Rainer B. hat sich im Mai 2018 eine Schreckschusspistole gekauft, ist das Gericht überzeugt. Als verurteilter Straftäter, der unter Führungsaufsicht steht, darf er das nicht. 	SYMBOLFOTO: DPA
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Rainer B. hat sich im Mai 2018 eine Schreckschusspistole gekauft, ist das Gericht überzeugt. Als verurteilter Straftäter, der unter Führungsaufsicht steht, darf er das nicht.

Gegen Bewährungsauflagen verstoßen

Verurteilter Wetterauer Vierfach-Mörder muss wieder in Haft

  • David Heßler
    vonDavid Heßler
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Der Mann, der 1991 als 17-Jähriger in Staden mit einem Freund vier Menschen hinrichtete, muss wieder in Haft. Er hat gegen die Bewährungsauflagen verstoßen.

Am 4. Mai 2018 gingen Rainer B. und sein Stiefbruder in ein Friedberger Waffengeschäft und erwarben eine Neun-Millimeter-Gaspistole, für deren Gebrauch man einen kleinen Waffenschein benötigt. Ob B. sie für seinen Stiefbruder gekauft hatte, wovon sein Verteidiger das Gericht überzeugen wollte, spielte für die Staatsanwaltschaft und auch für Richter Dr. Markus Bange letztlich keine Rolle. Ein Mann, der wegen eines Kapitalverbrechens vor 30 Jahren (siehe unten) unter Führungsaufsicht steht, darf nunmal keine Waffe besitzen und führen - auch wenn es nur der Weg von der Ladentür bis zum Auto ist. Der Richter verurteilte den 47-Jährigen zu einer sechsmonatigen Haftstrafe. »Einen vernünftigen Grund, warum Sie in das Waffengeschäft gegangen sind, erkenne ich nicht«, sagte er zu B.

Die Frage wollte dieser ihm nicht beantworten. »Ich habe nichts zu sagen«, waren kurz vor der Urteilsverkündung die einzigen Worte B.s während der drei Termine in dem Prozess am Friedberger Amtsgericht. Nach 25 Jahren im Gefängnis und im psychiatrischen Krankenhaus war er im August 2016 auf freien Fuß gekommen - stand jedoch nach Beschluss des Landgerichts Gießen unter Führungsaufsicht. Rainer B. nahm an ein- er Rückfall-Vermeidungsgruppe teil, lieferte negative Drogentests ab, er musste sich regelmäßig bei der Polizei melden und wurde zudem von einer Bewährungshelferin betreut. Dass er erst gar nicht in die Nähe von Schusswaffen kommen sollte, war ihm bewusst. B. tat es dennoch.

Wetterauer Vierfach-Mörder: Gutmütigkeit von Umfeld ausgenutzt?

Sein Verteidiger zeichnete das Bild eines geläuterten Straftäters, der vor zwei Jahren eine Dummheit begangen hat, dessen Gutmütigkeit aber auch von seinem Umfeld ausgenutzt wurde. »Er wollte allen beweisen, dass er ein besserer Mensch geworden ist.« Der Stiefbruder habe die Waffe gewollt, ihn habe er glücklich machen wollen. Bleibt die Frage, warum sich dieser die Waffe nicht einfach selbst kaufte. B. sei sozusagen der »Sachverständiger« gewesen, hieß es, er habe oft Botengänge für alle erledigt, und die Ehefrau des Stiefbruders, die B. zudem nach Erbstreitigkeiten noch erpresst haben soll, hätte nichts mitbekommen dürfen. Ohnehin habe es sich um eine Schreckschusspistole, nicht um eine »echte Waffe« gehandelt. Ihn hätte es mehr besorgt, wenn B. »sich im Baumarkt Axt, Beil oder Säge gekauft hätte«. Schließlich fehlten auch Beweise für den Kauf sowie die Waffe selbst. Die Buchhaltung des Waffengeschäftes gab der Polizei keine Rückschlüsse auf den Käufer, der bar gezahlt hatte. Und bei Durchsuchungen wurde keine Waffe gefunden. Ein Freispruch wäre angebracht und förderlich für die Resozialisierung seines Mandanten, plädierte der Verteidiger. Für die Staatsanwaltschaft war dagegen klar: B. hat die Pistole für 200 Euro, die er kurz zuvor angehoben hatte, gekauft. Er hat seinen Stiefbruder, der wie seine Frau vor Gericht nicht aussagen wollte, dazu benutzt, die Waffe zu bekommen, indem er ihn die Dokumente ausfüllen ließ. Und er werde mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder schwerste Gewalttaten verüben, sollte er an Waffen gelangen.

B.s Bewährungshelferin, die dem 46-Jährigen geraten hatte, wegen der Sache zur Polizei zu gehen (»Er hatte Angst, dass seine Bewährung auf dem Spiel steht«), sprach von psychischen Problemen, die B. im Sommer 2018 gehabt habe. »Das war wie ein Tsunami, der sich da aufgebaut hat. Er hatte Angst, dass die Vergangenheit ihn wieder einholt.« Ihre Kollegin und sie hätten damals eine hohe Rückfallgefahr gesehen.

Wetterauer Vierfach-Mörder: Verstrickung in Widersprüchen

Auch weil B. bei der Polizei eine andere Version als die der Verteidigung erzählt haben soll, folgte das Gericht der Argumentation der Staatsanwaltschaft. Der Richter attestierte eine Grundgefährlichkeit bei B., bei dem die Gefahr bestehe, dass er durch den Umgang mit Waffen wie ein Drogenabhängiger »angefixt« werde. Eine positive Sozialprognose sieht anders aus.

Rainer B. ist kein freier Mann mehr. Er befindet sich auch wegen der Anklage bereits seit geraumer Zeit wieder in der Psychiatrie. Nun kommt ein weiterer Haftaufenthalt dazu.

Wetterauer Vierfach-Mörder: Die Tat vor fast 30 Jahren

Zwei tote Männer auf dem Feldweg neben der A 45 - und als die Polizei den Ehefrauen die Nachricht überbringen will, finden sie diese ebenfalls erschossen vor. Eine Woche lang stand Staden im März 1991 im Fokus der deutschen Öffentlichkeit. Die Menschen waren nicht nur geschockt ob der Tat, eine der grausigsten, die die Wetterau in der Nachkriegszeit erlebt hat. Sie waren vor allem geschockt, als zwei Tage später die Täter gefasst waren: drei Jugendliche aus Nachbarorten.

Die Vernehmungen offenbarten die kaum fassbare Brutalität und Gedankenlosigkeit, mit der die beiden Haupttäter vier Menschenleben ausgelöscht hatten. Ralf und Monika R. (27 und 28 Jahre alt) saßen am Abend des 9. März, einem Samstag, im Wohnzimmer ihres neuen Hauses in der Straße »Am Römerkastell« in Staden. Zu Gast waren Billy (54) und Cherryl H. (42), die bei dem jungen Ehepaar im Obergeschoss zur Miete wohnten. Gegen 21.30 Uhr klingelten Rainer B. (17) aus Nieder-Florstadt und Peter S. (17) aus Ilbenstadt: Ihr Moped stehe mit einer Panne an der Autobahnausfahrt, gaben sie vor und fragten, ob Ralf R. (der B. entfernt kannte) ihnen helfen könnte. Der wollte nicht mehr fahren, also kam auch der hilfsbereite Amerikaner mit.

Wetterauer Vierfach-Mörder: Pistole vom Vater gestohlen

Vom Rücksitz des Jeeps von Monika R. aus richtete B. die Männer hin. Zunächst galt jedem ein Schuss, doch Ralf R. lebte noch, als sie ihn auf den Feldweg geworfen hatten. Also vollendete B. das Werk mit weiteren Kopfschüssen. Dann legten sie ihm einen Kreuzschlüssel auf den Körper. Die 7,65-mm-Pistole hatte B. seinem Vater gestohlen.

Danach fuhren B. und S. mit dem Jeep die 500 Meter zum Haus zurück. Doch B. hatte nicht die Nerven zu zwei weiteren Morden. Also hielt S. den Frauen die Pistole an die Schläfe und drückte ab. Auch auf den Hund der Hausbesitzer feuerte er zweimal.

Anschließend fuhr man zum Grillplatz nach Leidhecken, baute das CB-Funkgerät aus dem Wagen und warf Papiere, die wertlos erschienen, weg. Über Nieder-Florstadt fuhren die beiden Haupttäter und auch der 16-jährige Siegfried S. aus Dorn-Assenheim - der wohl von dem Vorhaben gewusst hatte, aber nicht dabei sein wollte - nach Niddatal und versenkten den Jeep in der Nidda. Gegen 23.20 Uhr wurden Peter und Siegfried in einer Ilbenstädter Kneipe gesehen, B. war nach dem Massaker zu seiner Freundin nach Altenstadt gefahren.

Wetterauer Vierfach-Mörder: Anwohner hatten Jugendliche gesehen

Zwei Tage lang waren die Mörder noch frei. Dann klickten die Handschellen. Anwohner hatten die Jugendlichen gesehen, als sie vor B.s Elternhaus in Nieder-Florstadt mit dem Jeep herumgekurvt waren. Als Motiv gab Rainer B. in den Vernehmungen Eifersucht an - Ralf R. habe mit seiner Freundin geflirtet. Peter S., der in Ilbenstadt als aggressiv und nicht gerade intelligent bekannt war, leugnete seine Beteiligung an der Tat noch, als ihn B. längst verpfiffen hatte.

Gut ein Jahr später wurde dem Trio der Prozess vor dem Gießener Landgericht gemacht. Der Medienrummel war erneut riesig, doch die Verhandlungen waren nicht öffentlich.

Rainer B. und Peter S. erhielten die höchste Jugendstrafe: zehn Jahre Haft. B. kam vorher noch in die geschlossene Psychiatrie. Siegfried S. erhielt als Mitwisser viereinhalb Jahre Jugendarrest.

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