Nazi-Opfer

Florstädter zu Tränen gerührt

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In der ev. Kirchengemeinde Nieder-Florstadt fand zum Holocaust-Gedenktag eine Filmvorführung von "Erhobenen Hauptes" über Opfer des Nationalsozialismus statt. Die Erzählungen haben eine beklemmende Aktualität.

Bis auf den letzten Platz besetzt ist das evangelische Gemeindehaus in Nieder-Florstadt an diesem Sonntagmorgen, 27. Januar, dem Internationalen HolocaustGedenktag, der an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee vor 74 Jahren erinnert.

Heide Schwendemann vom Arbeitskreis "Jüdisches Leben in Florstadt", gibt eine kurze Einführung in die von ihr kuratierte Begleitausstellung. Die Dokumentation beschäftigt sich mit dem Leben jüdischer Familien in Staden.

Überleitend zu dem Film, der im Zentrum des Vormittags stehen soll, erläutert Pfarrerin Monika Rhein dessen Entstehung und Anliegen. "Erhobenen Hauptes – (Über)leben im Kibbuz Ma’abarot" ist eine Arbeit der jungen Frankfurter Projektgruppe "DocView", der auch die Tochter von Pfarrerin Rhein, die Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin Katharina Rhein, sowie deren Lebensgefährte Adrian Oeser, Politik- und Erziehungswissenschaftler sowie freier Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks, angehören.

Beklemmende Aktualität

"Der Film wird für sich selbst sprechen, da bin ich ganz sicher. Eines müssen wir uns jedoch immer vor Augen führen, wenn wir jetzt gleich für knapp zwei Stunden in die Lebensgeschichte von fünf Menschen eintauchen, deren Kindheit in Deutschland durch den Nationalsozialismus ein abruptes und schmerzhaftes Ende fand: Wir begegnen absoluten Ausnahmeschicksalen. Letzten Zeitzeugen, denen vielfach in letzter Sekunde die Flucht gelang und die im Kibbuz Ma’abarot in der israelischen Sharonebene eine neue Heimat gefunden haben. Dies war nur wenigen Menschen jüdischen Glaubens vergönnt", unterstreicht Rhein nachdrücklich.

Der nachfolgende Film nimmt die Zuschauer durch seine Nähe, Intensität und menschliche Wärme sofort gefangen. Zwei Stunden lang herrscht atemlose Stille im Raum, die Erzählung des heute 87-jährigen Zvi Cohen, geboren als Horst Cohn im Mai 1931, rührt einige Besucher zu Tränen.

Der Film "Erhobenen Hauptes" kommt vollkommen ohne Schuldzuweisungen und Rachegefühle der Betroffenen aus. Neben den Berlinern Cohen und Joav Burstein, alias Heinz Burstein, blicken auch die Berlinerinnen Hanni Aisner und Hannah Shalem sowie die Landauerin Ora Lahisch auf ihre zumeist unbeschwerte Kindheit inmitten von Familie, Freunden und Nachbarn zurück – bis zu dem Tag, an dem die Ausgrenzung, die Entwürdigung, die Ohnmacht und schließlich das Gefühl der drohenden völligen Vernichtung begannen. Immer wieder schweift die Kamera ruhig über das landwirtschaftlich geprägte Areal des Kibbuz Ma’abarot, zu Deutsch etwa: "Auffangstation", in dem alle fünf Protagonisten eine bleibende Heimat gefunden, eine Familie gegründet haben und Kinder und Enkel haben groß werden sehen. Dennoch lässt die Erinnerung an die eigene Kindheit sie nicht los, wie sie den jungen Filmern aus Deutschland beim Blättern in den Familienalben mit großer Offenheit erzählen. Beschreiben die heute 80- und 90-Jährigen den Abschied von den Eltern oder deren letzte Briefe vor der Deportation, so stehen ihnen Tränen in den Augen.

Mundharmonika rettet sein Leben

Erschütternd ist die Geschichte des kleinen Horst Cohn, der die elterliche Dachwohnung zwei Jahre lang aus Furcht auch unter Bombardement nicht verließ, und – als die SS das Versteck durch Denunziation schließlich ausfindig gemacht hatte – allein durch das Spielen seiner Mundharmonika seine eigene Deportation so lange verzögern konnte, bis seine Eltern erschienen und mit ihm die Reise nach Theresienstadt antraten. "Wären sie nicht mit mir gegangen, so hätte ich nicht überlebt", sagt Cohn im Film. "Meine Mundharmonika hat mir das Leben gerettet." Bis heute reist Cohn durch Deutschland, trotz seiner tief sitzenden Angstgefühle, spricht mit Kindern und Jugendlichen und erzählt seine Geschichte im Dienst eines "Nie wieder" und "Erkennt die Anfänge und wehret ihnen". Sein Anliegen ist von beklemmender Aktualität.

Nach Ende des Films herrscht berührtes Schweigen, gedankenvoll begeben sich die Zuschauer auf den Heimweg. Mehr wollte die Filmgruppe "DocView" nicht erreichen.

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