Versehen oder Alltagsrassismus? Ein Fall aus der Wetterau sorgt für Diskussionen
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Versehen oder Alltagsrassismus? Ein Fall aus der Wetterau sorgt für Diskussionen

Fall in Florstadt

Vorwurf: Fall von „Alltäglichem Rassismus“ in der Wetterau - VGO äußert sich zu Vorwürfen

  • vonInge Schneider
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Der angehende Erzieher möchte zu seiner Freundin nach Baden-Württemberg fahren. Am Florstädter Messeplatz will er hinten in den Bus einsteigen - doch der Busfahrer gibt Gas. Hat er ihn tatsächlich nicht gesehen? Mosayeb Amiri stammt aus dem Iran, er ist dunkelhäutig.

Florstadt - Es ist Freitag, 3. Juli, 16.50 Uhr, am Nieder-Florstädter Messeplatz. Mosayeb Amiri, unter Freunden und in der Hip-Hop-Szene nur als »Ayrick« bekannt, freut sich auf die Ferien. Der angehende Erzieher, seit einem Jahr an der zur Florstädter Karl-Weigand-Schule gehörenden Betreuungsschule tätig und Angestellter des gemeinnützigen Vereins Jugendberatung und Jugendhilfe, will vom Friedberger Bahnhof aus zu seiner Freundin nach Baden-Württemberg fahren. Vorschriftsmäßig trägt Amiri eine Maske, außerdem einen Rucksack, in der Hand eine Tüte als Reisegepäck. Fahrplanmäßig fährt der Bus der Linie FB-01 vor.

»Der Busfahrer hat mir in die Augen geschaut und mich gesehen«, wird Amiri später erzählen. Der junge Mann wendet sich, wie in Corona-Zeiten üblich, der mittleren Tür zu. Sie bleibt verschlossen. Er klopft also an die hintere Bustür, ruft und winkt nach vorne, in Richtung Außenspiegel, damit der Fahrer ihn wahrnimmt. Die Fahrgäste im hinteren Teil des Busses werden aufmerksam, beginnen ebenfalls zu rufen, der Fahrer möge doch die Tür öffnen. Eine Frau steht auf und macht Anstalten, nach vorne zu gehen. Auch seitens der Passanten, die den Messeplatz bevölkern und zum Teil in einem Restaurant Platz genommen haben, bekommt der junge Betreuer Unterstützung, man ruft oder schüttelt stumm den Kopf. Vergebens. Ohne erkennbaren Grund und weitere Reaktion gibt der Fahrer Gas, der Bus setzt sich in Bewegung, Mosayeb Amiri bleibt fassungslos und entsetzt zurück.

Was kann den Fahrer zu einem derartigen Verhalten bewegt haben? Für Amiri gibt es darauf nur eine Antwort: Alltäglicher Rassismus.

Fall von „alltäglichem Rassismus" in der Wetterau? Wegen Hip-Hop im Iran drangsaliert

2015 kam Mosayeb Amiri nach Deutschland, »um der Freiheit willen«, wie er sagt. Wirtschaftliche Gründe seien nicht die Ursache für seine Flucht gewesen, seine Familie sei gutgestellt, seine Geschwister universitär ausgebildet, auch er selbst habe kurz vor dem Bachelor in Sport- und Erziehungswissenschaften gestanden. Seine Leidenschaft für Hip-Hop, den er als Sportlehrer zu seinem Beruf machen wollte, habe ihn ins Gefängnis gebracht, erzählt er von brutalen Schlägen und quälenden Verhören. Öffentliche Tanzdarbietungen, zumal westlichen Stils, sind im Iran verboten.

In Deutschland angekommen, arbeitet sich der junge Mann über verschiedene Weiterbildungsmaßnahmen empor, findet zunächst eine Praktikumsstelle an der Betreuungsschule in Florstadt, wird fest angestellt. Sein deutsches Sprachniveau hat inzwischen das Level C1 erreicht - Voraussetzung für seine lang ersehnte Ausbildung zum Erzieher, die er am 17. August in Bad Nauheim beginnt.

Mosayeb Amiri hat sich in Deutschland voll integriert, er ist beliebt bei Kindern und Kolleginnen, hat zahlreiche deutsche Freunde, zum Beispiel in der Büdinger Mittelalterszene, wo er eine Weile in der Tanzgruppe Danze-Liut mitwirkte. Glanzlicht war damals ein Auftritt bei der »Nacht der Museen« im Kaisersaal des Frankfurter Römers.

Doch seit seiner Ankunft in Deutschland habe es stets Vorbehalte gegeben; Kommentare, abschätzige Blicke, ein Gefühl von anders sein und nie ankommen. Einmal habe ihn ein Busfahrer in Büdingen gezwungen, sein Ticket zu bezahlen, »obwohl ich eine Monatskarte hatte«.

Um 16.55 Uhr, der Bus ist kaum verschwunden, wählt der junge Mann die auf einem Schild an der Haltestelle vermerkte Service-Nummer, um den Vorfall zu melden. Man verspricht, sich zu kümmern. Auf Facebook erfährt er viel Solidarität. Dennoch bleibt eine tief greifende Verunsicherung: »Ich weiß nicht, warum manche Leute andere Menschen derart behandeln. Es ist gegen die Menschenrechte, gegen die Würde, es tut mir weh, ich fühle mich schlecht und glaube allmählich, ich werde hier nie ganz zu Hause sein. Obwohl ich viele gute Freunde, liebe Leute und nicht zuletzt meine große Liebe gefunden habe, bei der ich an diesem Tag sogar mit Verspätung noch angekommen bin. Es bleibt ein Stachel, mit dem ich nie gerechnet hätte: der alltägliche Rassismus.«

Fall von „alltäglichem Rassismus" in der Wetterau? Das sagt die VGO zu den Vorwürfen

In seinem Schreiben an den Betroffenen wehrt sich der Kundenservice der Verkehrsgesellschaft Oberhessen (VGO) gegen den Rassismusvorwurf. Es habe sich vielmehr um ein Versehen gehandelt. Am 3. Juli sei fast die komplette Busflotte des mit Fahrten der Linie FB-01 betrauten Unternehmens mit Spuckschutzscheiben oder anderen Trennvorrichtungen, die wegen der Pandemie nötig sind, ausgestattet gewesen. Der Fahrer sei daher auf den Regelbetrieb, also den Vordereinstieg eingestellt gewesen - laut Amiri wurde jedoch gar keine Tür geöffnet. »Denn es wollte hinten niemand aussteigen und vorne niemand in den Bus hinein. Von der Neuregelung, dass man ab sofort wieder vorne einsteigen soll und muss, habe ich nichts gewusst.« Die VGO schreibt: »Da Fahrgäste wieder durch die vordere Tür in den Bus ein- und durch die hintere Tür aussteigen konnten und auch nur so die wiedereingeführte Kontrolle der Fahrkarten erfolgen kann, richtete der Fahrer vermutlich kein besonderes Augenmerk auf hinten einsteigewillige Fahrgäste.« Man ergänzt, der Fahrer habe nur die vordere Tür geöffnet und hinten keinen einsteigewilligen Fahrgast bemerkt.

»Zu Ihrer Annahme, der Fahrer habe Sie aufgrund Ihrer Hautfarbe nicht mitgenommen, fand ebenfalls eine Befragung statt. Der Fahrer bestritt jedoch vehement, fremdenfeindlich zu sein, da er auch im privaten Umfeld verschiedene ethnische Kontakte pflege. Wir gehen daher von keiner bösen Absicht, sondern von einem einmaligen Ereignis ohne rassistischen Hintergrund aus.« Die VGO lege besondere Bedeutung auf einen respektvollen Umgang mit den Kunden. »Dabei sprechen wir uns ausdrücklich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aus. Wir bedauern die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten und hoffen, Sie auch weiterhin als unseren Fahrgast willkommen heißen zu dürfen.« Man habe mit dem Busunternehmen nach diesem Vorfall vereinbart, dass das Fahrpersonal im aktuellen Übergang zum Regelbetrieb verstärkt auf Fahrgäste im hinteren Busbereich achten solle, die von der Rückkehr zum Regelbetrieb vielleicht noch keine Kenntnis hätten.

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