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Busunternehmen in der Krise

Florstadt: 70 Jahre Pfannmüller-Reisen - und dann kommt Corona

  • vonKatharina Gerung
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Die Reisebusbranche ist von der Pandemie besonders hart betroffen. Pfannmüller-Reisen aus Florstadt wird 70 Jahre alt, bereits die vierte Generation arbeitet mit - und wurde nun abgemeldet.

Eigentlich hätte es in diesem Jahr eine große Feier geben sollen. Sieghard und Ellen Pfannmüller hatten einen genauen Plan im Kopf, die Vorfreude war groß. Nun ist dem Ehepaar nicht mehr nach feiern zumute. Seit 70 Jahren gibt es das Florstädter Busunternehmen, schon die vierte Generation arbeitet im Familienbetrieb - und genau dieser Generation musste nun gekündigt werden. Grund: Die Busbranche ist nahezu zum Erliegen gekommen, es geht nur schleppend voran, die Kunden haben Angst vor einer Infektion, und so fehlt das Geld. Viel Geld.

"Uns fehlen aktuell bis zu 85 Prozent unseres Umsatzes", sagt Sieghard Pfannmüller. Die Sommermonate von Juni bis August gehörten eigentlich zu den umsatzstärksten des Jahres. 8000 Euro seien während der aktuellen Pandemie in diesem Zeitraum gemacht worden. Normal wären rund 40 000 Euro. Pfannmüller hat noch eine Zahl, die das Ausmaß der Situation wiedergibt: "Eigentlich bekommen wir 40 bis 50 Anfragen jede Woche. Gerade sind wir froh, wenn es drei sind." Seine Frau stimmt dem zu: "Es ist schwierig, die Leute in den Bus zu bekommen."

Pfannmüller-Reisen: Viele Stammkunden gehören zur Risikogruppe

Vereinsfahrten, Klassenfahrten, Tagesfahrten, Pauschalreisen ins In- und Ausland - die Pfannmüllers haben für gewöhnlich die unterschiedlichsten Aufträge in ihren Büchern stehen. Ein Großteil der Stammkunden gehört jedoch zur Risikogruppe. "Viele sind über 80 und haben entweder Angst, sich anzustecken, oder wollen sich von den Maßnahmen nicht einschränken lasen", sagt Ellen Pfanmüller.

Die Verordnungen für Reisebusse sind im Vergleich zu denen für Linienbusse oder die Bahn verhältnismäßig streng. Bei den Pfannmüllers stößt das auf Unverständnis: "Warum wird hier mit zweierlei Maß gemessen?"

Alle Verkehrsunternehmen müssen umfassend Hygiene gewährleisten. Etwa mit Desinfektionsmittel in den Fahrzeugen, einer Mundschutzpflicht oder der Überwachung der Ein- und Ausgänge. Doch es gibt Unterschiede: Bei Gruppenfahrten, Busreisen oder Klassenfahrten gilt zusätzlich ein entsprechendes Abstandgebot. Im Linienverkehr dagegen nicht. Im Flixbus, im Nahverkehr, in Bahn oder Flugzeug darf trotz Infektionsrisiko eng beieinandergesessen werden. Dagegen wurde der Reisebusverkehr Mitte März sogar ganz verboten, während der Linienverkehr erlaubt blieb - auch mit Bussen.

Die Abstandsregelung macht es der Reisebusbranche schwer. Das haben auch Sieghard und Ellen Pfannmüller erfahren. Zum einen fühlen sich die Gäste nicht wohl, sagen sie, zum anderen wäre es wirtschaftlicher Wahnsinn, mit mehreren Bussen ein Ziel anzusteuern - in der Theorie, denn eine Vollbesetzung erreichen sie dieser Tage bei Weitem nicht.

Pfannmüller-Reisen Florstadt: Fixkosten von 20 000 Euro

"Seit März haben wir drei größere Fahrten unternommen", sagt Sieghard Pfannmüller. Ansonsten seien es sechs im Monat. Am 14. September soll es für fünf Tage nach Bad Zwischenahn im Ammerland gehen. Bei einer Fahrt wie dieser seien in der Regel um die 50 Teilnehmer dabei - aktuell sind es 19. "Wir haben jeden davon einzeln angerufen", sagt der Unternehmer. "In den vergangenen Monaten habe ich bestimmt 300 Gespräche geführt."

Besonders leid tut es dem Paar um die eigenen Kinder. Beide waren im kleinen Familienunternehmen fest angestellt - Sohn Yannik als Busfahrer, Tochter Alina als Bürokraft. Noch im März mussten die Eltern sie und die anderen sechs Mitarbeiter abmelden. Es habe überhaupt keine Arbeit mehr gegeben. Dafür monatliche Fixkosten von gut 20 000 Euro für die eigenen Löhne, Versicherungen, Bushallenmiete und Busdarlehen. "Das Schlimme ist, dass kein Land in Sicht ist", sagt Ellen Pfannmüller. "Wenn es so weitergeht werden wir nun Stück für Stück unseren Fuhrpark verkaufen müssen", sagt ihr Mann. Mit einem Bus etwa könnten die verbleibenden Kosten eines Jahres bezahlt werden.

Bereits im März hat Familie Pfannmüller Soforthilfe beantragt und auch bekommen. Für die im Juli vom Bundesministerium für Verkehr bereitgestellten 170 Millionen Euro für die Busbranche hat sie sich ebenfalls beworben. "Ein Tropfen auf den heißen Stein - aber immerhin", sagt Ellen Pfanmüller. "Wir haben Glück, dass wir ein gutes Polster haben." Anderen, die sie aus der Branche kennen, gehe es nicht so. "Es muss weitergehen, sonst stirbt die Branche. Ich denke, dass es schon jetzt die Hälfte aller Busunternehmen die Existenz gekostet hat."

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