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Mit dem Trabi über die Mauer

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Von: Stephan Lutz

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Der entscheidende Moment: Lola überreicht ihrer Freundin »Rassel« ihren Kellerschlüssel, die mit der Situation aber unzufrieden ist. Lola möchte mit der »Fluchtpappe« (Trabi) ins »Land der Mon Chérie«. © Stephan Lutz

Florstadt (sl). Nach vielen Jahren der Abstinenz gastierte endlich wieder das Frankfurter Galli-Theater im Saalbau Lux. »Die Fluchtpappe - mit dem Trabi über die Mauer« war eigentlich bereits für den November 2020 als Kooperation von »Florstadt kulturell« mit »BUNTerLEBEN« vorgesehen gewesen, passend zum 30. Jahrestag der Maueröffnung, und war damals den Auflagen der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen.

Kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit war es endlich so weit: Karola Diestel und Jenny Seewald ließen den Motor des Trabis, der in Frankreich übrigens als »Karton de Blamage« bekannt wurde, aufheulen.

Es entwickelte sich eine heitere, aber auch nachdenklich machende Inszenierung eines Stücks, das Johannes Galli einst für Diestel schrieb, denn es ist die Geschichte ihrer Flucht aus der damaligen DDR.

Diestel soll nach eigenen Aussagen erst nach vier Jahren in der Lage gewesen sein, dieses Stück aufzuführen. Zu groß waren die Emotionen, die sie mit den Erinnerungen an das Geschehene verband. Hut ab vor der Courage, dieses sehr persönliche Thema auf die Bühne zu bringen, Hut ab aber auch vor Kollegin Seewald, die bestimmt zehnmal das Kostüm wechseln musste und dazu immer wieder neue Stimmen, Dialoge und Gestiken aufbot.

Was Diestel also alles erlebte auf ihrer Trabi-Fahrt über ostdeutsche Autobahnen Richtung Vogtland mit Zwischenstopp in Jena, um in die damalige CSSR zu kommen, war jetzt Inhalt der etwa 80 minütigen Aufführung im altehrwürdigen Saalbau Lux. Köstlich, wie Diestel sich in einer Szene beinahe verspricht und von »150 Eu...« spricht und auf »Westmark« rettet. Dann setzt sie - eben durch und durch Profi - noch einen drauf: »Ich hab da gerade so eine Vision: aus der Westmark wird bestimmt mal der Euro...«

Das Stück beginnt mit der Abschiedsszene zwischen Lola und ihrer Freundin »Rassel« am 7. November 1989 in Eisenach. Lola übergibt ihr den Kellerschlüssel, sie lässt ihren Plattensammlung samt West-Platten und den immerhin 3750 Mark teuren Farbfernseher zurück. Sie verspricht Nutella und Strumpfhosen zu schicken, und dass man sich Ostern in Prag wiedersieht. Und sie übergibt ihr Parteibuch: »Gib es den Genossen zurück«.

Der Aufbruch liefert Startprobleme. Erst ist der Benzinhahn zu öffnen, dann wegen der Kälte der Choke zu ziehen. In Gedanken ist sie hin- und hergerissen. Sie lässt zwar ihr Leben, ihre Freunde und Verwandte hinter sich, sie zeigt aber auch mit großem Enthusiasmus, dass sie dafür frei ihre Meinung sagen oder Tomaten an Weihnachten essen kann. Dass sie den Eiffelturm besteigen und der Freiheitsstatue zuwinken will.

Sie will putzen oder kellnern, um nach Paris, New York oder Malle zu kommen. Sie hat sich gut vorbereitet, und immer viel »Badesalz« geschaut. Denn sie will nach Hessen, zu Tante Hertha nach Schotten im Vogelsberg. Die Zwischenstationen und ihre Begegnungen halten Rückschau auf den sozialistischen Gang der Dinge und auf schlecht gelaunte Staatskassenkassiererinnen.

Sie hält aber auch inne, um an friedliche Montagsdemos, Gorbatschow und Perestroika zu erinnern. Und dann ist sie - über den Umweg der CSSR - endlich im »Land der Mon Chérie«, müde und kaputt, aber frei. Und nach dem Kontakt zu einer Prostituierten, die ihren Körper für 150 Westmark pro Stunde verkauft, weiß sie: »Ich bin frei, glücklich und bald reich«.

Im Radio in der DDR läuft »Autobahn« von Kraftwerk, in der BRD dann »Die Puhdys« mit »Alt wie ein Baum«. Es sind diese kleinen Dinge in diesem Stück, die einen in eine Zeitreise versetzen. Feinheiten, die einem »Ossi« noch eher auffallen. Und die Selbstironie, die der »Fluchtpappe« so gut tut. Allein der Gedanke, die »Fluchtpappe« mit Hosenträgern umzuhängen - grandios. Oder der Mitsingsong: »10 Apfelsinen im Jahr und am Parteitag Bananen...«. Genau wie der vielsagende Blick, als sie endlich im Aufnahmelager ankommt und in der Tagesschau von der Öffnung der Grenzen erfährt. Ein brutales Ende.

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Lola trifft auf eine sehr penible Mitarbeiterin der Staatsbank. © Stephan Lutz
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Eines der ersten Selfies der Weltgeschichte: Lola und der nette Zöllner. © Stephan Lutz

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