Die hebräischen Schriftzeichen auf den "Mäusezetteln", die Johanna Voss beim Sanieren gefunden hat, sind um die 160 Jahre alt und zeugen von der jüdisch geprägten Geschichte des Gebäudes.
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Die hebräischen Schriftzeichen auf den »Mäusezetteln«, die Johanna Voss beim Sanieren gefunden hat, sind um die 160 Jahre alt und zeugen von der jüdisch geprägten Geschichte des Gebäudes.

Wildromantisch in Stammheim

Kleines Gartenparadies mit Geheimnissen

  • vonInge Schneider
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Naturgärten liegen im Trend - als Refugien für Pflanze, Tier und Mensch. Ein solches »Paradies vor der Haustür« besitzt Johanna Voss am Haus Stern in Stammheim. Hier gibt es viel zu entdecken.

Rotes Weinlaub rankt am Haus Stern in der Stammheimer Schlossgasse empor. Zarte Schrift auf weißem Grund vermerkt Name und Alter: Um 1690 wurde das heute denkmalgeschützte Haus erbaut, seit 2000 ist es sich im Besitz der Diplom-Designerin und Autorin Johanna Voss und ihres Mannes Thomas Lange.

Kinder in alle Winde zerstreut

Eine bebilderte Tafel der Stadt erläutert Näheres zur Geschichte des Hauses Stern. Gesichert ist, dass der Kaufmann Samuel Stern, geboren am 25. Januar 1831 in Staden, gestorben am 27. Mai 1888 in Stammheim, und seine Frau, die Nieder-Mockstädterin Johanna Rosenthal (1834 bis 1871), hier gelebt haben, mutmaßlich ab 1855.

Ihre Kinder zerstreuten sich nach dem Tod der Mutter in alle Winde. 1926 wurde das Stern-Haus an die Nachbarfamilie Alt verkauft und blieb deren Eigentum bis 2000 zum Verkauf an Voss und Lange.

Schreibhütte aus Fundstücken

»Mein Mann und ich sind dieser Geschichte des Hauses durch einen Zufall auf die Spur gekommen«, erinnert sich Voss. »Alles begann mit den ›Mäusezetteln‹. Beim Sanieren entdeckten wir in einer Lehmwand ein Mäusenest.

Wie sich herausstellte, hatte die kleine Bewohnerin ihr Zuhause etwa 160 Jahre zuvor weich ausgepolstert: mit Zeitungs-, Buch- und Stoffresten sowie mit ein paar Schnipseln, die hebräische Buchstaben trugen.« Sie stammten aus einem Gebetbuch, das mutmaßlich für den Gebrauch in der damaligen Stadener Synagoge bestimmt war.

Erzwungene Entschleunigung

Voss begab sich auf Spurensuche, unterstützt unter anderem von Monika Kingreen, der Stadt und Bürgermeister Herbert Unger, den Stadtarchivaren Kurt Leidecker, Rolf Lutz und Jürgen Reuß sowie mit Mitteln der Dorferneuerung. Herausgekommen sind eine Buchveröffentlichung, Lesungen und Erzählcafés.

»Die jetzige Phase der durch Corona erzwungenen Entschleunigung, Ruhe und größeren Schlichtheit des Alltags kommt mir sehr entgegen. Ich finde Zeit für Sanierungsarbeiten am Haus und für den Garten, der mir Freude und Inspiration, Nahrung und Heilkraft schenkt«, sagt Voss.

Sie lässt den Blick über ihren Naturgarten schweifen, in dem viele Blütenpflanzen, Heil- und Küchenkräutern seit alters zu Hause sind. Die letzten Wildbienen tummeln sich im herbstlichen Sonnenschein.

Schreibhütte im Bau

Voss ist gerade dabei, sich eine Schreibhütte im hinteren Teil des Gartens zu erbauen, durchweg aus geschenkten und gefundenen Materialien. Die vielseitige Designerin, Grafikerin und Illustratorin, ausgebildete Landwirtin, orientalische Tänzerin und langjährige Akteurin im 2018 aufgelösten Frauenkabarett Hick-Hack, benötigt ein kleines Refugium.

»Ich bin eine eher bodenständige Frau und in meinem Leben nur wenig gereist. Durch den Fund der ›Mäusezettel‹ ist damals die Welt zu mir gekommen und mit ihr eine Aufgabe. Was ich erreichen möchte, ist Erinnerung an die einstigen jüdischen Nachbarn und Mitbürger, Bewusstheit und letztlich Heilung.«

Jüdische Schicksale erforschen

Was sie über die Vorgeschichte des Hauses Stern herausfinden konnte, hat sie im Band »Mein immergrünes Dorf« niedergelegt. Das Buch entstand nach einem Aufruf in einer deutschsprachigen israelischen Zeitung, der ihre Freundschaft mit der inzwischen verstorbenen Stammheimerin Hedi Strauß geb. Becker begründete.

Diese hat nicht nur ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, sondern auch darauf gedrungen, die Schicksale der anderen jüdischen Familien des Dorfes zu erforschen. Dieser Prozess dauert bis heute an.

Philosophie der Kräuterexpertin

»Im Sommer lebe ich fast durchgängig im Garten«, sagt Voss. »Seit meiner Kindheit liegt es in meiner Natur, beides sein zu wollen: Künstlerin und Bäuerin.« Ein Traum, den sie verwirklicht hat - nicht zuletzt durch ihrem wild-romantischen Garten.

Voss ist Schriftführerin des Büdinger Kneipp-Vereins; auf ihre Initiative hin wurde zum 20. Todestag der Kräuterfrau und Heilerin Grete Flach 2014 der Dokumentationsfilm »Die weise Frau von Büdingen« mehrmals gezeigt.

Voss’ Garten ist gemäß der Philosophie dieser Kräuterexpertin angelegt. »Ich halte es mit Grete Flachs Philosophie ›Es soll alles sein Leben haben‹ und greife nur ein, wo es nötig ist. Der Garten ist mein Wohnzimmer: Als große Frau kann ich mich hier freier bewegen als unter den niedrigen Decken meines Fachwerkkleinods.«

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