Kurt Weiser  SS-Rottenführer
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Kurt Weiser SS-Rottenführer

Warum Stammheim verschont wurde

  • vonStephan Lutz
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Florstadt-Stammheim (sl). »Den Namen Kurt Weiser sollten sich alle Stammheimer merken.« Zu diesem Ergebnis kommt der Leiter des Arbeitskreises Dorfgeschichte Stammheim, Rolf Lutz, nach gründlichen Recherchen in Verbindung mit dem Einzug der Amerikaner am 28. März 1945 in das Dorf. Zur 75. Wiederkehr des Einmarsches der US-Streitkräfte hatte sich der Arbeitskreis zur Aufgabe gemacht, Licht in das Dunkel zu bringen. Bei den Recherchen fiel den Hobby-Historikern ein Brief von Weiser aus dem Jahre 1987 in die Hände, der damals an die »Bürgermeisterei der Stadt Florstadt-Stammheim« schrieb: »Für mich ist der 2. April 1945 einer der wichtigsten, aber auch einer der traurigsten Tage meines Lebens. Am 2. April 1945 habe ich Ihren Ort an amerikanische Truppen übergeben. Ihre Ortschaft sollte damals dem Erdboden gleich gemacht werden.«

Um diese Zeilen richtig zu verstehen, müsste man nach den Worten von Rolf Lutz wissen, dass eine Einheit der 6. SS-Gebirgsjäger-Division am 1. April 1945 in Stammheim einmarschierte und sich in Kellern und Scheunen verschanzte. Von der Naumburg hätten amerikanische Geschütze mehr als 60 Granaten auf Stammheim abgeschossen, um die SS-Leute zu vertreiben. In der Nacht zum 2. April seien die Deutschen Richtung Nieder-Mockstadt und Stockheim weitergezogen. Nur die zahlreichen Verwundeten blieben in Stammheim, beispielsweise im Saal des Gasthauses Geis, zurück.

In einem anderen Brief beschrieb Kurt Weiser die brenzliche Situation mit den Worten: »Am 2. April 1945 etwa gegen 10.00 Uhr bat mich ein älterer Herr, das Leben der Stammheimer und der vielen verwundeten Soldaten zu retten. Ich nahm einen Besenstiel und hängte ein weißes Tuch daran fest. (….) Ich lief am Schloss vorbei Richtung Wald. Dort kamen mir die US-Truppen entgegen. Die Amerikaner nahmen mich in Empfang und stellten den Beschuss auf Stammheim ein.« Ohne Gegenwehr konnten die Amerikaner Stammheim besetzen.

Nach der Gefangennahme wurde Kurt Weiser auf Umwegen in ein französisches Gefangenenlager übergeben. Dort begann für ihn »die Hölle auf Erden«, gibt Kurt Weiser zu Protokoll. »Es gab selten etwas zu essen, monatelange lag ich mit Fieber, Kopfschmerzen, Schwindel und Erbrechen in der prallen Sonne auf blankem Boden.« Erst nach drei bitteren Jahren wurde ich entlassen.«

Kein Interesse an Kontaktversuch

In den Jahren 1985 und 1987 versuchte Kurt Weiser mit den Stammheimern Kontakt aufzunehmen. Doch das Interesse an seinem Schicksal war gering. Seine Briefe an die Stadtverwaltung wurden sogar mit dem Hinweis beantwortet: »Die Bürger von Stammheim wollen heute an diese schlimme Zeit nicht erinnert werden und somit besteht wenig Interesse an weiteren Nachforschungen. Sie haben damals Stammheim einen großen Dienst erwiesen. Hierfür sprechen wir Ihnen unseren Dank aus.«

Die Recherchen des Arbeitskreises konnten an diesem Wochenende abgeschlossen werden, nachdem die WZ ausführlich über die Ereignisse in Stammheim Ende März und Anfang April 1945 berichtet hatte.

Der Sohn von Kurt Weiser meldete sich am vergangenen Freitag, zeigte sich erfreut über die Nachforschungen und überreichte wichtiges Material aus dem Leben des Kurt Weiser, der damals 1945 nach eigenen Angaben Stammheim vor der Zerstörung gerettet haben muss. Kurt Weiser starb im Jahre 2003 in Göppingen.

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