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Vorwurf: Gesicht aufgeschlitzt

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Verteidiger Peter Heidt im Gespräch mit seinem Mandanten. Dem 25-jährigen Mann aus Äthiopien wird vorgeworfen, im Februar nach dem Besuch einer Faschingsfeier in Stammheim einem 20-Jährigen das Gesicht zerschnitten zu haben. 	(Foto: lk)
Verteidiger Peter Heidt im Gespräch mit seinem Mandanten. Dem 25-jährigen Mann aus Äthiopien wird vorgeworfen, im Februar nach dem Besuch einer Faschingsfeier in Stammheim einem 20-Jährigen das Gesicht zerschnitten zu haben. (Foto: lk) © Laura Kaufmann

Florstadt (lk). Die Narbe des Florstädters ist noch gut sichtbar. Sie wird den 20-Jährigen wohl immer daran erinnern, als er in Stammheim seine Freundin beschützen wollte und wenig später mit aufgeschlitztem Gesicht in der Klinik lag. Die Staatsanwaltschaft macht einen Äthiopier für die Tat verantwortlich. Der will’s nicht gewesen sein.

Fasching im Stammheimer Bürgerhaus: Der Alkohol fließt, die Stimmung ist gut. Türsteher achten darauf, dass das so bleibt, verweisen daher zwei sich auffällig verhaltende junge Männer des Saals. Darunter ein Äthiopier, der seit Dienstag wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Friedberger Schöffengericht steht.

Dem 25-Jährigen wird vorgeworfen, nach seinem Rauswurf aus dem Bürgerhaus einen 20-jährigen Florstädter übel verletzt zu haben. Laut Anklage kam es zwischen den Männern zum Streit. Der Angeklagte soll den Florstädter geschlagen und dann mit einem Messer ins Gesicht gestochen haben. Die Verletzung, eine fünf Zentimeter lange Wunde vom Mund bis zur Wange, habe mit 27 Stichen genäht werden müssen.

Der Angeklagte, er sitzt seit jenem Tag in Untersuchungshaft, streitet die Tat ab. Der Äthiopier, der zuvor in einer Flüchtlingsunterkunft in Florstadt gelebt hatte, berichtete vor Gericht, er sei mit anderen Flüchtlingen auf der Feier gewesen. Sein algerischer Kumpel habe seinen Geldbeutel verloren oder gestohlen bekommen, habe im Bereich der Garderobe danach gesucht. Da der Algerier kein Englisch spreche, habe er sich an einen Türsteher gewandt und um Hilfe gebeten.

Die Polizei sei informiert worden, aber auch nach 20 Minuten noch nicht aufgetaucht. Der Algerier habe weiter seinen Geldbeutel gesucht und dafür auch die Jacken an der Garderobe inspiziert. Daraufhin seien er und sein Kumpel rausgeworfen und vom Sicherheitsdienst rassistisch beleidigt worden.

Der Angeklagte schilderte, er habe sich über die Türsteher geärgert. Als er die Straße hinabgelaufen sei, habe er plötzlich Schreie gehört. Der Algerier habe auf Arabisch gerufen: »Mein Auge.« Sein Kumpel sei in Streit mit einem Mann und einer Frau geraten und daraufhin von den Türstehern mit Pfefferspray besprüht worden. »Ich habe ihn weggezogen, bin mit drei Bekannten weggelaufen. Kurz darauf kam die Polizei und hat mich festgenommen«, teilte er Richter Dr. Markus Bange und Schöffen via Dolmetscher mit.

Bange wusste: Besagter Algerier war ebenfalls festgenommen worden. Die Polizei habe ihn wieder auf freien Fuß gesetzt, er sei abgetaucht, werde per Haftbefehl gesucht.

Zeugin: Ich wurde begrapscht

Eine 20-jährige Dorn-Assenheimerin schilderte im Zeugenstand, auf dem Weg von der Feier im Bürgerhaus zu einem Restaurant in der Nähe habe sie plötzlich fünf bis sechs »ausländisch aussehenden Männern« gegenübergestanden. Drei davon, darunter der Angeklagte, hätten sie begrapscht. »Am Po und an der Brust.« Ihr Freund, der wenige Meter hinter ihr gelaufen sei, habe das gesehen, habe sie beschützen wollen. »Es ging alles ganz schnell.« Plötzlich habe ihr Partner blutend auf dem Boden gelegen.

Der Lebensgefährte der Frau bestätigte das. Seine Freundin sei betatscht worden, er habe sich vor sie gestellt. »Dann habe ich nur noch das Messer gespürt«, sagte der 20-Jährige. Er sei sich sicher, dass es sich beim Täter um den Angeklagten handle, er erkenne ihn anhand seiner Frisur. »Die komplette Wange war auf«, sagte der Florstädter. Er hatte vier Tage im Krankenhaus gelegen, war wochenlang krankgeschrieben.

Ein Kumpel des Opfers sagte, der Angeklagte habe den 20-Jährigen in den Schwitzkasten genommen und dann mit dem Messer zugestochen.

Ein 26-jähriger Flüchtling, der an jenem Abend ebenfalls anwesend war, berichtete, nicht der Angeklagte, sondern der Algerier habe mit einem »weißen Mann« gerangelt. Der Beschuldigte sei lediglich dazwischengegangen. Von einem sexuellen Übergriff habe er nichts mitbekommen.

Einer der Türsteher sagte im Zeugenstand aus, der Angeklagte und dessen Kumpel seien aggressiv gewesen, hätte nach ihrem Rausschmiss mit Plastik-Bechern nach dem Sicherheitspersonal geworfen. Kurz darauf sei es zwischen den beiden Flüchtlingen und einer anderen Gruppe zum Streit gekommen. Ob der Angeklagte zugeschlagen habe, könne er nicht mit Gewissheit sagen. »Die Hand war oben«, berichtete der 42-Jährige.

Weit über ein Dutzend Zeugen wurde am Dienstag gehört. Die Beweisaufnahme ist dennoch nicht abgeschlossen. Die Verhandlung soll am Dienstag, 21. Juni, fortgesetzt werden. Am zweiten Prozesstag wird es darum gehen, was genau für eine Verletzung am Mund des 20-Jährigen entstanden ist und welchen Aufenthaltsstatus der Angeklagte derzeit hat, denn im Falle einer Verurteilung könnte ihm die Abschiebung drohen.

Der angebliche sexuelle Übergriff ist übrigens nicht Teil der Anklage. Der Grund: Die junge Frau hatte keine Strafanzeige gestellt.

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