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Chaos in Stammheims Straßen

  • vonStephan Lutz
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Florstadt-Stammheim (sl). In den letzten Kriegstagen Ende März beziehungsweise Anfang April 1945 ist Stammheim wahrscheinlich eine große Katastrophe erspart geblieben. Aus Anlass der 75. Wiederkehr der Eroberung Stammheims durch die US-Streitkräfte haben Mitglieder des Arbeitskreises Dorfgeschichte eifrig recherchiert und unter anderem einen Brief eines ehemaligen SS-Offiziers aus Göppingen gefunden, in dem zu lesen war: »Am 2. April 1945 habe ich auf Bitten meiner verwundeten Kameraden, ebenso auf Bitten der Bevölkerung ihren Ortsteil Stammheim an die US-Truppen übergeben. Es ging hier um Minuten, denn Stammheim drohte die Gefahr, durch Granaten und Bomben total zerstört zu werden.«

Die Sorgen dieses deutschen Offiziers waren durchaus berechtigt, denn an den Tagen zuvor hatten Soldaten der 6. SS-Gebirgsjäger-Division Einzug in Stammheim gehalten und sich in Häusern und Scheunen verschanzt. Um sie zu verscheuchen, hatten die Amerikaner bereits annähernd 60 Granaten auf Stammheim abgeschossen, die allerdings nur geringen Schaden anrichteten.

Eine Frage von Minuten

Der inzwischen verstorbene Karl Schneeberger erinnerte sich: »Vor den anrückenden amerikanischen Truppen hatte sich eine SS-Einheit in Stammheim verschanzt. Durch die aktive Luftaufklärung hatten die Amerikaner die Stellungen genau ausmachen können. Der Beschuss mit Granaten war schlimm: Mehrere deutsche Soldaten verloren ihr Leben. Zahlreiche Gebäude wurden beschädigt, das Haus der Familie Weickert in der Erbsengasse brannte sogar bis auf die Grundmauern aus.«

Dem Vorsitzenden des Arbeitskreises Dorfgeschichte Stammheim, Rolf Lutz, ist es zu verdanken, dass die Ereignisse in den letzten Kriegstagen in Stammheim nahezu lückenlos dokumentiert werden konnten.

Schreie nach dem Schuss

Der inzwischen verstorbene Otto Wagner schilderte die Ereignisse rund um den 28. März wie folgt: »Mittags zwischen 13 und 14 Uhr erreichten die amerikanischen Panzer von Altenstadt kommend Stammheim. Sie fuhren langsam in das Dorf hinein. Der erste Panzer eröffnete das Feuer auf das Haus der Familie Nagel, nachdem sich am Fenster etwas bewegt hatte. Ein Geschoss traf die dort wohnende Anna Weickert. Ihre Schreie hörten die Amerikaner. Sie wurde vor Ort behandelt und schließlich in ein amerikanisches Lazarett gebracht. Später zogen die Amerikaner Richtung Staden ab. Kurze Zeit später rückte eine SS-Einheit in Stammheim ein. Es herrschte ein absolutes Chaos in Stammheims Straßen. Abgekämpfte und hungrige deutsche Soldaten, Geschütze, Militärfahrzeuge, darunter zwei eroberte amerikanische Panzer, über 100 gefangene US-Soldaten, herrenlose Pferde und angsterfüllte Menschen sorgten für ein großes Durcheinander.«

Interne Recherchen ergaben, dass die Amerikaner zum ersten Mal am 28. März in Stammheim einrückten. Sie durchsuchten jedes Haus nach Waffen oder verstecken deutschen Soldaten. Später zogen sie Richtung Staden weiter. Die zahlreichen Zeitzeugen, die AK-Leiter Rolf Lutz befragen konnte, vermittelten weitere Details.

Scharf auf Hühnereier

Waltraud Ruf brachte zu Protokoll: »Am 1. April 1945 wurden wir frühmorgens mit lautem Kanonendonner geweckt. Wir gingen um 8.30 Uhr in die Kirche zur Konfirmation. Nachdem der Beschuss immer stärker geworden war, brach Pfarrerin Hetterich den Gottesdienst ab und wir rannten nach Hause. Hastig verstecken wir uns in den Kellerräumen. Kurze Zeit später donnerten schwere Panzer durch die Ortsstraßen. Wir wurden aus dem Keller geholt und aus dem Haus vertrieben. Amerikanische Offiziere machten sich in unserem Haus breit. Sie verzehrten alles Essbare.« Irma Maiwald erinnert sich, dass die amerikanischen Soldaten ganz scharf auf Hühnereier waren.

Die meisten Zeitzeugen hatten nichts Gutes über die Besatzer zu berichten. Für eine Ausnahme sorgte Familie Helmut Reichhold. Helmut Reichhold erinnert sich, dass es sich in dem Gebäude der Familie mindestens 20 Amerikaner gut gehen ließen. »Das lag wohl auch daran, dass sie zuvor unsere Fremdarbeiter verhört hatten und die uns ein gutes Zeugnis ausgesprochen hatten.« Glücklicherweise zog die SS-Einheit in der Nacht zum 1. April 1945 aus dem Dorf heraus Richtung Nieder-Mockstadt und Stockheim. Der Beschuss ließ nach, und Stammheim war gerettet.

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