgt.

Bald nicht mehr um 3 Uhr aufstehen

Die am Flughafen vertretenen Behörden haben indes genug zu tun. Der Zoll ist mit den Folgen des Brexit beschäftigt und die Bundespolizei mit einem erstaunlich großen Tagesgeschäft: »Die Zahl der Straftaten ist leider nicht so stark zurückgegangen wie die der Passagiere«, sagt Sprecher Reza Ahmari.

Eigentlich wollte Werner Jung noch zweieinhalb Jahre arbeiten, nun ist am 31. März Schluss. Dann heißt es: keine Früh- und Spätschicht mehr, nicht mehr um 3 Uhr aufstehen, Kaffee kochen, Tasche packen und mit dem Rad nach Bruchenbrücken zur S6.

»Wenn Covid-19 halbwegs beherrschbar ist, werde ich erst mal die Kinder besuchen und umarmen, mit Freunden essen gehen, nach Kreta fliegen - und das restliche Leben mit meiner Traumfrau Barbara genießen.« Sie hatte er 2002 kennengelernt - und ihr zwei Jahre später über die WZ einen Heiratsantrag gemacht.

Arbeitsplätze am Airport

Mit über 80 000 Beschäftigten zählt der Frankfurter Flughafen zu den größten Arbeitsstätten Deutschlands. Insgesamt verteilen sich die Arbeitsplätze dort auf rund 500 Unternehmen. Fast jeder zweite Arbeitsplatz (47 Prozent) gehört zur Deutschen Lufthansa AG, gut ein Viertel (26 Prozent) zur Fraport AG.

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