Mit dem Bus ins Nirgendwo

Florstadt (nol). Für die meisten Jugendlichen stellt sich nach dem Abitur die Frage, wo sie ihr weiterer Lebensweg hinführen wird. Studium, Ausbildung oder gleich ein Job? Franziska Schwebel aus Nieder-Florstadt hatte sich vor einem Jahr entschlossen, etwas ganz anderes zu machen: Sie verbrachte ein Jahr in Ecuador.

Zurückgekommen ist sie mit faszinierenden Einblicken in einer fremde Kultur.

»Ich bin schon fast einen Monat zu Hause, aber das Ankommen war schwierig«, erzählt die 20-Jährige im Gespräch mit der WZ. Ihr Ziel, während ihres Freiwilligendienstes Neues zu erleben und einer Lebensweise nachgehen, mit der sie vorher noch nie konfrontiert wurde, habe sie erreicht.

Am 9. August 2013 war Schwebel in Santo Domingo angekommen. »Zuerst fuhren wir eine halbe Stunde mit dem Bus ins Nirgendwo. Dann ging es zu Fuß weiter. Sechs Stunden. Hoch und runter. Mal ohne richtige Wege, mal über improvisierte Brücken, Vorbei an den winzigsten Dörfern, die ich je gesehen habe, und mitten in die Tropen. Das Ziel waren mehrere Wasserfälle«, schildert sie die Ankunft in ihrem Blog

Die darauffolgenden Monate im »Casa Hogar de Jesus«, einem Heim für benachteiligt Jungen, waren nicht minder aufregend.

Im Auftrag des Kindermissionswerks »Die Sternsinger« und des katholischen Missionswerks »Missio« wohnte und arbeitete sie mit fünf anderen Freiwilligen und rund 60 Jungen im Alter zwischen fünf und 16 Jahren, die alle aus schwierigen Familienverhältnissen kamen und nicht mehr zu Hause wohnen konnten, in dem Heim. Psychologen, Rechtsanwälte, Sozialarbeiter und Erzieher versuchen sich an der Reintegration der Jungen in ihre Familien. Zu Schwebels Aufgaben gehörte auch der Musikunterricht der heimeigenen Schule. Zusätzlich half sie sehr bei den Hausaufgaben, in der Küche oder in der Wäscherei.

Rückschläge blieben im Laufe des Jahres aber nicht aus. »Ich erkannte, dass es ein großer Fehler war, zu sehr Anteilnahme an den Einzelschicksalen der Jungs zu nehmen«, sagt die 20-Jährige. Das habe sie anfangs so sehr heruntergezogen, dass sie vor lauter Traurigkeit nicht habe erkennen können, wie gut es die Jungen im Heim eigentlich hätten. »Man lernt mit der Zeit, nicht alles zu nah an sich heranzulassen.«

Immer wieder Traurigkeit

»Es gab Momente, in denen ich anfing zu weinen«, sagt die Florstädterin. Sei es aus Heimweh oder später aus Angst vor der Rückkehr in das alte Zuhause. »Oder aus allgemeiner Melancholie, ein Stück von mir selbst zurückzulassen und ein Stück neues Ich mitzunehmen.« Dennoch möchte sie ihr Zeit in Ecuador »um nichts auf der Welt missen« und würde jederzeit wieder einen Freiwilligendienst in einem fremden Land ableisten. »Alles Positive überwiegt um Längen das Schlechte.« Das Land, die Menschen, die Offenheit, die Leichtigkeit hätten sie geprägt. Derzeit fühle sie sich noch »wie im Urlaub«, wisse aber auch, dass nun ein neuer Lebensabschnitt beginnen muss, sagt Schwebel. Dank ihrer Arbeit in Ecuador konnte sie sich auf ihr »Traumstudium« festlegen, »Transnationale soziale Arbeit«.

Der weitere Kontakt in die »Casa Hogar de Jesus« sei ihr wichtig. Gerne würde sie auch zukünftig mit dem Kindermissionswerk zusammenarbeiten. Aktuell hat die 20-Jährige bereits die Arbeit mit den Kindern der katholischen Kirchengemeinde in Florstadt wieder aufgenommen.

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