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30 Gramm Kammbraten geben den Ausschlag

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Florstadt (sl). Gratulation an Frauke Walther aus Nieder-Florstadt: Die Fleischerei-Fachverkäuferin hat ganz Hessen beim Bundesentscheid des Deutschen Fleischerfachverbands in Ludwigshafen vertreten und einen tollen zweiten Platz erreicht. Der Vorsprung der Siegerin aus Baden Württemberg war im wahrsten Sinne des Wortes hauchdünn: 30 Gramm Kammbraten gaben nach zwei Tagen Prüfung mit 20 Disziplinen den Ausschlag.

Frauke Walther ist dennoch zufrieden, stolz und glücklich. Die 23-Jährige wollte ihr Bundesland würdig vertreten und wie ihre Vorgängerinnen in den vergangenen Jahren unter die ersten drei kommen. Mit Erfolg: Sie ist die zweitbeste Nachwuchs-Fleischereifachverkäuferin in ganz Deutschland. Im Sport würde das die Qualifikation für die europäische Champions-League bedeuten. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass man diese Nachwuchs-Wettbewerbe nur einmal im Leben bestreiten kann: als Jahrgangsbeste im Jahr der Gesellenprüfung.

Kopf-an-Kopf-Rennen

Die 23-Jährige lieferte sich von Anfang an ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der späteren Gewinnerin. Den Ausschlag gab am Ende eine einzige Disziplin: das Heraustrennen von 500 Gramm Kammbraten. Fraukes Stück brachte 580 Gramm auf die Waage, das ihrer Kontrahentin wog bessere 550 Gramm.

Als zweite ist man immer die erste Verliererin. So fühlte sich auch Frauke Walther zunächst; die Enttäuschung über den verpassten Gesamtsieg währte jedoch nicht lange. Getröstet wurde sie vor Ort von ihrer Schwester Meike und ihrer Trainerin Tina Holzmann aus Wald-Michelbach. »Ich weiß, wie Du dich jetzt fühlst«, hatte sie Frauke nach der Bekanntgabe der Ergebnisse gesagt. Sie selbst hatte Ende der 90er Jahre beim Bundesentscheid ebenfalls den zweiten Platz errungen.

Frauke Walther hat sich aber nichts vorzuwerfen. Sie war optimal vorbereitet, hatte ausgiebig trainiert und fühlte sich am Wettkampftag sogar so toll in Form, dass sie ihre Canapeés gleich noch ein wenig kleiner machte. Kleiner heißt aufwändiger, was mehr Punkten bedeutet. Unterlegen war sie in einer Disziplin, die man nicht üben kann, die vom Gefühl gesteuert wird und auch an der Tagesform liegen kann.

Sieben Prüfer aus ganz Deutschland nahmen die Braten-, Schinken- und Käseplatten, die die Teilnehmerinnen unter anderem legen mussten, unter die Lupe. »Da fällt jeder noch so kleine Fehler auf«, erzählt Frauke Walther jetzt im Nachgespräch. Außerdem: Es gibt keine Vorgaben über Abstandsmaße oder Größe der Dekoration, so dass das Gesamtbild dem einen Prüfer mehr zusagt und dem anderen weniger.

Wie knapp der Ausgang war, erfuhren die Teilnehmer erst bei der Siegerehrung. Über die zweitägige Wettkampfdauer waren keinerlei Zwischenergebnisse bekannt gegeben worden. Beide Tage waren sehr hektisch und spannungsgeladen, erinnert sich die Nieder-Florstädterin. Auch wenn man zwischendurch auch mal Leerlauf hatte, wenn die Einzelgespräche geführt wurden, fiel die Anspannung nicht wirklich ab. »Erschwerend« kam für Frauke Walther hinzu, dass sie vom Hessischen Rundfunk mit einem Kameramann auf Schritt und Tritt gefilmt wurde. Genau wie Steffen Weigand aus Flörsbachtal, der für Hessen im Bundesentscheid der Metzger angetreten war. Außerdem gab Frauke Walther dem Radiosender FFH noch Interviews. Der Sender mit Sitz in Bad Vilbel war im Internet auf die WZ-Reportage über Frauke Walther vor dem Bundesentscheid aufmerksam geworden.

Sie war als einzige der Fleischereifachverkäuferinnen diesem Medienrummel ausgesetzt. Noch nicht einmal die spätere Bundessiegerin bekam eine solch große Aufmerksamkeit. »Der Kameramann war zwar rücksichtsvoll und zurückhaltend«, erklärt die 23-Jährige, dennoch fühlte sie sich ungewohnt beobachtet und musste auch besondere Szenen für die Kamera noch einmal wiederholen. Grund genug für die Nieder-Florstädterin, sich jetzt ein DVD-Archiv mit ihren Auftritten anzulegen. Eigene Autogrammkarten wurden ihr bereits von ihrer stolzen Tante angefertigt.

Ab sofort wieder hinter der Theke

Nach einer Woche Erholungsurlaub steht Frauke Walther seit dieser Woche wieder hinter der Kühltheke der elterlichen Metzgerei Walther in Nieder-Florstadt. Sie schneidet Salami und Bierschinken, bereitet Hackfleisch frisch zu und belegt Schnitzel- oder Frikadellen-Brötchen aus der heißen Theke. Eine ihrer Spezialitäten, die Schinkenplatte, wurde von FFH verlost und ging an einen Gewinner nach Hirzenhain. Überflüssig zu sagen, dass der Absatz genau dieser Platte danach gehörig angestiegen.

Die fröhliche, freundliche Frau berät ihre Kundschaft weiterhin umgänglich und erfreut sich an ihren zwei Pokalen vom Landes- und vom Bundesentscheid, die im Verkaufsraum der Metzgerei einen Ehrenplatz erhalten haben. Es steht nicht zu befürchten, dass ihr das Kammbraten-Dilemma ein Trauma versetzt. Seit einem Jahr arbeitet sie an zwei bis fünf Tage die Woche an einer Zusatzausbildung auf Hochschulniveau, um im Metzgerei- und Nahrungsmittelgewerbe als »Zertifizierte Managerin Food« arbeiten zu können. Hier ist sie unter einem Dutzend Teilnehmern übrigens die einzige Frau - und auch hier wird sie sicher ihren Mann stehen.

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