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Als die Amerikaner in Stammheim einmarschierten, schossen sie auf einige Häuser, unter anderem auf eines in der damaligen Untergasse.

"Stammheim ist glimpflich davongekommen"

Florstadt-Stammheim (sl). "In den Straßen von Stammheim herrschte ein heilloses Chaos." Mit dieser Feststellung erinnerte dieser Tage der Arbeitskreis Dorfgeschichte an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Stammheim und Umgebung.

Die dramatischen Stunden begannen am 28. März 1945 um die Mittagszeit, als amerikanische Panzer von Altenstadt kommend über die Weedgasse zur Untergasse ratterten. Sie zogen aber bald Richtung Staden weiter. Später rückte eine SS-Gebirgsjägerdivision in Stammheim ein, deren Soldaten die Stammheimer aufforderten, die gehissten weißen Fahnen wieder abzuhängen.

Bei den Kämpfen eroberten die deutschen Truppen zwei amerikanische Lastwagen, drei US-Soldaten starben. Beim Spielen mit Granaten, die sie in einem verlassen Laster gefunden hatten, verloren zwei junge Stammheimer ihr Leben.

Der inzwischen 86 Jahre alte Otto Wagner erinnert sich noch ziemlich genau an diese Zeit. "Zwei Tage später flammten die Kämpfe um Stammheim wieder auf", sagte er der WZ. Morgens um 8 Uhr habe ein Aufklärungsflugzeug der Amerikaner über dem Ort gekreist und die Stellungen der SS-Einheit erkundet. "Kurze Zeit später schossen die Amerikaner mit schweren Geschützen. Das Haus der Familie Weickert stand in Flammen, andere wurden durch Treffer stark beschädigt", erzählt Wagner. Eine Vielzahl von Granaten habe im Bereich des Mühlbachs eingeschlagen, ohne jedoch größere Schäden anzurichten. "Glücklicherweise wurde das dortige Sägewerk nicht getroffen."

Die Löscharbeiten am Haus der Familie Weickert hätten eingestellt werden müssen, nachdem eine weitere Granate den Wasserhydranten zerstört hatte. "In den Straßen herrschte ein großes Durcheinander." Die Hauptstraße sei von deutschen Militärfahrzeugen, durch deutsche Soldaten und mehr als 100 amerikanische Gefangene blockiert gewesen. Dazu herrenlose Pferde und angsterfüllte Menschen.

Recherchen des Arbeitskreises Dorfgeschichte ergaben, dass die in Stammheim verschanzten SS-Soldaten später Richtung Seehohl (heute Autobahn) zogen. So sei Schlimmeres für Stammheim verhindert worden, denn an der Seehohl gingen die Kämpfe weiter. Etliche Soldaten starben, ehe sich die SS-Einheit stark geschwächt Richtung Glauberg und Leisenwald absetzte.

Karl Schneeberger, bei Kriegsende knapp neun Jahre alt, erinnert sich, dass er und seine Spielkameraden deutsche Soldaten in der Weedgasse beobachtet hatten. Plötzlich habe man Schreie wie "Die Amis kommen!" vernehmen können. "Wir Kinder flüchteten so schnell es ging in die benachbarten Keller. Tatsächlich tasteten sich dann amerikanische Panzer vorwärts. Dahinter fuhren große Lkw, die über dem Führerhaus mit einem Maschinengewehr besetzt waren." Die Amerikaner hätten teilweise in die Häuser geschossen, dabei sei Anna Weickert in ihrem Wohnzimmer von Querschlägern getroffen worden. Die Amerikaner hätten die Schreie gehört und dafür gesorgt, dass Weickert in ein nahegelegenes Lazarett gebracht wurde.

An die Schäden, die die Granaten hinterließen, kann sich Karl Schneeberger ebenfalls gut erinnern. Auch das Haus der Familie Kling hatte einen Volltreffer erhalten, ein Brand konnte durch das schnelle Eingreifen der Nachbarn verhindert werden. Einige Häuser in der Untergasse (heute Gießener Straße) seien stark beschädigt, Adam Schenk von Granatsplittern schwer verletzt worden.

Soldaten versteckt

Andere Zeitzeugen berichteten dem AK vom Schicksal eines deutschen Soldaten, der in einem Bunker Unterschlupf gesucht hatte. Ein paar Tage, nachdem SS-Leute die Häuser nach desertierten Deutschen durchkämmt hatten, fand man dessen Leiche im Wald. Nur durch Zufall überlebt hätten zwei andere Soldaten. Beherzte Stammheimer hatten den einen im Dickwurzkeller, den zweiten in einer Kiste auf einem mit Mist beladenen Wagen versteckt.

Bei den Kämpfen in und um Stammheim starben zahlreiche Amerikaner und Deutsche. 15 deutsche Soldaten wurden auf dem Stammheimer Friedhof bestattet.

Der Leiter des AK Dorfgeschichte, Rolf Lutz, dankte allen, die zur Aufklärung der Geschehnisse vor 70 Jahren beigetragen haben. "Ein Glück, dass die SS abzog. Die in Stellung gebrachten amerikanischen Geschütze hätten große Zerstörungen verursachen können. Stammheim kam somit recht glimpflich davon", so sein Resümee.

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