Klaus Hoffmann und sein Freund Hawo Bleich am Flügel begeisterten in Florstadt bereits zum zweiten Mal. FOTO: LUTZ
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Klaus Hoffmann und sein Freund Hawo Bleich am Flügel begeisterten in Florstadt bereits zum zweiten Mal. FOTO: LUTZ

Feuerwerk interessanter Melodien

  • vonStephan Lutz
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Florstadt(sl). Bereits zum zweiten Mal gastierte Klaus Hoffmann im Kulturprogramm. Im Winter 2019 vom Saalbau Lux begeistert, beglückte der Berliner sein Publikum diesmal im Rahmen des pandemiebedingt abgespeckten Florstädter Kultur-Herbstes im auf Abstand getrimmten Bürgerhaussaal erneut mit deutschsprachigen Chansons von Jacques Brel - und "dat janz" ohne Berliner Schnauze,

Hoffmann begeistert mit sinnhaften und stimmungsvollen Interpretationen des anspruchsvollen Liedguts, gefühlvoll-sanft und gleichzeitig gefühlvoll-streng setzt er seine Stimme ein, die ihm laut "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" FAZ zum "einzig legitimen Brel-Interpreten Deutschlands" macht.

Dankenswerterweise verzichtet Hoffmann auf die expressive und dramatische Vortragsweise des belgischen Originals, auch wenn er sich schon mal in Stimmung, wenn nicht sogar in Rage singt. Der Chanson lebt bekanntlich von seinem aussagekräftigem Text. Und damit hat Hoffmann mit den französischen Vorlagen eines Jacques Brel überhaupt keine Probleme.

Bissige Gesellschaftskritik

Ganz gleich, ob Liebeslieder oder bissige Gesellschaftskritik, ob schmeichelndes Wortgut oder obszöne bis vulgäre Textur bei Trink- und Partysongs: Hoffmann glänzt immer wieder mit einer perfekten Inszenierung, spielt gekonnt mit Tempo und Tempi. Auch, weil er nicht nur gelegentlich zur Gitarre greift, sondern eigentlich durchweg von Hawo Bleich am Flügel begleitet wird, den Bürgermeister Herbert Unger als "kongenialen Partner" angekündigt und damit nicht zu viel versprochen hat.

Beide liefern ein Feuerwerk interessanter Melodien und bekannter Werke wie "Amsterdam", "Die Marquesas", "Marieke", "Die Spießbürger" oder "Geh nicht fort von mir", welches im Original "Ne me quitte pas" heißt und an dem sich auch bereits eine gewisse Shirley Bassey versucht hat.

Das und vieles andere über Brel und Hoffmann selbst erfährt der Konzertbesucher zwischen den Liedern. Hoffmann gibt sich als brillanter Entertainer, wenn er Szenen der Brel’schen Schaffenskraft beleuchtet und gleichzeitig mitfühlen lässt, wie er damals auf den französischen Chansonnier, der ja eigentlich ein Belgier war, aufmerksam wird. Es lässt sich aber auch vortrefflich schmunzeln über den Scherzbold, der knackende Knochen mit "ich wachse wohl noch" kommentiert, für die Pause eine Lesung aus seinem letzten 300-Seiten-Werk ankündigt und das Publikum mit "das Beste, was wir heute Abend auftreiben konnten" adelt.

Hoffmann kennt Brel anfangs gar nicht, ist aber sofort von seinen Werken fasziniert: diese Chansons auf Deutsch, das soll sein Ding werden. Später treten beide gemeinsam auf. Er haut als 18-Jähriger erst mal ab und kommt mit Freund Siggi bis nach Afghanistan. "Ich sah aus wie ein Mix aus Kinski und Klum nach meiner Rückkehr", meinte Hoffmann, der zunächst Medikamente ausfährt und dann Briefträger wird. "In den Clubs in Berlin spielen Reinhard Mey und Hannes Wader und Karl Dall hat "ein Auge auf mich geworfen". Er selbst hat keine Vorbilder und sucht nach Liedern, die sich nicht in irgendwelche "ismen" pressen lassen. Er hört Brel, der raus aus Belgien und seiner verhassten, platten Heimat, dem flachen Flandernland, will. Und Hoffmann nimmt das Publikum mit in die Zeit der Veränderungen, seiner Pubertät, seinen ersten Geh- und Stehversuche mit dem anderen Geschlecht - bis "ich endlich selbst schön und berühmt und die Frauen hinter ihm her sind". Und er sammelt durch nette Anekdoten mit Bruce Springsteen, Harald Juhnke oder Inge Meisel viele Schenkelklopfer beim Publikum, das ihn gemeinsam mit Hawo Bleich mit stehenden Ovationen verabschiedet und erst nach drei Zugaben von der Bühne lässt.

Klaus Hoffmann erzählt: "Brel war vom Krebs zerfressen in der Südsee gelandet. Er sang vom Tod und hat das Leben gemeint. Vom Cortison war sein Gesicht aufgedunsen: er sah aus wie heute Trump."

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