Tan Caglar ist der im Rollstuhl sitzende türkische Comedian aus Hildesheim. Sein Programm "Rollt bei mir" im Florstädter Bürgerhaus kommt beim Publikum bestens an. FOTO: SL
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Tan Caglar ist der im Rollstuhl sitzende türkische Comedian aus Hildesheim. Sein Programm "Rollt bei mir" im Florstädter Bürgerhaus kommt beim Publikum bestens an. FOTO: SL

Unverblümt und schonungslos

  • vonStephan Lutz
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Florstadt(sl). Gleich doppelte Freude herrschte am Samstag im Bürgerhaus: zum einen, dass endlich wieder Kulturveranstaltungen stattfanden und zum anderen, dass man mit Tan Caglar einen bislang fast unbekannten Hochkaräter aus Kabarett und Comedy verpflichtet hat.

Lediglich eine Handvoll Gäste kennt den Comedian aus Hildesheim mit dem Handicap seit seiner Geburt: der türkischen Abstammung. Weshalb sich seine Vorstellung diesmal richtig lohnt. Als Rollstuhlfahrer kokettiert er in seinem Programm "Rollt bei mir" delikat mit Wortspielen wie "sitting ovations" oder der Beschreibung sein Sexleben als "Tan-Nummer". Und auch der Schreiber dieser Zeilen lässt sich davon anstecken, denn nach kurzer Zeit merkt man "hier sitzt jede Pointe" und "der Junge im Rollstuhl macht richtig gute Stand-up-Comedy".

Veganer aus Mettmann

Tan Caglar sucht von Anfang an den Kontakt zum Publikum. Er macht keinen Hehl daraus nach Auftritten in Stuttgart, Köln, München oder Hamburg gerne nach Florstadt gekommen zu sein, "denn Florstadt ist die geilste Stadt". Klar, das sagt er immer und überall. Auch in Stuttgart, Köln, München oder Hamburg, überall dort erkläre er "Florstadt ist die geilste Stadt".

Unverblümt und schonungslos stellt er sein eigenes Schicksal dar und hält der Menschheit den Spiegel vor, wenn er von unmöglichen bis saublöden Fragen berichtet. Und mit denen er sich tagtäglich konfrontiert sieht, wenn er auf vier Rädern unterwegs ist.

Köstlich sein Vergleich als "Schweizer Messer der Minderheiten", der mit einer "Randgruppen-Flatrate" ausgestattet ist. Er sei der "Quoten-Behinderte" und der "Quoten-Kanake" in einer Person. Und er kommt aus Hildesheim. "Nicht auszudenken, wenn ich jetzt noch tanssexuell wäre". Das pandemiebedingt quantitativ ausgedünnte Publikum hängt ihm sofort an den Lippen und erfreut sich an absurden Szenen mit dem Veganer aus Mettmann oder als Rollstuhlfahrer in der Fußgängerzone.

Es bekommt schnell ein Gespür für seinen feinen Humor wenn er im Portal der Internet-Singlebörse sich selbst mit "bin nicht der Typ, der Frauen hinterher läuft" klassifiziert. Überhaupt spricht Tan Caglar unkompliziert über sein kompliziertes Alltagsleben. Er sagte einmal "ich habe Ninja Warriors Germany jeden Tag", und ihm gelingt es sensible Themen der Menschen mit Handicap mit Humor besser zu transportieren.

Genau das war der Hintergrund, weshalb "Florstadt kulturell" und BUNTerLEBEN mit der Partnerschaft für Demokratie an einem Strang zogen und den Künstler im Rahmen der Interkulturellen Wochen des Wetteraukreises einluden. BUNTerLEBEN stehe für Vielfalt und Inklusion, da passe Caglar perfekt ins Bild.

Bürgermeister Herbert Unger, Kulturfachfrau Karola Backes-Richter und Rochsane Mentes vom Fachbüro begrüßten die Gäste im weiten Rund des großen Bürgerhaussaals. Unger dankte der Partnerschaft für Demokratie für die finanzielle Unterstützung und machte deutlich, "es ist das beste Geld des Bundes, wenn es in Florstadt ausgegeben wird". Backes-Richter war froh mit "Florstadt kulturell" wieder zurück zu sein, denn "ohne Kultur lebt es sich nur halb so schön". Und Mentes war stolz auf die Zusammenarbeit und auf das, was entsteht, wenn alle Rädchen ineinander greifen.

Sensible Themen mit Humor

Natürlich fand die Veranstaltung mit Hygienekonzept, Alltagsmasken und Abstand statt, aber Unger war froh, dass Künstler wieder auftreten und neben der Gage auch wieder in den Genuss ihres wichtigsten Brotes kommen: dem Applaus. Und davon gab es einiges an diesem Abend, denn Tan Caglar, der in Sachen Fitness übrigens keinen Schrittzähler benötigt, präsentierte sich in charmanter Spiellaune und fragt Frauen nicht nach ihrem Alter, sondern gleich nach dem Gewicht. Echt behindert findet er übrigens nur die Fahrer von Segways und Liegendfahrrädern.

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